ZDF-Doku "Der Pfad des Kriegers" Der Christ als Terrorist

Mit Jesus und Marx zu den Waffen: Das Doku-Porträt "Der Pfad des Kriegers" erzählt von dem jungen Geistlichen Michael Nothdurfter, der in Lateinamerika den Guerillakrieg übte. Es ist die Geschichte einer Radikalisierung - mit vielen Parallelen zur RAF.

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Sachte tönt das Echo der Weltrevolution durch die gottgefällige Alpenlandschaft von Tirol. "Wir saßen mit unseren Ponchos in unseren Berghütten und hörten 'Sandinista' von The Clash", erinnert sich am Anfang die Erzählerstimme dieses ungewöhnlichen Doku-Porträts.

Doch nicht jedem reichen Punkrockplatten und Nicaragua-Kaffee, um den eigenen höheren Zielen Ausdruck zu verleihen. Der junge Michael Nothdurfter, ehemaliger Jungscharführer und angehender Theologe, bricht aus dem beschaulichen Bozen in die weite Welt auf. Sein Traum, wie er ihn später in einem Brief an die besorgte Mutter formuliert, klingt selbstlos und größenwahnsinnig zugleich: "Die christliche Botschaft leben und Geschichte machen."



Jesus und Marx sind für den zukünftigen Revoluzzer die beiden großen Leitfiguren. 1980 geht er zum Studieren nach London, zwei Jahre später wird er Jesuiten-Novize in Lateinamerika. Er lebt zwischen den Armen von Bolivien in den Slums von El Alto und leistet in den menschenunwürdigen Silberminen von Potosi Beistand.

Doch das Gebet, so stellt er bald fest, kann die Ausbeutung der Dritten Welt nicht beenden.

Deshalb schließt sich der Geistliche einer Guerillatruppe an und nimmt den damaligen Coca-Cola-Repräsentanten in Bolivien als Geisel. 1990 wird "Comandante Miguel", wie man den jungen Tiroler inzwischen respektvoll in seiner Kampfeinheit nennt, von Militärs erschossen.

Der Christ als Terrorist: Regisseur Andreas Pichler zeichnet die ungewöhnliche Geschichte einer Radikalisierung nach. Der Filmemacher stammt aus derselben Gegend wie der Gotteskrieger, in seiner Jugend schaute Pichler immer zu Nothdurfter auf, der offensichtlich ein charismatischer Typ gewesen war und gut Gitarre spielen konnte.

Die Dokumentation hat deshalb einen sonderbar schwebenden Tonfall: Vertrautheit und Befremden – dazwischen schwankt diese gewagte Rekonstruktion einer religiös befeuerten Militarisierung.

Angefangen hat Pichler (Grimme-Preis für "Call me Babylon") die Arbeiten zu seinem Film nach den Bombenattentaten in London im Juli 2005. Die Anschläge von gebildeten jungen Männern im Auftrag Gottes riefen noch einmal die Erinnerungen an den alten Bekannten wach.

Unter bestimmten psychosozialen Voraussetzungen, so die Botschaft im Film, lässt sich eben nicht nur der Koran, sondern auch die Bibel als Aufruf zur Bewaffnung lesen. Jesus erlangt nach dieser Interpretation den Status eines Revolutionärs; der ähnlich ikonografisch strahlende Che Guevara war sozusagen Christus' säkularisiertes Ebenbild.

Die Bibel und der bewaffnete Widerstand – gehen sie wirklich so leicht zusammen? Unweigerlich fällt einem die christliche Sozialisation von RAF-Mitgliedern wie Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin ein, wie sie ihre frühe Kritik an den Verhältnissen aus ihrem christlichen Weltbild ableiteten.

Doch während sie diese Agenda während des Straßenkampfes immer mehr abgelegt haben mögen, wird es bei Bruder Miguel auf seinem Weg zum Guerillakrieger immer mehr gestärkt.

Die Redakteure des "Kleinen Fernsehspiels" vom ZDF haben gut entschieden, die Dokumentation als Eröffnungsfilm für ihre Reihe "Glaubenskrieger" zu wählen. Unter anderem laufen auf diesem Sendeplatz auch exzellente Miniatur-Dramen zu Selbstmordattentätern ("Day Night Day Night", 15. September, 0.10 Uhr) und Terrorparanoia ("Schläfer", 22. September, 0.00 Uhr).

Doch ausgerechnet Pichlers unaufgeregtes Porträt liefert interessante Aspekte zu gleich zwei aktuellen Debatten: zur der des religiös motivierten Terrors in Zeiten von al-Qaida und jener der RAF.

So wie augenblicklich mal mehr und mal weniger erfolgreich versucht wird, die RAF zu entmythisieren, muss nämlich auch der Filmemacher das überlebensgroße Idol von ehedem auf Menschenformat schrumpfen. Ein schwieriger Prozess, in dessen Verlauf die Selbstlosigkeit, mit der Bruder Miguel sein Engagement in der Dritten Welt betrieb, mit dessen Selbstermächtigung als Terrorist abgewogen wird: Wo und wann schlägt gerechter Aufstand in selbstgerechte Gewalt um?

Dass der Tonfall hier streckenweise sympathisierend erscheint, muss man aushalten, wenn man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt. Denn der befreiungstheologische Ansatz, aus dem "Comandante Miguels" fatale Militanz erwächst, ist im diktaturengepeinigten Lateinamerika der siebziger und achtziger Jahre nun mal auch der Motor zur Rettung des Kontinents.

Zum Märtyrer wird Michael Nothdurfter trotzdem nicht verklärt. Die selbstgewählte neue Heimat, sie bleibt ihm bei aller Solidarisierung immer fremd. Der Kämpfer – auch das teilt er mit den Mitgliedern der RAF – bleibt ein Unbehauster.

Im Film erinnert sich eine Kombattantin des von ihm geführten "Kommando Nestor Paz Zamora” an Bruder Miguel als an einen großen schlaksigen Jungen, der sich beim nächtlichen Marsch durch den Dschungel immer wieder linkisch im Pflanzengewirr verhedderte: "Und mit so einem sollten wir nun die Revolution gewinnen!"


"Der Pfad des Kriegers": Montag, 8. September, 0.20 Uhr, ZDF



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Seite 1
pandamanda 08.09.2008
1. Also der Terror kommt nicht nur vom Islam!!!
Das Christentum kann genau so radikalisiert werden wie der Islam... In Nordirland war und ist die Situation nicht anders... Nur die NATO hatte diese Leute nicht zum Feind erklaert!!!
natterngesicht 08.09.2008
2. Selbstmord aus Gründen der Moral
Zitat von pandamandaDas Christentum kann genau so radikalisiert werden wie der Islam... In Nordirland war und ist die Situation nicht anders... Nur die NATO hatte diese Leute nicht zum Feind erklaert!!!
Staatsterror kommt von Staaten. Moralisch handelnde Menschen antworten darauf manchmal mit Terror. Das ist selbstmörderisch und endet meistens unmoralisch. Durch Don Quichotentum läßt sich die Welt nicht ändern. Nur im kleinen und ohne Gewalt läßt sie sich ändern. Mit nettem Gruß
DerRechtsstaat, 08.09.2008
3. Nicht Bibelfest?
Die Triumpfflagge wird hier etwas früh gehisst. Aus dem neuen Testament lässt sich nicht unter Übertretung des Wortlauts ein wie auch immer gearteter Gewalteinsatz rechtfertigen. Der Koran und die Hadithen fordern keinen Gewaltverzicht, sondern rechtfertigen Gewalteinsatz an verschiedenen Stellen. Der Religionsgründer des Islam war zugleich ein Weltlicher Kriegsherr. Der Religionsgründer der Christen ist dafür ans Kreuz geschlagen worden, dass er empfohlen hat, die Menschen sollten sich zu Abwechslung doch einmal liebhaben. Dabei hat er persönlich sowohl auf Rache als auch auf Notwehr verzichtet und dies auch anderen abverlangt. Da das neue Testament nichts als das vorbildhafte Leben und Wirken Jesu ist, mag man mir bitte erklären wie ein christlicher, bewaffneter Krieg mit dem NT zu rechtfertigen ist. Christ ist nicht automatisch, wer nur formal der entsprechenden Religionsgemeinschaft angehört, selbst wenn er in der Kirche ein Amt bekleidet. Das Etikett des Christentums ist seit mehr als tausend Jahren von einzelnen und institutionell für menschenverachtende Taten missbraucht worden. All dies geschah aber unter Umgehung des insoweit eindeutigen Textes des NT, der wohlweislich auch fast nie (mir völlig unbekannt) in direktem Wortlaut von einem Krieger als Rechtfertigung für seine Taten angegeben wird. Das Zahlen der Kirchensteuer schützt ebensowenig wie die Mitgliedschaft in einer sonstigen Vereinigung davor Terrorist noch sonst irrsinnig zu werden. Amen
Paul Max 08.09.2008
4. die christen waren schon immer terroristen
Zitat von sysopMit Jesus und Marx zu den Waffen: Das Doku-Porträt "Der Pfad des Kriegers" erzählt von dem jungen Geistlichen Michael Nothdurfter, der in Lateinamerika den Guerillakrieg übte. Es ist die Geschichte einer Radikalisierung - mit vielen Parallelen zur RAF. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,576898,00.html
die christen waren schon immer terroristen: oder staatsterroristen z.b. als hexenverbrenner
mörk 08.09.2008
5. ...
Wer hier die eine Religion besser als die andere erklärt beweist, dass er nicht gläubig, sondern lediglich indoktriniert ist (sowas ist spätestens seit Lessing schlicht ein Ausdruck von massivster geistiger Beschränktheit)- Wer behauptet, der Islam fordere, anders als das Christentum, Gewalt, der hat den Qur'an nicht verstanden - und die Bibel genausowenig. Wer, wie hier SPON, zum xten Male auf die kleinen Tritt, die sich mit Gewalt als letztem Mittel gegen die Unterdrücker von oben zu wehren versucht, während die rückgratlosen, macht- und geldgeilen "Meinungsführer" hofiert werden, der missbraucht seine Rolle als staatliches Korrektiv, das die Presse eigentlich sein sollte. Traurig, ja erbärmlich, dass es nur wenige Menschen in der Politik gibt wie Heiner Geißler, der außerhalb der eigenen Interessensphäre denkt und agiert und klar Tatsachen erkennt und ausspricht: "Der Kapitalismus ist genauso falsch wie der KOmmunismus." Ich persönlich finde ihn sogar noch schlimmer, da schon seine ideologischen Grundsätze menschenverachtend sind... Geißler hat nicht nur die Politik, sondern auch die Religion verstanden. Da Menschen aber Egomanen sind, die MOral zwar kennen, in ihrem Angesicht aber dennoch wie Tiere handeln...
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