Yoko Ono Ist es mutig, einen Eisenbahnwaggon in Berlin aufzustellen?

Yoko Ono hat am Wochenende ihr neues Friedenskunstwerk in Berlin vorgestellt. Bei der Weltpremiere von "Freight Train" blieben jedoch viele Fragen offen.

Von Corinne Ullrich


Yoko Onos "Freight Train" (Güterzug)
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Yoko Onos "Freight Train" (Güterzug)

Eine "Lichtinstallation" nennt sich das Kunstwerk kühn, das bis zum 1. Oktober auf dem Berliner Schlossplatz gezeigt wird: Ein grüner, hölzerner Güterwagen der Deutschen Bundesbahn mit genau 4000 Gewehreinschüssen. Im Dunkeln leuchtet aus dem Inneren heraus ein Licht durch all diese Löcher, und ein starker, kräftiger Lichtstrahl zeigt in den Himmel. Gewiss ein schönes Symbol: Das Licht, gleichbedeutend mit der Hoffnung, das auch in Zeiten der Gewalt aus allen Ritzen strahlt.

Und doch - irgendwie passt bei Yoko Onos „Freight Train“ (Güterzug) so gar nichts zusammen: Auslöser war angeblich das Schicksal illegaler mexikanischer Einwanderer in die USA, die von ihren Schlepperbanden, eingeschlossen in ihr Fluchtmobil, einen Güterzug, in der Wüste stehen gelassen wurden und dort jämmerlich verdursteten. Doch: Warum dann ein Zug mit Einschusslöchern? Warum dann eine Weltpremiere in Berlin? Und warum das Ganze in einem Waggon der Deutschen Bundesbahn?

"Aus logistischen Gründen", sagt Galeristin Vostell, die gemeinsam mit der Stiftung Starke das Objekt präsentierte. Und „mein schwierigstes Projekt“, sagt Galerist Starke in seiner Einführungsrede und erwähnt „Tiefladertransporte mit Begleitschutz“ quer durch Deutschland und immer wieder das Wort „Genehmigungen“. Das mag sein, sicherlich - dennoch darf man etwas mehr Konsistenz in der künstlerischen Aussage erwarten.

„Danke für den Mut, den Waggon hier aufzustellen“, sagte Yoko Ono in ihrer Eröffnungsrede. Aber, ist es denn mutig, einen zerlöcherten Eisenbahnwaggon auf einen Platz in Berlin zu stellen? Selbst wenn dieser natürlich Assoziationen an die Juden weckt, die nur sechzig Jahre zuvor aus dem nahen jüdischen Viertel in ähnlichen Waggons in Konzentrationslager deportiert wurden.

Mit dieser, auf der kleinen Eröffnungsveranstaltung so enorm betonten tiefen Bedeutung des Zuges entsteht gleichzeitig seine Bedeutungslosigkeit. Alles ist zu pathetisch, zu gespielt. So wie Yoko Onos Ansprache, ihre Erwähnung von "Gewalt, Schmerz, Sorge und Erniedrigung", die kunstvolle Pause nach dem Satz "mein Mann war auch ein Opfer" und vor dem Nachsatz "er wurde erschossen". Sicher sind diese tödlichen Schüsse, die sich vor fast genau zwanzig Jahren vor dem Apartment der beiden in New York ereigneten, eine schockierende Tat, deren Erinnerung nie getilgt werden kann, hier jedoch wirkt ihre kunstvolle Inszenierung wie ein plattes Drücken auf die Tränendrüsen. Und das gilt für das gesamte Kunstwerk.

Anfang der sechziger Jahre machte die Fluxus- und Performancekünstlerin Yoko Ono von sich reden, ließ sich auf der Bühne die Kleider vom Leib schneiden, verhüllte, weit vor Christo, die Löwen auf dem Trafalgar Square, und veröffentlichte den Gedichtband „Grapefruit“ voller ungewöhnlicher Aufforderungen, das Leben neu zu sehen und zu begreifen. 1969 heiratete sie den Beatle John Lennon und war fortan nur noch Johns Frau. Die Eigenständigkeit ihrer Kunst ging im Gekreische hysterischer Beatles-Fans unter. Yoko machte, parallel zu den musikalischen Meilensteines ihres Mannes („Imagine“, „Instant Karma“), eigene Platten, die die New-Wave-Szene der achtziger Jahre (B-52, Lene Lovich, Kate Bush) beeinflussten. Der Bildenden Kunst wandte sie sich erst in den späten neunziger Jahren wieder zu - mit ausdruckslosen neuen Werken.



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