ZDF-Integrationswoche Brunhild im Afro-Look

Götterdämmerung und Gospelchöre: Moderatorin Mo Asumang geht in "Roots Germania" auf die Suche nach ihren teutonischen und ghanaischen Wurzeln. Das ermutigende Multikulti-Statement eröffnet im ZDF die Integrationswoche "Wohngemeinschaft Deutschland".

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Die größten Ungeheuerlichkeiten nimmt sie mit professionellem Lächeln entgegen: Mo Asumang macht den Job als Reporterin in ihrem Film sehr gut. Einmal trifft sie Jürgen Rieger, den berüchtigten NPD-Funktionär und Hocaust-Leugner, und plaudert mit ihm über Rassenbelange. "Die nordische Rasse ist objektiv", verkündet der Rechtsextremist. "Könnte ich mich da auch melden?", fragt freundlich die deutsche Moderatorin mit afrikanischen Wurzeln.

TV-Moderatorin Asumang: Identitätssuche jenseits nationaler Kategorien
ZDF / Felix Leiberg

TV-Moderatorin Asumang: Identitätssuche jenseits nationaler Kategorien

Was folgt, ist ein übler rassenideologischer Exkurs, an dessen Ende Rieger die Sitte der alten Germanen lobt, "Stammesschänderinnen" im Moor zu versenken. "Das geht heute ja nicht mehr", fügt der Jurist bedauernd hinzu.

Muss man sich so was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anhören? Im Falle von Mo Asumangs eigenwilliger Dokumentation "Roots Germania" kann man nur sagen: unbedingt. Es geht hier nicht darum, die ewig Gestrigen zu entlarven, zu demaskieren, lächerlich zu machen.

Was gäbe es bei derart offen vorgetragenem neofaschistischem Gedankengut denn auch zu entlarven, zu demaskieren, zu belächeln? Marketingstrategisches Kalkül wie bei der strauchelnden Promi-Postille "Vanity Fair", die in ihrer jüngsten Ausgabe dem Rechtsextremisten Horst Mahler ein zehnseitiges Interview einräumt, kann man der Filmemacherin ebenfalls nicht unterstellen.

Vielmehr handelt es sich bei Asumangs riskanter Kontaktaufnahme mit der rechten Szene um eine Art Eigentherapie: In der direkten Konfrontation kann der braune Mob seinen lähmenden Schrecken verlieren. Sicher, in dem Selbstversuch schwingt eine gefährliche Naivität mit; man sollte ihn als Einzelperson mit Migrationshintergrund zum Beispiel nicht unbedingt in der Nazi-Hochburg Berlin-Lichtenberg nachahmen. Doch als mediales Experiment entwickelt diese angsttherapeutische Maßnahme durchaus eine generelle reinigende Wirkung.

Riskantes Roadmovie

Vor fünf Jahren wurde von der rechtsextremistischen Nazi-Band White Aryan Resistance in einem Hetzlied zum Mord an Mo Asumang und anderen prominenten Fernsehschaffenden aufgerufen. Das Lied kam auf den Index, sein Urheber wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, die Angst aber begleitete Asumang weiter.

Für "Roots Germania" macht sie sich nun auf, um sich mit jenen Kräften zu konfrontieren, die der Afro-Deutschen das Recht auf Heimat absprechen. Dabei greift Asumang spielerisch die Forderungen der rechtsextremen Kontrahenten auf, sie solle doch nach Afrika "zurückgehen" – jenen Kontinent, den sie eigentlich nur durch sehr sporadische Besuche bei ihrem Vater in Ghana kennt und den sie nun noch mal mit dem Filmteam aufsucht. Auf diese Weise erzählt die Doku davon, wie die Schwarze mit deutschem Pass den stumpfen Ausschluss-Chor der rechten Kleingeister polemisch ins Positive wendet, um sich auf eine Identitätssuche jenseits nationaler Kategorien zu begeben.

Asumangs riskantes Selbstbehauptungs- und Selbstfindungs-Roadmovie eröffnet heute Nacht die "Themenwoche Integration". Unter dem schönen Titel "Wohngemeinschaft Deutschland" beleuchtet das ZDF die multikulturelle Wirklichkeit im Land, ohne dabei die übliche öffentlich-rechtliche Höflichkeit, Abgewogenheit und Diplomatie walten zu lassen. Im Gegenteil, der Sender zeigt sich ungewohnt experimentierfreudig. Am Donnerstag wird zum Beispiel Kaya Yanar von der privaten Konkurrenz ("Was guckst du") in einem Prominentenquiz prüfen, wie es um das Wissen von Deutschen und Nachbarn mit Migrationshintergrund bestellt ist. Und das dann immerhin zur besten Sendezeit.

Esoterischer Querfeldeinsprint

Dass Mo Asumang zu so einem späten Sendeplatz an den Start muss, erscheint da als kleiner Wermutstropfen. Zumal die einstige "Liebe Sünde"-Moderatorin durchaus Qualitäten als Alleinunterhalterin beweist: Mal stellt sie sich dem Feind mit der gleichen lakonischen Ironie wie Michael Moore, mal gibt sie die Brunhild im Afro-Look, um vergnüglich auf ihre gleichzeitig teutonischen und afrikanischen Wurzeln hinzuweisen.

Dass es in der zweiten Hälfte, als die Filmemacherin Verbindungen von afrikanischen zu germanischen Kulten zieht, irre spirituell wird, nimmt man da in Kauf. Der esoterische Querfeldeinsprint mit Verweisen auf Kelten, Druiden und weibliche Gottheiten entbehrt jeder wissenschaftlichen Beweisführung – hält aber einen wunderbar polemischen Identitäts-Crossover parat, mit dem Mo Asumang nach einem über jegliche ethnische Zuschreibungen erhabenes Deutschsein sucht.

"Roots Germania" ist ein multikulturelles Statement geworden, in dem die Macherin dem Springerstiefelterror von rechts mit fröhlichen Identitätskonstruktionen entgegen tritt. Das ist vielleicht naiv, auf jeden Fall aber ermutigend. Der Sänger der White Aryan Resistance, der Mo Asumang nach dem Leben trachtete, wagte sich jedenfalls nicht mehr vor die Kamera. Am Ende dieser Wohlfühl-Doku erklingt in der Wohngemeinschaft Deutschland die Nationalhymne als flotte Gospelversion.


"Roots Germania", 0.30 Uhr, ZDF



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