Xavier Naidoo Jesus bei den Reichsbürgern

Popsänger Xavier Naidoo hat mit Auftritten vor Verschwörungstheoretikern und Rechten am Einheitsfeiertag für Aufsehen gesorgt. Warum nur? Der Mannheimer vergleicht sich mit Jesus: Der sei auch auf "alle Menschen" zugegangen.

Xavier Naidoo (2012 bei einem Benefizkonzert): Popsänger wird Polit-Aktivist
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Xavier Naidoo (2012 bei einem Benefizkonzert): Popsänger wird Polit-Aktivist

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"Da hab ich gedacht, dann komm ich auch mal rum", sagte Xavier Naidoo am Einheitsfeiertag, hielt also vor dem Kanzleramt eine kurze Rede und stimmte den Refrain seines Songs "Was wir alleine nicht schaffen" an. Applaus. Darauf übernahm wieder Carschten Halter das Mikrofon, der als Antisemit geltende Organisator und Moderator vieler sogenannter Montagsdemo-Veranstaltungen. Halter sang nicht, sondern skandierte markige Sprüche gegen Israel, gegen die Nato und die Haltung der Bundesrepublik im Ukraine-Konflikt.

Zuvor war Naidoo schon bei den 300 Teilnehmern einer Friedenskundgebung vor dem Reichstagsgebäude rumgekommen und hatte auch dort eine Rede gehalten. Veranstalter dieser Demo: unter anderem die Reichsbürgerbewegung, in der Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme und andere Wahnhafte sich als staatenlos deklarieren und die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik anzweifeln. Im Publikum, so berichteten es zahlreiche Medien übereinstimmend, war auch der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke. Naidoo, am Tag zuvor 43 Jahre alt geworden, sagte ins Mikro, er habe "keine Ahnung, wer hier steht, mir geht's nur um die Liebe". (Beide Auftritte Xavier Naidoos auf YouTube ansehen)

Seitdem steht der Sänger im Shitstorm. Die Mannheimer Grünen wollen laut einer Meldung des Rheinneckarblogs am 14. Oktober vom Gemeinderat wissen, ob die "jüngst bekannt gewordenen politischen Aktivitäten von Xavier Naidoo" mit Blick auf die zahlreichen städtischen Prestigeprojekten, in die der berühmte Sohn Mannheims eingebunden ist, "nicht (...) Mannheim angelastet werden".

Dabei ist das, was Naidoo am Freitag über seine gesellschaftspolitische Einstellung sagte, gar nicht neu. Neu ist, dass er sich an die abseits der Massenmedien organisierte Klientel der Geschichtsverdreher, Antisemiten, Nato-Gegner und Rechtspopulisten nun erstmals in der Öffentlichkeit wandte. Da wirkt es geradezu unglaubwürdig naiv, wenn der Medienprofi Naidoo vorgibt, er wisse gar nicht, vor wem er rede.

Offenbar, so schildert es seine Managerin Merle Lotz am Dienstag am Telefon, war der Popsänger Xavier Naidoo am vergangenen Freitag, dem Tag der deutschen Einheit, "allein mit dem Fahrrad" in Berlin unterwegs gewesen. Wohl ganz zufällig befand er sich ausgerechnet zum Beginn der Kundgebungen in der Nähe von Bundestag und Kanzleramt. Und da muss ihn sein missionarischer Drang überkommen haben. Es habe weder eine Einladung von einer der beteiligten Organisationen gegeben, noch habe Naidoo geplant, am Einheitsfeiertag aufzutreten.

Naidoo selbst, der sich bisher nicht geäußert hatte, verbreitete am Dienstag folgendes Statement: "Ich möchte Stellung beziehen zu den Schlagzeilen in Deutschland und möchte meinen Kollegen danken, die sich selber vergewissert haben, das ich weder homophob noch irgendwie rechtsradikal bin."

"Zeit, Stellung zu beziehen"

Sein großes Vorbild, so Naidoo weiter, sei Jesus. "Er ist auf alle Menschen zugegangen. Ich möchte ebenfalls auf Menschen zugehen, egal wo sie sind, egal wo sie herkommen. Ich möchte von Liebe, Frieden, Gerechtigkeit und meiner Überzeugung sprechen. Am Tag der deutschen Einheit war es eine tolle Möglichkeit. Ich forderte die Menschen auf, alles für den Frieden zu tun. Mir war natürlich bewusst, das ich kritisiert werden kann, wenn ich das mache, aber es ist für mich an der Zeit, einfach Stellung zu beziehen. Ich finde, wir sind an einem kritischen Punkt in Europa angekommen, und ich bin ganz klar gegen Krieg." Die Menschen, so Naidoo, "haben mich, als ich im Publikum stand, angesprochen, ob ich etwas sagen möchte, und das habe ich getan."

Naidoo, ein überzeugter Christ, ging es in seinen Liedern schon immer um die Suche nach Gott und die Nächstenliebe. Und in jüngster Zeit auch immer öfter um Wahrheiten, die er im öffentlichen Diskurs offenbar vermisst. Der 11. September 2001, sagte Naidoo am Freitag vor den Reichsbürgern, "sei ein Warnschuss gewesen. Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was da erzählt wurde, der hat einen Schleier vor den Augen, ganz einfach." Mit gutmütigen Aufrufen, dass "Deutschland nie wieder Krieg führen darf" tarnt Naidoo gerne einen anscheinend tief sitzenden Antiamerikanismus, der bei Verschwörungstheoretikern und Rechtsnationalen auf Wohlwollen und Applaus trifft.

Schon 2011 bei einem Auftritt im ARD-"Morgenmagazin" hatte er gesagt, dass er Deutschland für ein "besetztes Land" halte. Schon als Jugendlicher habe er in seiner Heimatstadt Mannheim erfahren, wie sehr sich die dort stationierten US-Streitkräfte weiterhin als Besatzungsmacht aufführten. Von dieser Haltung aus ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zu der in Reichsbürger-Kreisen populären These, dass Deutschland kein souveräner Staat sei, sondern ein Vasall der USA - von der NSA überwacht und als Standort für Atomwaffen und Mörder-Drohnen missbraucht.

In einem Interview mit dem Internetblog "Sons of Libertas", das am Wochenende veröffentlicht wurde (auf YouTube ansehen), zeigt sich Naidoo zusammen mit dem Journalisten und Buchautor Oliver Janisch ("Das Kapitalismus-Komplott"), ehemals Vorsitzender der "Partei der Vernunft". Janichs neuestes Buch, das gegen die politische Klasse gerichtete "Die vereinigten Staaten von Europa", erwähnt Naidoo auch in einem seiner neuen Songs ("So sehe ich das auch"), im Internet unter dem Namen seiner Mannheimer Impro-Combo Straßenunterhaltungsdienst veröffentlicht (Lyric-Video auf YouTube). Programmatischer Titel: "Die Wahrheit". Darin kritisiert er nicht nur Bundespräsident Gauck und Kanzlerin Merkel, er stellt auch die umstürzlerische Frage: "Haben wir nicht bald alle Staatsformen ausprobiert?"

Im plaudernden Gespräch mit den "Sons of Libertas" wird klar, dass Naidoo eine romantische Idee von einer libertären Gesellschaft hat, in der jeder seine Meinung sagen kann und sich verwirklichen darf, unbeeinflusst von staatlicher Kontrolle oder von durch Massenmedien verordnete Dogmen. Leitmotive seien darin "Respekt und Liebe".

Damit reiht sich einer der bekanntesten und populärsten Sänger des Landes dann also ein in die Kakofonie der abseitigen Spinner, Israel-Hasser, Amerika-Feinde, Verfassungsgegner und Demokratie-Skeptiker, die ebenfalls alle behaupten, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Das dürfe, nein: müsse man ja wohl noch. Mit Xavier Naidoo hat diese seltsam aus Links, Rechts und Esoterisch zusammengewürfelte Gemeinde nun leider ein neues, prominentes Mitglied.



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