Yasmina Rezas Komödie "Bella Figura" Lieber gleich vögeln

Slapstick mit Quickie-Feeling: Die Premiere "Bella Figura" von Erfolgsautorin Yasmina Reza geriet in der Berliner Schaubühne zum gehobenen Boulevardhandwerk in Zeiten von Scheidungsrekorden. Dagegen konnte auch Nina Hoss nicht anspielen.

Nina Hoss als Andrea in "Bella Figura": Bergab auf dem Boulevard
Arno Declair

Nina Hoss als Andrea in "Bella Figura": Bergab auf dem Boulevard


Es war, als hätte man den Gästen einer heiß erwarteten Party Champagner versprochen und dann lieber doch nur blubberfreies Vichy-Wasser serviert. Reichlich belämmert standen viele Premierenbesucher nach diesem kurzen Theaterabend an der Berliner Schaubühne herum. Man hatte sich herzlich müde geschmunzelt an diversen Sottisen über Sex, Ehebruch, Altersverfall und das ganze alltägliche Zeug - und mittendrin hatte der stets smarte, ein bisschen verzweifelte Schauspieler Mark Waschke den Satz gesagt: "Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf einem Unglückspfad befinden."

Die französische Dramatikerin Yasmina Reza hat ein neues Stück namens "Bella Figura" verfasst, das nun an der Schaubühne Weltpremiere feierte. Reza ist mit den Stücken "Kunst" und "Der Gott des Gemetzels" sehr berühmt geworden. In beiden Dramen hat die Autorin quietschlustiges Entertainment mit genauer Menschenbeobachtung kombiniert.

Sie hat das oft (immer zu Unrecht) unterschätzte Genre der Boulevardkomödie auf den neuesten Stand gebracht: indem sie scheinbar zivilisierte Männer und Frauen aus sogenannten besseren Kreisen zeigte, die aus nichtigen Gründen sensationell lustig und sensationell böse übereinander herfielen.

"Bella Figura", das neue Werk der mit vielen internationalen Preisen dekorierten und inzwischen 56 Jahre alten Yasmina Reza, ist ein Auftragswerk. Von der Autorin gewünscht hat sich dieses Stück Thomas Ostermeier, der mit internationalen Preisen dekorierte Chef der Berliner Schaubühne. Ostermaier, 46, hat das Stück dann auch gleich in seinem Haus zur Uraufführung angerichtet. Was sollte da schiefgehen?

"Es geht für jeden bergab"

Es fängt schon mal super an. Wie eigentlich nie auf einer deutschen Theaterbühne sieht der Theaterzuschauer vor sich eine sündhafte Frühlingsnacht-Szenerie wie aus einem Film von Claude Chabrol. Zwei schöne, wenngleich nicht mehr junge Menschen sitzen in einem ausgeleuchteten Automobil. Man hört Grillen zirpen, das Paar steigt aus. Die Schauspielerin Nina Hoss stakst in einem kurzen Rock auf langen Beinen, der Schauspieler Mark Waschke fuchtelt in einem schicken Anzug ausgiebig mit den Händen durch die Luft. In der Sekunde darauf verkündet der Mann, den Waschke da spielt, er habe eigentlich nur eines im Sinn: "Wir nehmen ein Zimmer im Ibis und vögeln gleich", sagt er. "Wäre mir ohnehin lieber."

"Bella Figura" spielt auf dem Parkplatz, auf der Toilette und im Speisesaal eines Restaurants. Es ist ein Stück über Boris (Waschke), einen betrügerischen Ehemann aus der Mittelschicht, der mit seiner Firma vor der Pleite steht, und über Andrea (Hoss), seine eher proletarische, als Apothekenhelferin arbeitende Dauergeliebte seit mehr als vier Jahren. Andrea und Boris wollen sich einen schönen Abend in einem Fischlokal in der Nähe von Bordeaux machen, streiten aber - und stoßen schon auf dem Parkplatz mit einem anderen Paar namens Françoise und Eric (Stephanie Eidt und Renato Schuch) zusammen, das Boris peinlicherweise kennt.

Außerdem ist da noch eine ziemlich demente alte Frau (Lore Stefanek), Erics Mutter, die dauernd von ihren Tabletten, ihrem Geburtstag und ihrer gestohlenen Handtasche schwadroniert. Zwischendurch fällt die Alte gern überraschend in Ohnmacht. "Es geht für jeden bergab", sagt sie und grient mit maximaler Bosheit ihre Schwiegertochter an. "Auch für dich, Françoise!"

Slapstick gegen den Stillstand

"Bella Figura" ist Boulevardhandwerk in Zeiten von Scheidungsrekorden und Alzheimerei. Aber ist es wirklich ein eleganter, cleverer Theaterstreich nach Art von Yasmina Reza? Rezas beste Stücke sind perfekt gebaute Komödien des eskalierenden Horrors, dieses hier walzt nur eine einzige Situation aus. Das nach vier Jahren der heimlichen Verabredungen ohnehin am Affärenende angelangte Liebespaar ist ertappt und wird von der spießigen Françoise böse attackiert.

Thomas Ostermeier versucht dem Stillstand mit Slapstick und Bedeutungshuberei beizukommen. Er lässt auf die Bühnenrückwand Bilder von Tigermücken, Heuschrecken, krabbelnden Hummern projizieren. Er bemüht im Programmheft Weisheiten von Borges, Ovid und Dante. Er treibt Waschke und Hoss dazu, in einer gläsernen Toilette übereinander herzufallen und sich dann, als sie ertappt werden, die Gesichter an den Fensterscheiben plattzudrücken.

Mehr und mehr wird der Abend eine Solonummer für Nina Hoss, die das nicht ganz neue Drama der ewigen Geliebten, die sich stets in die falschen Kerle verliebt und bald durch Alkohol und Pillen ins Lallen verfällt, tatsächlich mit großer Bravour und einiger Tapferkeit auszufüllen versucht.

Gegen die Erkenntnis, dass an diesem Theaterabend etwas total Unerhebliches verhandelt wird, ist aber auch alle Hoss-Virtuosität machtlos. "Bella Figura" schildert die sexuellen Neurosen einer gründlich untergegangenen Bürgerwelt. Männer müssen sich hier fragen lassen, ob sie denken, "dass das Glück der Frauen in euren Händen liegt". Wer bitte denkt und redet heutzutage so?

Die Erfolgsschriftstellerin Reza behauptet am Ende ihres neuen Stücks, im Kern gehe es darin um die Nutzlosigkeit allen menschlichen Strebens. "Man bricht mit seinem kleinen Bündel auf, um die Welt zu erobern. Man bildet sich ein, die Armee rücke vor, aber man verkümmert an Ort und Stelle." Dieser Satz, gesprochen von Nina Hoss, ist ein keineswegs Reza-typischer Schlusssatz, gerade weil er so hochtrabend formuliert ist.

Man möchte sofort fragen: Von welcher Armee ist hier plötzlich die Rede? Und von welcher Sorte der Verkümmerung? Könnte es sein, dass es sich um ein in der Not militärisch aufgemotztes Kapitulationssignal handelt - die schrecklich schief gekrächzte Schlussfanfare eines ausgesprochen kümmerlichen Stücks? Leider ja.


"Bella Figura". Von Yasmina Reza. In der Schaubühne Berlin. Nächste Vorstellungen am 18., 19. und 20.05. sowie am 05., 06., 09., 10., 11., 13., 14. und 15.06.; Karten unter www.schaubuehne.de.



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Seite 1
gagarin2006 19.05.2015
1. Leider falsch....
- und mittendrin hatte der stets smarte, ein bisschen verzweifelte Schauspieler Mark Waschke den Satz gesagt: "Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf einem Unglückspfad befinden." Dieser Satz wird von Renato Schuch, dem Eric Blum des Stücks gesagt.
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