Yello-Star Dieter Meier Der Künstler ist bewaffnet

Mit Yello wurde er zum Popstar, doch als Künstler ist Dieter Meier noch viel anarchischer: Mal stellte er sich mit Pistole in eine Ausstellung, mal zahlte er New Yorker Passanten einen Dollar für das Wörtchen "Yes". In Berlin ist nun ein Querschnitt seiner Werke zu sehen.


Gleich nach seiner Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich stieg Dieter Meier aus seiner kurzen Karriere als Aktions- und Konzeptkünstler aus. Er hatte keine Lust auf das "Kunstrennen".

Wenig später stieg Meier in eine andere Kunstsparte wieder ein - und wurde weltberühmt: als Teil der Popgruppe Yello.

Dass Meier bildender Künstler war - und immer noch ist -, wissen nur wenige. Jetzt sind zum ersten Mal alte und ganz neue Arbeiten von Meier zu sehen: im Berliner Projektraum Grieder Contemporay.

Stefan Zweifel, Publizist, Übersetzer und Kurator hat die Ausstellung zusammengestellt. Nach einer Situationisten-Schau vor drei Jahren in Zürich, in der auch Arbeiten Meiers gezeigt wurden, öffnete der ihm sein "Archiv des Flüchtigen und Nichtigen". Und alles war noch da: Unbekannte Videos, alte Fotokontaktbögen, maschinengetippte Anweisungen für Aktionen, frühe Skizzen und verschwundene Werkgruppen. Manches hatte selbst Meier längst vergessen, einiges galt als verschollen.

Jetzt hängen Fotos und die Beschreibungen seiner Aktionen - und einige Yello-Videos - in drei Räumen an den Wänden. Nicht als "Re-Ästhetisierung" seiner Aktionen, "sondern man soll verstehen, was ich da gemacht habe", sagt Meier.

Psychiatrie verständigt

1970 ging er für eine Ausstellung in München zwölf Stunden lang durch die Stadt und markierte jede Minute mit gestempelten Uhren-Aufklebern, wo er gegangen, gestanden oder ausgeruht hatte, um "sich bewusst zu werden, wie Zeit vergeht", sagt Meier. Mit dem Thema hat er sich häufig beschäftigt: Im Kunstmuseum Luzern stempelten Besucher an einer Stechuhr die Zeit ab, die sie in einem leeren Raum verbracht hatten. Der Sinn sei gewesen, "dass sie mir ein oder zwei Minuten ihres Lebens gewidmet haben", sagt Meier. Mehr Zeit brauchte seine documenta-Arbeit von 1972 bis zu ihrer "Vollendung". Meier ließ eine 60 x 60 Zentimeter große Gusseisenplatte auf dem Kasseler Bahnhofsplatz in den Boden einbringen: "Am 23. März 1994 von 15 bis 18 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen. Kassel, 27. Juni 1972" stand darauf. Als er dann sein Versprechen einlöste, kamen "Hunderte, einschließlich des Oberbürgermeisters, der gratulierte, ohne zu wissen, um was es ging", sagt Meier.

Schneller waren andere Aktionen: Im ICA London zeigte Meier einen Film mit der Anweisung, die Besucher mögen sich das weiße große Blatt Papier, das sie an der Kasse bekommen hatten, jetzt bitte zehn Minuten lang vor die Augen halten. "Das war dann der Film." In München baute er in einem Hof einen großen Holzkubus auf, suchte aus dem Telefonbuch 30 Personen heraus, die er einlud, ihm zuzusehen, wie er sich eine Stunde lang im Kubus aufhalten würde - die Aktion fand statt, vor einem einzigen Besucher.

Seine Aktion in New York (1971) sahen mehr Leute: Meier stand von 21 bis 23 Uhr zur Ausstellungseröffnung im Eingang des New York Cultural Center mit einer Pistole in der Hand, vor sich ein Schild "This man will not shoot". Zwei Tage später kaufte er auf der Straße für einen Dollar von Passanten das Wort "Yes" oder "No" und bescheinigte jedem die Aktion mit einem "Certificate". Zwei anrückenden Polizisten erklärte er seine Aktion, die verständigten daraufhin zwei spezialisierte Kollegen aus der Psychiatrie.

"Keinen anderen Sinn, als dass es da ist"

Wahrscheinlich war auch Meiers Vater von der ersten Aktion seines Sohnes, 1969 in Zürich, irritiert: "Während fünf Tagen von 7 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr zählt Dieter Meier auf einem öffentlichen Platz aus einem großen Haufen gleichgroßer Metallstücke je 1000 Stück in Säcke ab." "Schulklassen kamen zum Zusehen", sagt Meier, "es war irritierend, dass da jemand ernsthaft etwas macht, worin kein Sinn zu sehen war". Als ein Zuschauer endlich auf der Kiste, auf der Meier saß, den Aufdruck "Import Export" las, war er glücklich, "es war für ihn eine Erlösung, dass er sich einen Sinn machen konnte für etwas, das einfältig, dumm und leer war".

Sein Vater, ein Bankier, hatte von der Aktion aus der Zeitung erfahren: "Der bekannte Underground-Künstler Dieter Meier" stand da unter einem Foto des völlig unbekannten Metallstücke-Zählers. "In jedem Büro der Bank stieß mein Vater auf das Zeitungsbild dieses langhaarigen Taugenichts" sagt Meier. Ein Grund, sich auf den Platz fahren zu lassen und aus großer Distanz seinem Sohn zuzuschauen. "Er hat sicher gedacht: Hier sitzt mein Sohn und macht etwas, was wir nicht nachvollziehen können", sagt Meier. Und fügt hinzu: "Aber es ist da, weil ich es will, es hat keinen anderen Sinn, als dass es da ist." Eine wunderbare Erklärung für Meiers Kunst.


Dieter Meier, "En Passant - Werke von 1969 - 2010". Bis 24. Juli 2010, Berlin, Grieder Contemporary Projects

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
miko55 01.05.2010
1. Wunderbare Kreativität
Zitat von sysopMit Yello wurde er zum Popstar, doch als Künstler ist Dieter Meiers noch viel anarchischer: Mal stellte er sich mit Pistole in eine Ausstellung, mal zahlte er New Yorker Passanten einen Dollar für das Wörtchen "Yes". In Berlin ist nun ein Querschnitt seiner Werke zu sehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,692312,00.html
Lässt man sich auf diese Arbeiten ein, erlebt man die Grenzen des eigenen Bewußtseins bzw. Standpunktes und dadurch eine Erweiterung. Das Ganze ist eine schöne, friedliche und intelligente Art und Weise, sich selbst zu spüren und Fragen an das eigene Leben zu stellen. Hier zeigt sich das Wesen und die Kraft der Kreativität. Viel besser und konstruktiver als jede Katastrophe.
sub_zero 01.05.2010
2. Bitte ausfüllen
Einen guten Überblick über das künstlerische Schaffen Dieter Meiers findet man auch auf seiner Website http://www.dietermeier.com/
Nothing is irreversible 01.05.2010
3. Guter Tip
fahre ich doch mal in die Mommsenstrasse!
moonoi 01.05.2010
4. ey dieter
bravo, ich weiss du liest es, zuechteste noch rinder in argentinien? haelste Boris immer noch im keller gefangen ;-) ( boris macht die musik fuer yello, dieter singt da blos druebr, und bezahlt die rechnungen). was ich an dieter klasse finde dass der sein millioenchen, die er mitgebracht hat, fuer quatsch ausgibt, ferraris zb. oder auch filme. vor ein paaar jahren hatte er ne premiere auf der berlinale fuer einen film an dem er schon jahrelang dran gebastelt hatte. als star hate er den hollywood kaempen Rod steiger dabei. der sass eine reihe vor mir waehrend der premiere. der film war so schlecht und vor allem LANGWEILIG dass ich, als aufrechter Dieter Meier Fan mehrfach einzuschlafebn drohte. als dann der abspann kam, ist Mr. Steiger schnell aus dem kino raus. und es kam wie es kommen musste, Wieland Speck damals schon leiter des Panorama holte Dieter auf die buehne und der kuendigte stolz, in seinem unnachahmlichen schweizer dialekt Rod Steiger an, der aber nicht mehr da war. wat peinlich, fremdschaemen.,.. ich habe mir nicht getraut zur premierenparty in die Paris Bar zu gehen, weil, wennn mich Dieter gefragt haette ich haette nicht luegen koennen... das soll nix schmaelern, sein kunst bewerte ich ich nicht soo doll, aber mit Yello hat er nen echten knaller gelandet. RESPEKT! und das schon vor 30 jahren, mann die zeit rast. ich glaube es quaelt ihn trotz der ganzen kohle, dass er bisher nicht wirklich als kuenstler-kuenstler wahrgenommen wurde. dieter, herzlichen glueckwunsch!
W. Robert 01.05.2010
5. Technokrat?
Den Beuys habe ich ja mal erlebt, das war etwas seltsam. Da gefallen mir Meiers Kuststücke schon besser, sie haben Witz, das ist wichtig. Ernst kann jeder Depp, und das en Masse. Die Musik, na ja. Warhol konnte auch wenig in dieser Hinsicht. Aber für Schweizer Verhältnisse ist das Weltspitze. Was eben auffällt: Mit der nötigen finanziellen Unabhängigkeit kann man sich zumindest der aufgeblasenen Wichtigtuerei der Staats-und Konzernkunst halbwegs entziehen. Wenn man allerdings zugunsten der "l'art pour art" gänzlich auf gesellschaftliche Relevanz verzichtet ergibt sich schnell eine beliebige Belanglosigkeit. Mir ist jedenfalls unklar, ob Meier überhaupt eine Meinung zur Weltpolitik hat oder ob sie ihm in seinem goldenen Käfig am Hintern vorbei geht.
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