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Theater-Hits 2014: Die besten neuen Stücke des Jahres

Von , und Wolfgang Höbel

Theater-Hits 2014: Mütter und Maschinenmenschen Fotos
Thomas Aurin

Das Jahr ist zu Ende, das Theater geht weiter. Was wird von 2014 bleiben? Hier nennen Kritiker von SPIEGEL und KulturSPIEGEL die Inszenierungen, die sie in diesem Jahr am meisten beeindruckt haben. Streng subjektiv natürlich. Teil 1: Die besten neuen Stücke.

Berlin: Common Ground

Eine israelische Regisseurin macht sich mit sieben Schauspielern zu einer Recherche-Reise ins ehemalige Jugoslawien auf. Fünf der Schauspieler sind dort geboren, einer ist Deutscher, eine ist Israelin. Gemeinsam suchen sie nach Spuren des Bosnienkriegs, vor Ort und in ihrer Erinnerung - und stellen die Reise anschließend auf der Bühne einfach nach. Scheinbar einfach, denn die Kunst der Regisseurin Yael Ronen und ihres Ensembles besteht darin, die Geschichten pointiert zu verdichten und gleichzeitig roh und direkt wirken zu lassen. Es wird gestritten, gelacht und geweint, die unterschiedlichen Sichtweisen prallen aufeinander, aber die Verständigung bleibt möglich.

Selten gelingt es, auf der Bühne so unmittelbar das Leben abzubilden - als sei man live bei einem Versöhnungsakt dabei. and

Yael Ronen & Ensemble: "Common Ground". Inszeniert von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater Berlin . Nächste Vorstellung am 12. Januar, Karten unter Telefon 030/20221115. Gastspiele am Thalia Theater Hamburg am 31. Januar und am 1. Februar, Karten unter Telefon 040/32814444.

Wien: Die lächerliche Finsternis

Das kommt nicht oft vor: dass ein neues Stück gleich in sechs Theatern auf dem Spielplan steht - in Wien und Hamburg und Berlin und Essen und Wiesbaden und Luzern. Dem jungen Autor Wolfram Lotz, 33, ist das mit seinem Kriegsstück "Die lächerliche Finsternis" gelungen, einer blitzgescheiten Überschreibung von Joseph Conrads Erzählung "Herz der Finsternis" und Francis Ford Coppolas Film "Apocalypse Now". Lotz lässt Afghanistan, Afrika und Ex-Jugoslawien ineinander verschwimmen, sodass ein fiktives Krisengebiet entsteht, oder besser: ein Klischeegebiet. In diesem Klischeegebiet machen sich diejenigen lächerlich, die vorgeben, sich nützlich zu machen - die Mitteleuropäer.

So sensationell der Text ist, so sensationell ist die Uraufführung-Inszenierung von Duran David Parizek in Wien. Er veredelt die Vorlage noch einmal, auch dank einer Entdeckung: der Schauspielerin Stefanie Reinsperger. Gemeinsam schicken sie uns Zuschauer nicht auf Expedition ins Landesinnere eines Krisengebiets, sondern auf Expedition in unsere kollektive Innenwelt. tob

Wolfram Lotz: "Die lächerliche Finsternis". Inszeniert von Dusan David Parizek am Akademietheater Wien. Nächste Vorstellungen am 14., 16. und 29. Januar, Karten unter Telefon 0043(0)15131513.

Auf Tour: Frühlingsopfer

2010 gelang den Performern des Kollektivs She She Pop ein Riesenhit: eine Familienaufstellung, die den Titel "Testament" trug. Sie holten ihre Väter zu sich auf die Bühne - und setzten sich mit ihnen live vor Publikum auseinander, inspiriert von Shakespeares "King Lear". Der theatralen Gruppentherapie ließen sie 2014 den zweiten Teil folgen: die Mütter-Version "Frühlingsopfer", inspiriert von Igor Strawinskys "Le sacre du printemps".

Anders als die Väter, sind die Mütter nicht live zugegen, sondern nur in Filmbildern, die auf riesige Leinwände projiziert werden. Der Effekt: Die mütterlichen Vorbilder schweben über den Köpfen der Kinder, aber direkt eingreifen können die Mütter nicht. Sie haben vor vielen Jahren zugunsten ihrer Familie nicht nur auf eine Karriere verzichtet - sondern auch darauf, in der Öffentlichkeit zu stehen. Dort stehen die Kinder nun stellvertretend für sie - und fragen sich zurecht, ob das nicht auch ein Opfer bedeutet.

"Frühlingsopfer" ist ein hochemotionaler, schonungslos direkter Abend. Ein Abend zum Verlieben: in die Performer - und in ihre Mütter. tob

She She Pop: "Frühlingsopfer". Eine Koproduktion von She She Pop , dem Berliner HAU und anderen. Nächste Vorstellungen am 15., 16. und 17. Januar auf Kampnagel Hamburg, Kartentelefon 040/27094949.

Göttingen: Homo Empathicus

Die Theaterautorin Rebekka Kricheldorf hat den Wunschtraum nach einer politisch korrekten Gesellschaft zu Ende geträumt - und ist in einem Albtraum aufgewacht: in einer Gesellschaft, in der nur übervorsichtige Gesundheitsfanatiker leben, die nicht rauchen und kein Fleisch essen, aber literweise klares Wasser trinken, um ihre reinen Körper durchzuspülen. In einer Gesellschaft, in der nur hypersensible Tierfreunde leben, die sich sogar davor fürchten, auf eine Ameise zu treten. In einer Gesellschaft, in der nur gestelzt förmliche Besserbürger leben, die in einer geschlechtsneutralen und auch ansonsten diskriminierungsfreien Sprache miteinander sprechen. Es ist eine Gesellschaft, die unbotmäßige Begriffe verbannt hat, um unbotmäßiges Verhalten zu beheben. Eine gehirngewaschene Gesellschaft. "Homo Empathicus" hat Kricheldorf ihre Gesellschaftssatire genannt, und der neue Göttinger Intendant Erich Sidler hat sie mit dem gesamten Ensemble auf die Bühne gebracht. Zu sehen ist das Drama einer Gesellschaft, für die es kein Drama mehr gibt. Eine Gesellschaft von Maschinenmenschen. tob

Rebekka Kricheldorf: "Homo Empathicus". Inszeniert von Erich Sidler am Deutschen Theater Göttingen. Nächste Vorstellungen am 29. Januar, 14. Februar und 6. März, Kartentelefon 0551/496911.

Auf Tour: Tauberbach

Was ist schön? Warum blenden wir das Hässliche so oft aus? Der belgische Choreograf Alain Platel zeigt uns in "Tauberbach" eine hässliche Welt, skizzenhaft und unsentimental, aber er will nicht, dass wir uns dem Elend stellen, er will, dass wir diese Welt mit anderen Augen sehen.

Sein Stück basiert auf einem Dokumentarfilm über eine schizophrene Frau in einer brasilianischen Favela. Sie irrt durch einen Müllberg - bei Platel sind es Kleiderhaufen - und kämpft dabei, spröde und mit großer Energie, gegen die Stimme in ihrem Kopf, die sie fertigmachen will und die wir aus dem Off hören. Sie muss sich aber auch in der Gruppe behaupten, bei den anderen, die auf diesem Kleiderberg leben, jugendlicher und übermütiger als sie.

Die Schauspielerin Elsie de Brauw spielt die Frau, die anderen sind Tänzer von Platels Ballets C de la B. Sie tanzen zu Kantaten von Bach, die sich mitunter merkwürdig verzerrt, ja falsch anhören - weil sie von Gehörlosen gesungen werden. Aber wer bestimmt, welche Seh- und Hörweise, welche Lebensweise die richtige ist? and

Alain Platel: "Tauberbach". Die Koproduktion der Münchner Kammerspiele mit Les Ballets C de la B und anderen tourt durch die ganze Welt. Die nächsten Vorstellungen in Deutschland: am 15., 16. und 17. Juni an den Münchner Kammerspielen, am 19. und 20. Juni am Staatsschauspiel Dresden.

Nächste Woche: Die besten Klassiker-Inszenierungen des Jahres 2014.

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