Yoko Ono wird 80 "Als wäre John noch da"

Als Künstlerin ließ sie sich die Kleider vom Leib schneiden, als Aktivistin zog sie sich mit John Lennon für den Frieden aus. Wie lebt Yoko Ono heute? Kurz vor ihrem 80. Geburtstag lud sie in ihr Apartment in New York - das Haus, vor dem Lennon starb.

Yoko Ono

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Ono, wir sitzen hier in Ihrer Wohnung im New Yorker Dakota Building. Nicht unweit von den Strawberry Fields, der Gedenkstätte für ihren Mann John Lennon im Central Park. Dort wimmelt es von Fans. Mögen Sie da eigentlich noch hingehen?

Ono: Ja. Es ist mir sehr wichtig, dass der Platz immer gepflegt ist. Ich gehe jeden Tag dort vorbei, wenn ich zum Lunch auf die andere Seite des Parks gehe.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nicht dauernd angesprochen?

Ono: Schon, aber es ist nur eine kurze Strecke, und ich mache dann so (zieht die Schultern zusammen und senkt den Kopf auf die Brust). Die Menschen respektieren das. Sie merken, dass ich allein sein will.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie je daran gedacht, aus dem Dakota auszuziehen?

Ono: Warum sollte ich?

SPIEGEL ONLINE: Weil John Lennon 1980 hier vor diesem Haus ermordet wurde.

Ono: Nein. Es ist doch so: Wir hatten hier eine wunderbare Zeit und alles, was er angefasst hat (legt ihre Hände flach auf den Tisch), ist noch da. Fast ist es so, als wäre John noch da. Warum sollte ich also diese Wohnung verlassen wollen?

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht seltsam, täglich den Hauseingang zu passieren, wo auf ihn geschossen wurde?

Ono: Nein. Aber ich habe nach Johns Tod begonnen, Kunst zu kaufen. Ich habe Bilder von unglaublich guten Künstlern: von Léger, Magritte, Schiele. Nach Johns Tod hatte ich das Gefühl, dass ich mich mit Dingen umgeben sollte, die ich liebe.

SPIEGEL ONLINE: Ihre eigenen Arbeiten wirkten ja zu Beginn sehr destruktiv, erst später dominierte eine gewisse Harmonie.

Ono: Ich habe auch vor 1970 einige ruhige, eher sanfte Stücke gemacht. Die destruktiven sind nur bekannter, weil Journalisten sie gewöhnlich hervorheben.

SPIEGEL ONLINE: Seit Anfang der Sechziger sind Sie mehrmals mit dem "Cut Piece" aufgetreten: Die Zuschauer konnten Ihnen nach und nach die Kleider vom Leib schneiden. Wie weit sind Sie damit gegangen?

Ono: Bis ich nackt war. Manchmal habe ich aber auch früher aufgehört, denn es hat oft ziemlich lange gedauert. Die meisten Menschen waren gehemmt. Viele mussten lange überlegen: Soll ich oder soll ich nicht?

SPIEGEL ONLINE: Eine Ihrer sanfteren Arbeiten ist der Film "Fly" von 1970, in dem 25 Minuten lang in Großaufnahme Fliegen über den nackten Körper einer Frau krabbeln. Wie ist "Fly" entstanden?

Ono: In einer einzigen Nacht. Am Anfang hatten wir zehn Fliegen, die wir mit Zuckerwasser an die intimsten Stellen gelockt haben. Wir haben sie nacheinander gefilmt, aber plötzlich waren alle weg. Wo bekommt man nachts um eins Fliegen her? Meine Assistenten sind zu einer U-Bahn-Station in der Nähe gegangen und haben dort neue Fliegen gefangen.

SPIEGEL ONLINE: Hatte Ihre Darstellerin eine Schlaftablette geschluckt, um die kitzelnden Fliegen auszuhalten?

Ono: Nein, eingenommen hat sie nichts. Ich hatte ein Casting gemacht. Und die meisten Frauen fingen an zu zucken, sobald sie nackt waren. Dieses Mädchen aber hat gar nicht gezuckt. Sie war sehr schön und perfekt für den Job, die ganze Nacht nackt und bewegungslos dazuliegen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1961 das "Painting To Be Stepped On" gemacht - ein Stück Leinwand, das auf dem Boden lag und auf dem Besucher ihre Fußspuren hinterlassen sollten; eines der ersten partizipativen Kunstwerke überhaupt. Waren Sie sich Ihrer Vorreiterrolle bewusst?

Ono: Natürlich. Ich bin durch und durch Avantgarde. Ich wusste, was ich tat.

SPIEGEL ONLINE: Was wollten Sie damit erreichen?

Ono: Die Menschen am künstlerischen Prozess beteiligen. So wurden sie selbst zu Künstlern. Eigentlich hatte schon damals alles mit Welt und Frieden zu tun - mit der Idee, dass wir alle zusammen gehören.

SPIEGEL ONLINE: Um den Frieden ging es ja vor allem in den Aktionen, die Sie gemeinsam mit John Lennon gemacht haben.

Ono: Wir haben 1969 die beiden "Bed-ins for Peace" gemacht und die Plakat- und Posterkampagne "War is over! If you want it" gegen den Vietnamkrieg. Sonst haben wir den Arbeitsbereich des anderen respektiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen sich heute in den sozialen Medien etwa für Pussy Riot oder gegen Fracking ein. Ist das eine Fortsetzung des Versuchs, die Menschen mit Kunst zu erreichen?

Ono: Ja, das gehört zusammen. Die Idee der Teilhabe eröffnete ein großes Feld der Zusammengehörigkeit - besonders damals, als die meisten Künstler sagten: "Fasst das Werk nicht an. Es ist meins. Bis in alle Ewigkeit!"

SPIEGEL ONLINE: War das auch Ihr Protest gegen die Stars der Pop-Art?

Ono: Es ging mir nicht um andere Künstler oder um Kritik, nur um meine eigene Kunst. Immer wenn ich Pop Art sah, dachte ich: Ist okay. In den sechziger Jahren in New York gab es keine Reibungen zwischen uns - vermutlich weil wir uns kaum getroffen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden am 18. Februar 80 Jahre alt. Was bedeutet das für Sie?

Ono: Keine Ahnung. Ich habe nie meine Lebensjahre mitgezählt. Neulich sagte jemand: "Oh, 80, das ist ein großes Ereignis." Und ich habe gesagt: "Muss ich jetzt irgendetwas veranstalten?"

SPIEGEL ONLINE: Und: Was machen Sie?

Ono: Nichts. Ich gebe nur ein Konzert in Berlin. Am Abend vor meinem Geburtstag.

SPIEGEL ONLINE: Und die Frankfurter Schirn zeigt eine Überblicksschau Ihrer Kunst.

Ono: Ja, das ist aufregend. Ich kenne Frankfurt nicht gut. Aber ich schätze an der deutschen Kunst, dass sie soziale oder politische Situationen sehr expressiv ausdrückt. Sie hat fast immer eine Botschaft. Außerdem fühle ich mich zu deutscher Kunst, Musik und Literatur hingezogen, weil ich in Japan damit aufgewachsen bin. Und ich liebe Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Was mögen Sie an Berlin?

Ono: Es leben dort so viele Künstler, für die Ideen wichtig sind. An anderen Orten versuchen sie nur, Geld zu machen. Es ist erniedrigend, von Kunst umgeben zu sein, der es nur ums Geld geht. Das verstehe ich nicht. Für mich ist wichtig, dass ein Künstler den Menschen etwas gibt, etwas Geistiges.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind heute als Pop- und Dancefloor-Musikerin ziemlich angesagt. Was bedeutet Ihnen Musik?

Ono: Sie gibt mir die guten Vibrations, die mich weitermachen lassen. Und ich bin glücklich, mit guten Musikern zusammenarbeiten zu können. Vor allem mein Sohn, Sean Lennon, ist außerordentlich gut. John und ich, wir wollten nicht, dass er zu viel von unserem Schaffen mitbekommt. Weil wir ihn nicht erdrücken wollten. Aber als ich ein Album mit ihm aufnahm, war ich überrascht, wie gut er war.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt: "Leben ist Komplexität, Kunst ist Abwesenheit von Komplexität." Wie meinen Sie das?

Ono: Das Leben ist komplex, das versteht sich von allein. Und durch die Nichtkomplexität der Musik oder der Kunst überleben wir. Wenn etwas überkomplex ist, können wir uns nicht bewegen. Wir brauchen einfach diesen Energieschub, um weiterzumachen.


"Yoko Ono: Half-A-Wind Show": 15. Februar bis 12. Mai, Schirn, Frankfurt

Das Interview führte Karin Schulze

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
karlsiegfried 13.02.2013
1. Ein bewegender Beitrag
Mir flossen die Tränen.
midasberlin 13.02.2013
2. Konzertkarten Volksbühne Berlin...
sind leider ausverkauft! Mist. Ich würde mir die rechte Hand abhacken lassen, um Yoko sehen zu dürfen!
unglaublichaberwahr 13.02.2013
3.
Zitat von sysopdapdAls Künstlerin ließ sie sich die Kleider vom Leib schneiden, als Aktivistin zog sie sich mit John Lennon für den Frieden aus. Wie lebt Yoko Ono heute? Kurz vor ihrem 80. Geburtstag lud sie in ihr Apartment in New York - das Haus, vor dem Lennon starb. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/yoko-ono-im-interview-ueber-john-lennon-und-deutschland-a-882607.html
So sehr ich John Lennon mag, diese Frau war immer fürchterlich, nicht gegen Bezahlung aber es ist ja wieder nur Werbung.
timepiece123 13.02.2013
4. Stimmt.
Zitat von unglaublichaberwahrSo sehr ich John Lennon mag, diese Frau war immer fürchterlich, nicht gegen Bezahlung aber es ist ja wieder nur Werbung.
Aber ihr Ehemann hat mir auch schon gereicht.
spiekr 13.02.2013
5. Woman is the Nigger of the World
Dieser Song von Lennon kennzeichnet auch die damalige Hetze gegen Yoko Ono, auf die auch viele Lennon Fans hereinfielen (mich eingeschlossen). Wir dachten damals, dass sie John einengt und uns wegnimmt. Die beiden brauchten lange in New York, um der Welt ihre wunderbare Liebe zu zeigen, die auch mich beeindruckt hat. Ich mag Frauen wie Yoko, die ihren Mann machen lassen, was ihn umtreibt. Yoko hat John noch besser gemacht, für sein Kind und für uns alle.
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