Yoko-Ono-Ausstellung Im Leichenwagen der Hohepriesterin

Wer die Beatles vergöttert, hasst jene Frau, die die Fab Four angeblich spaltete. Doch Yoko Ono gilt auch als begabte "Hohepriesterin des Happenings". Eine Bielefelder Schau zeigt nun eine Auswahl ihrer Werke. Mit dabei: ein Trimmrad, eine Stubenfliege - und ein Leichenwagen.


Wäre Yoko Ono Politikerin, würde sie in einem Wurf drei Dinge angehen: Frieden schaffen ohne Waffen, das Image der USA aufpolieren und den Haushalt sanieren. Und das wäre gar nicht schwer. "Statt teure Bomben abzuwerfen", so schlägt sie vor, "sollten wir mit Fallschirmen tonnenweise Geld abwerfen, und wir würden uns auf der Stelle viele Freunde machen. Werft Geld ab. Das ist billiger."

Doch der Weltfrieden muss leider warten. Denn Yoko Ono ist zwar engagiert, aber nicht Politikerin. Aber auch als Künstlerin tut sie was: "Imagine Peace" hat sie in riesigen Lettern schwarz auf weiß an die Fassade der Kunsthalle Bielefeld schreiben lassen - dort, wo ab dem heutigen Sonntag ihre bisher größte europäische Werkschau zu sehen ist.

Die 1933 in Tokio geborene Bankierstochter hatte immer schon einen etwas weiteren Horizont. Als Spross einer angesehenen japanischen Familie hat sie die Schule der Angehörigen der Kaiserfamilie besucht und später als eine der ersten Frauen in Japan Philosophie studiert. Um 1960 etablierte sie sich in New York als Experimentalmusikerin, Performerin und Mitbegründerin von Fluxus- und Konzeptkunst.

Für "Cut Piece" lud sie das Publikum ein, ihr stückweise die Kleider vom Leib zu schneiden. Für "Bottoms" (1966) ließ sie die Kamera 80 Minuten lang auf 365 Hinterteile der Londoner Künstler- und Intellektuellenszene halten.

1969, als sie den Ober-Beatle John Lennon heiratete, orientierte sich die "Hohepriesterin des Happenings" endgültig in Richtung Weltfrieden. Legendär ist die gemeinsame Honeymoon-Performance: Das Paar mietete sich im Amsterdamer Hilton ein, blieb dort für eine Woche im Bett liegen und lud die Presse an den Bettrand, um im Pyjama Statements über den Frieden abzugeben. Beim zweiten "Bed-in" in Montreal gaben sie mehr als 60 Interviews und Lennon komponierte die Hymne jener friedensbewegten Jahre: "Give Peace a Chance".

Nicht immer und schon gar nicht, nachdem Lennon 1980 erschossen worden war, hatte Ono die Presse auf ihrer Seite. Sie sei der Spaltpilz der Beatles gewesen, hieß es. Oder: Sie habe ihren Mann hintergangen und betrogen.

Die Popautorin Julie Burchill befand, wenn Ono singe, klinge sie "wie ein gequälter Hamster". Und noch kürzlich hakte "New York Times"-Kritiker Michael Kimmelman ihre Musik als "unhörbar" ab. Dabei sehen viele das heute anders: Die Remix-Versionen ihrer Songs sind Hits auf dem Dancefloor.

Imaginationen in Textform

Überhaupt, der Remix scheint Ono zu liegen. Denn auch in der Bielefelder Schau gehen die besten ihrer Arbeiten auf Vorstufen aus den sechziger Jahren zurück. Die Idee eines Werkes ist wichtiger als seine Ausführung - nach diesem Konzeptkunst-Credo existierten viele von Onos frühen Arbeiten damals nur als Imaginationen in Textform. Etwa: "Lass eine Fliege von den Zehen bis zum Kopf über den Körper einer Frau wandern und aus dem Fenster fliegen."

Diese 1968 formulierte Idee hat Ono 1970 verfilmt und 2003 als sechsteilige Videoinstallation variiert. Wunderbar, wie die Kamera der Stubenfliege in die intimsten Winkel des nackten Frauenkörpers folgt, während Onos Stimme dazu sirrt, gurrt, brummt, quietscht, jammert und kichert, bis die Ambivalenz der Körperempfindungen auch akustisch tief in den Betrachter eingesickert ist.

Banal wirkt allerdings eine andere, eigens für Bielefeld entstandene Realisierung. 1962 formulierte Ono: "Fahre Fahrrad überall dort in einem Konzertsaal, wo es möglich ist". Jetzt kommt dieses "Fahrradstück für Orchester" als plumpes Trimmfahrrad daher.

Leichenwagen für (Todes-)Mutige

Schwach sind auch die Arbeiten, bei denen Ono auf die Mitarbeit des Publikums setzt: ein Mütter-Gedenkopus und ein mit Wunschzetteln zu bestückender Olivenbaum. Und unter dem Titel "We're All Water" lädt ein Arrangement von Flaschen - etikettiert mit Namen wie Max Ernst oder Heinrich Heine - zur Erweiterung ein. Erreicht aber wird vor allem Erheiterung, zumindest wenn man an die naheliegende Frage denkt: "Sind das alles Flaschen?"

Oft sind die Werke Onos, die ihre Wurzeln nicht in der Beat-Ära haben, wenig überzeugend: die blutbefleckten Bronzen von 1993 etwa oder das Erdhügel-Memorial für misshandelte Frauen, das Ono erstmals 1999 konzipierte. Bei diesen Arbeiten ist die Botschaft überdeutlich und durch keinen Widerstand der Form gezähmt.

Dabei ist ein künstlerisches Backup aus der Vergangenheit keine Schande. Schließlich arbeiten sich auch junge Künstler - unter den Labels von Postminimalismus, Postkonzeptualismus oder Postformalismus - vorzugsweise an den Errungenschaften der Sechziger ab. Erst recht gerechtfertigt sind Rückgriffe bei einer Künstlerin, die damals ihren Zeitgenossen weit voraus war - und vermutlich auch sich selbst.

So kommt Onos "Coffin Car", das auf das "Riding Piece" von 1962 zurückgeht, heute noch ziemlich abgefahren daher: Ein Leichenwagen steht vor der Kunsthalle bereit, um (Todes-)Mutige 15 Minuten lang durch die Gegend zu kutschieren.

Wer das absolviert, hat den Normalsterblichen eine schön absurde Vortodeserfahrung voraus: Seine letzte Fahrt mit dem Leichenwagen wird nicht seine erste gewesen sein.


"Yoko Ono - Between the Sky and My Head", Kunsthalle Bielefeld, 24. August bis 16.November



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