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Jüdische Kindheit in Süddeutschland: Lost in Laupheim

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Yascha Mounk: Irgendwie jüdisch Fotos
Yascha Mounk

Ein junger Jude in der schwäbischen Provinz: In seinem Buch "Stranger In My Own Country" erinnert sich der mittlerweile in New York lebende Yascha Mounk an seine Kindheit - und erregte damit die Aufmerksamkeit US-amerikanischer Medien.

Es geschieht eher selten, dass die "New York Times" über Laupheim, Landkreis Biberach, Einwohnerzahl laut Wikipedia: 19.543, berichtet. Noch seltener geschieht es, dass sie den Kindheitserinnerungen eines Jungen aus Laupheim beinahe eine Seite freiräumt.

Genau dies geschah jedoch gerade, unter der Überschrift "German, Jewish and Neither" erschien ein Essay über Laupheimer Erinnerungen, verfasst von Yascha Mounk, Jahrgang 1982. Mounk ist in Laupheim aufgewachsen, in dem einst eine größere Bevölkerungsgruppe jüdischer Konfession lebte. Doch als Mounk dort 1992 die 5. Klasse begann, "waren meine Mutter und ich die einzigen Juden im Ort".

In der ersten Stunde rief der Lehrer in seiner neuen Klasse die Namen auf, schreibt er, und das ging so:

"Allsbach, Lisa, protestantisch oder katholisch?" - "Katholisch." - "Gut."

"Bach, Klaus." - "Protestant."

"Emmerle, Johannes"... So ging es weiter bis zu Mounk, Yascha. "Ich glaube, ich bin irgendwie jüdisch", sagte Mounk, die Klasse brüllte vor Lachen. Ein Mitschüler rief: "Erfinde nichts. Jeder weiß, dass es keine Juden mehr gibt." Der Klassenlehrer, Herr Weiss, stellte die Ruhe wieder her. "Yascha, du wirst eine Freistunde haben, wenn die anderen zum Religionsunterricht gehen. Es gibt einen Türken in der anderen Klasse, ihr könnt euch Gesellschaft leisten."

Und, nach einer Pause, sagte Herr Weiss, Juden gäbe es ja auch wieder. Ein paar.

"Ein echter Jude"

Der Autor, mittlerweile Doktorand an der Harvard University, schildert so seine schwierige Identitätssuche - als junger Mensch, der sich als Deutscher versteht, und doch für die meisten zuerst Jude bleibt, in einem Land, das kaum mehr Menschen dieses Glaubens kennt. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten nur noch rund 15.000 Juden in Deutschland, einst waren es 500.000. Lange war ihnen das Land der Täter unheimlich. Erst seit dem Ende des Kalten Krieges, als viele osteuropäische Juden heimkehrten, ist die Gemeinde hierzulande wieder auf rund 100.000 gewachsen.

Mounk, obwohl erst 31 Jahre alt, beschreibt die Entwicklungsstufen im schwierigen Verhältnis von nicht-jüdischen Deutschen und Juden. Etwa als die intensive bundesdeutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust dazu führte, dass Judentum in Deutschland regelrecht hip wurde. Er schreibt: "Auf einmal durfte in keiner Literaturlesung ein jiddisches Gedicht fehlen, und bei keiner Galerieeröffnung jüdische Klezmer-Musik." Auch der Umgang anderer mit ihm wandelte sich, vor allem als Mounk nach München zog. "Ich wurde als eine Art Berühmtheit behandelt - jemand, den man bewundert, weil er anders ist, den man aber auch irgendwie vorsichtig behandeln muss." Also trauten sich auf Partys Freunde nicht mehr, Witze über Woody Allen zu machen. Und ein Mädchen trat auf ihn zu, sie sagte: "Oh, wie aufregend, ein echter Jude."

Nach und nach wurde Mounk so die Heimat Deutschland fremd. Es war weniger offene Feindlichkeit, die ihm dieses Gefühl vermittelte - obwohl Mounk auch hässliche Bemerkungen schildert, gerade in den Jahren nach Martin Walsers umstrittener Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche über die "Moralkeule" Auschwitz. "Eher war es das betonte Wohlwollen. Ich begriff, dass sogar mir wohlgesinnte Mitbürger mich zunächst als Juden sahen, dann erst als Deutschen. Also begann auch ich mich so zu fühlen."

Mounk zog schließlich nach New York, wo mehr als eine Million Juden leben - und sein Judentum so normal war, dass es ihm schlagartig weniger wichtig wurde.

Der angehende Wissenschaftler hat über seine komplizierten Erinnerungen ein ganzes Buch geschrieben, "Stranger In My Own Country". Der Text in der "New York Times" war nur ein Auszug.

Mounks Fazit fällt ambivalent aus: "Es gibt mehr deutsche Juden, die mit dem Leben in Deutschland hadern, als ich erwartet hatte." Andererseits schienen die wenigsten von ihnen nicht-jüdische Deutsche für heimliche Antisemiten zu halten. Eher herrsche Traurigkeit, dass trotz beidseitigen guten Willens jüdisches Dazugehören noch immer kompliziert sei. Mounk zeigt auch Verständnis für Leser aus Deutschland, die sich bei ihm meldeten, wie überdrüssig sie solcher Debatten seien. "Soll unsere Vergangenheitsbewältigung nie genug sein, fragen sie mich zu Recht."

Vielleicht kann es aber schlicht nie genug sein, auch nach all den Jahren. Mounk jedenfalls will in den USA bleiben.


Yascha Mounk, "Stranger in My Own Country. A Jewish Familiy in Modern Germany", Farrar, Straus and Giroux

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