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Kritik an Xavier Naidoo: "Als Vorbild nicht mehr akzeptabel"

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Naidoo im Juli in Berlin: "Das ist mir alles wurst" Zur Großansicht
Getty Images/ Redferns

Naidoo im Juli in Berlin: "Das ist mir alles wurst"

Er möchte auf alle Menschen zugehen, auch auf NPD-Anhänger, sagt Xavier Naidoo über seine umstrittenen Auftritte am 3. Oktober. Politiker seiner Heimatstadt Mannheim gehen nun auf Distanz zum Popsänger und Werbeträger der Stadt.

Mannheim - Vielen Menschen, die an den sogenannten Montagsdemos in Berlin und anderen deutschen Städten teilnehmen, dürfte es lediglich darum gehen, sich mit anderen Unzufriedenen auszutauschen, andere Meinungen als die der Mainstream-Medien und -Politik zu hören. Leider tummeln sich auf Veranstaltungen wie diesen aber auch Staatsfeinde, Antisemiten, Verschwörungstheoretiker, Links- und Rechtsextreme. So wie die "Reichsbürger", die sich als staatenlos bezeichnen und die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik anzweifeln.

Am 3. Oktober hat der Popsänger Xavier Naidoo in Berlin vor dieser fragwürdigen Gruppe in Berlin eine Rede gehalten. Im Publikum soll sich auch der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke befunden haben, danach trat Naidoo auch noch bei der sogenannten Mahnwache der "Montagsdemonstranten" am Kanzleramt auf. (Beide Auftritte Xavier Naidoos auf YouTube ansehen.)

Nach anhaltender Kritik verteidigte sich der 43-Jährige nun erneut, dieses Mal in einem Interview mit dem SWR-Magazin "Zur Sache Baden-Württemberg": "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu 'Reichsbürgern'. Auch auf die NPD. Das ist mir alles wurst." Weiterhin rechtfertigte sich Naidoo am Donnerstag: "Die Frau Merkel kann sich auch nicht aussuchen, ob sie vor den Linken oder vor irgendjemandem spricht. Sie muss als Bundeskanzlerin vor allen sprechen."

Der Sänger behalte sich das Recht vor, sich "systemkritisch" zu äußern, "deswegen musste ich zu beiden Veranstaltungen hingehen - zu den Menschen der Mahnwachen und zu den Menschen, die sich 'Reichsbürger' nennen, weil es sind alles Systemkritiker so wie ich. Wir brauchen diese Meinungsfreiheit, um unsere doch nicht ganz massentaugliche Meinung zu sagen."

Die politische Offensive in eigener Sache des populären Pop- und TV-Stars ("Sing meinen Song") sorgt in Naidoos Heimatstadt Mannheim zusehends für Unmut. Bereits am Wochenende - nach den Auftritten Naidoos am Einheitstag - hatte die Mannheimer Bündnis-90/Die Grünen-Fraktion eine Anfrage an den Gemeinderat formuliert, die sich mit Naidoos Aktivitäten beschäftigt.

"Als Vorbild nicht mehr akzeptabel"

Jetzt legte der Mannheimer Grünen-Stadtrat Gerhard Fontagnier nach. Naidoo habe sich "mit den jüngsten Äußerungen vor der SWR-Kamera komplett ins Abseits befördert", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Wir haben mit der Kommunalwahl im Mai 2014 einen vorbestraften NPDler in den Gemeinderat bekommen und tun alles, um diesen zu isolieren und seine antidemokratischen Positionen nicht zum Zuge kommen zu lassen. Wem das wurscht ist und wer auf solche Figuren zugehen will, befördert sich zusammen mit diesen ins Aus."

Und auch Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) erklärte in einem offiziellen Statement, Naidoo stelle sich "mit seinen politischen Äußerungen ins Abseits und in die Nähe von Personen, wo er meines Erachtens nicht hingehört". Der sozial und für die Stadt engagierte Künstler vertrete radikal libertäre, antistaatliche Positionen, mit denen sich Mannheim als Stadt nicht identifizieren könne. "Eine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit zur Darstellung der Stadt ist nicht aktuell und derzeit auch nicht denkbar", so Kurz.

Die Gemeinde in Baden-Württemberg reagiert vor allem deshalb so empfindlich, weil Naidoo in einige prestigeträchtige Stadtmarketing-Projekte als Imageträger involviert ist. Laut Fontagnier plant die Stadt mit Naidoo und dem Musikproduzenten Michael Herberger (ehemals Söhne Mannheims) einen rund zehn Hektar großen "Medienpark" auf dem ehemaligem US-Kasernengelände "Taylor Barracks", der, so Fontagnier, bisher als "repräsentative Eingangspforte" im Norden der Stadt betrachtet wurde.

Eine Schlüsselrolle kommt Naidoo zudem bei der aktuellen Bewerbung Mannheims als Unesco-Musikstadt zu. Der Bewerbungstext bezeichnet den Sänger als "Galionsfigur und Ikone" der lokalen Pop-Szene, wegen seiner indisch-südafrikanischen Abstammung sei er ein prominenter Vertreter der reichhaltigen Immigrantenkultur Mannheims.

Laut Fontagnier müsse die Fortführung der bisherigen Planung mit Naidoo unter diesen Verhältnissen gründlich überdacht werden. Die Stadt müsse sich "mit ihm an einen Tisch setzen und ihn fragen, ob er seine politischen Aktivitäten fortsetzen wird". Zudem müsste dann ausgeschlossen werden, dass im Falle einer Fortsetzung derselben diese im Medienpark stattfinden. Was die Bewerbung zur Unesco-City of Music anbelangt, hofft Fontagnier, "dass die Jury nicht von Naidoo auf Mannheim schließt. Da ist er als Vorbild und Botschafter nicht mehr akzeptabel".

Fontagnier, 1954 geboren, ist kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion und Kenner der Mannheimer Musikszene. Xavier Naidoos kritische Äußerungen sind ihm seit Längerem bekannt, 2012 versuchte er, den von Ritualmorden handelnden hidden track "Wo sind sie jetzt" auf dem gemeinsamen Album mit Rapper Kool Savas bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index zu bekommen.

Der Politiker ist sicher, dass Naidoo seine Worte ernst meint, vermisst aber konkrete Lösungsansätze: "Er bezeichnet sich als Systemkritiker, nennt aber keine Alternativen und hat in diesem System bisher sehr gut gelebt und verdient. Er behauptet, Deutschland sei kein souveräner Staat, 9/11 sei ein amerikanisches Komplott gewesen und die Systeme ständen alle der Freiheit im Wege." Nur mit "Liebe" und "Freiheit" lasse sich aber kaum ein Gesellschaftssystem formen - und "Freiheit" könne eben auch das Abseits für Schwache und Mittellose bedeuten, sagte Fontagnier.

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