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US-Politologe Mounk: "Demokratie ist zum leeren Slogan verkommen"

Demokratiekrise: Vorboten einer neuen Weltordnung Fotos
Reuters

Steht das Ende der stabilen Demokratien bevor? Für den Politologen Yascha Mounk hat sich der Westen zu lange einer Selbsttäuschung hingegeben. Mit dem Aufstieg Chinas könnte sich die Weltordnung völlig verändern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mounk, Sie machen sich Sorgen um die Demokratie. Warum?

Mounk: In der Politikwissenschaft herrscht die Meinung vor, dass die Demokratie ein extrem stabiler Regime-Typ sei. Ich habe schon lange die Befürchtung, dass das nicht stimmt. Viele Faktoren, die wir seit 250 Jahren als gegeben hingenommen haben - und die vielleicht für die bisherige Stabilität der Demokratie verantwortlich gewesen sind -, verändern sich momentan.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Mounk: Seit 250 Jahren war der mächtigste Staat der Welt fast immer eine Demokratie: zuerst England, dann die USA. Das ist nicht mehr der Fall, China ist dabei, der mächtigste Staat der Welt zu werden. Seit 250 Jahren geht es jeder Generation im Durchschnitt besser als ihrer Elterngeneration. Auch davon können wir heute nicht mehr ausgehen: Seit 30 Jahren stagniert in Europa und Nordamerika der Lebensstandard des Durchschnittsbürgers. Allein aufgrund dieser Tatsachen müssen wir uns überlegen, ob wir wirklich wissen, warum moderne, wohlhabende Demokratien bisher so stabil waren.

Zur Person
  • Yascha Mounk, Jahrgang 1982, ist freier Publizist und Doktorand für politische Theorie an der Harvard University. Er ist Mitbegründer des Debattenmagazins "The Utopian" und schreibt unter anderem für die "New York Times", das "Wall Street Journal" und "Foreign Policy". In diesem Frühjahr erschien in den USA sein Buch "Stranger In My Own Country" über das Aufwachsen als jüdischer Deutscher. Gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Meaney publizierte er in der Wochenzeitschrift "The Nation" einen viel beachteten Essay über die Zukunft der Demokratie.
SPIEGEL ONLINE: Sie stellen aber nicht nur die Stabilität moderner Demokratien in Frage, sondern unseren Demokratie-Begriff insgesamt.

Mounk: Wenn man vom Ur-Begriff der Demokratie ausgeht und Demokratie als Herrschaft des Volkes versteht, dann leben wir sicher nicht in einer Demokratie. Wir regieren uns im Höchstfall sehr indirekt selbst. Wir machen alle vier Jahre unser Kreuzchen, und in der Zwischenzeit tun unsere Repräsentanten, was sie wollen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber keine neue Erkenntnis.

Mounk: Nein, im Gegenteil. Die amerikanischen Gründerväter etwa haben explizit darauf bestanden, dass sie eine repräsentative Republik und nicht etwa eine Demokratie entwarfen. Echte Demokratien empfanden sie als irrational und instabil. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde unsere Staatsform, also die repräsentative Republik, zur Demokratie umgedeutet. Wir mussten uns nicht mühsam selber regieren, konnten uns aber trotzdem damit schmeicheln, dass die Macht irgendwie beim Volk lag.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist diese Fiktion aber nicht mehr plausibel.

Mounk: Aufgrund des Internets wäre eine direkte Demokratie heute wieder möglich: Wir müssten einfach nur online über jedes Gesetz diskutieren und dann abstimmen. Nur haben die Leute weder Zeit noch Lust dazu, sich zu den meisten öffentlichen Belangen wirklich eine Meinung zu bilden. Das zeigt auf eine neue Weise, wie hohl das Versprechen der Demokratie ist.

SPIEGEL ONLINE: Wenn es keine wirklichen Demokratien gibt, stimmt auch das Geschichtsmodell nicht mehr, wonach alle Staaten über kurz oder lang auf die Organisationsform der Demokratie zusteuern.

Mounk: Die Idee, dass die Selbstregierung der historische Endpunkt der Menschheit ist, ist tatsächlich naiv. Ich glaube weder, dass die übrige Welt darauf zusteuert, noch bin ich vollkommen davon überzeugt, dass diese Systeme sich im Westen über die nächsten 50 oder 100 Jahre halten werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich den Systemwandel im Westen vor?

Mounk: Ich nehme an, wir werden uns auch in 100 Jahren noch als Demokratie bezeichnen. Aber wie diese Demokratie dann aussehen wird, ist schwer vorherzusagen. Die Realität unserer Staatsformen verändert sich ja jetzt schon drastisch. Die USA sind eine plutokratische Republik, in Europa ringen Technokraten und Populisten um die Nachfolge des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates. Demokratisch nennen sich heute die NPD ebenso wie die SPD, die USA ebenso wie Nordkorea.

SPIEGEL ONLINE: Sie bezeichnen die USA als Plutokratie. Warum?

Mounk: Die Reichen haben viel mehr Einfluss auf die Gesetzgebung als die Armen. Es gab kürzlich eine Studie der Universität Princeton, die untersucht hat, zu welchem Grad die öffentliche Meinung in den USA in Politik umgesetzt wird. Das Ergebnis war erschreckend. Wenn eine Mehrheit innerhalb der reichsten Bevölkerungsschicht etwas will, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es über kurz oder lang auch passiert.

SPIEGEL ONLINE: Welche Probleme wirft in der Praxis das Auseinanderklaffen von Selbstbeschreibung und Realität auf?

Mounk: Es gibt zwei Probleme. Die Machtlosigkeit der Politik wird ebenso offensichtlich wie die Machtlosigkeit der Bürger. Das andere Problem ist, dass unsere sogenannten Demokratien es immer schlechter schaffen, den Leuten das zu bieten, was sie sich wünschen - nämlich Frieden und Wohlstand. Dadurch entsteht eine Vertrauenslücke, die unsere heutigen Staaten zunehmend instabil macht.

SPIEGEL ONLINE: Diese Systemskepsis und die damit verbundene Instabilität ist aber kein rein westliches Problem.

Mounk: Überhaupt nicht. Man muss sich ja nur den arabischen Frühling anschauen.

SPIEGEL ONLINE: Eine wirkliche Alternative zu unserem System, wie auch immer man es bezeichnen mag, gibt es aber noch immer nicht.

Mounk: Die meisten Menschen sind eben noch immer einem falschen Demokratiebegriff verhaftet. Und das hat ja auch etwas Positives: Unser System hat trotz aller Probleme sehr viel Gutes an sich. Die Herausforderung ist, die Bevölkerung wieder zufriedenzustellen, ohne aufzugeben, was uns an unserem System lieb und wichtig ist.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem historischen Moment würden Sie unseren Augenblick vergleichen?

Mounk: Mit dem Ende des Mittelalters. Damals gab es keinen Gottesbeweis mehr, auf den sich die meisten Gelehrten hätten einigen können. Aber es gab noch ein Restvertrauen darin, dass es Gott geben muss. So ähnlich geht es uns heute mit der Demokratie. Wir wissen nicht mehr so richtig, warum Demokratie als einzige Regimeform legitim sein soll. Aber wir glauben irgendwie noch immer daran, dass die Demokratie das einzig Gute und Wahre ist. Demokratie ist zu einem leeren Slogan verkommen, an den wir quasireligiöse Gefühle binden.

Das Interview führte Sebastian Moll

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insgesamt 143 Beiträge
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    Seite 1    
1. Nichtssagend
ratio_legis 13.06.2014
Zitat von sysopReutersSteht das Ende der stabilen Demokratien bevor? Für den Politologen Yascha Mounk hat sich der Westen zu lang einer Selbsttäuschung hingegeben. Mit dem Aufstieg Chinas könnte sich die Weltordnung völlig verändern. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/yascha-mounk-harvard-ueber-die-krise-der-demokratie-a-973808.html
Verstehe ich nicht. Genau diese beiden Konstanten haben wir in Deutschland doch. Frieden seit fast 70 Jahren, Wohlstand im Weltmaßstab gesehen auf einem relativ hohen Standard.
2. Der Niedergang der Demokratien ...
pekaef 13.06.2014
... ist ein Problem des neoliberal-kapitalistischen Systems, in dem die Plutokraten glauben, sie könnten durch die Schaffung eines totalen Überwachungsstaats Revolutionen unterbinden und ihre Herrschaft dadurch in alle Ewigkeit zementieren. Nach dem Motto der Globalisierung: Plutokraten aller Länder, vereinigt euch!
3.
vox veritas 13.06.2014
Zitat von ratio_legisVerstehe ich nicht. Genau diese beiden Konstanten haben wir in Deutschland doch. Frieden seit fast 70 Jahren, Wohlstand im Weltmaßstab gesehen auf einem relativ hohen Standard.
Die Frage ist doch: Wie lange noch?
4. Das Modell Schweiz funktioniert jedenfalls und
amnesiac 13.06.2014
es wird mir, angesichts der Arroganz der etablierten Parteien, immer noch sympathischer!
5. Demokratie in der Krise
n.r.g.mecklenburg 13.06.2014
Der demokratische Gedanke ist schon immer utopische Fiktion gewesen. Denn seit je her gilt: Ein Mensch eine Meinung, viele Menschen viele Meinungen. Die Demokratie ist nur ein Instrument der Bündelung von Überschneidungen der unterschiedlichen Meinungsinhalte. Es werden lediglich Kompromisse geschaffen. Aber es gibt in Kompromissen nun mal nur Verlierer.
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