ZDF-Intendanz Mainz wie es singt und lacht

Possenspiele in Mainz: Auf einen konsensfähigen Kandidaten für die Nachfolge des ZDF-Intendanten Dieter Stolte kann man sich offenbar nicht einigen. Nun wird der aberwitzige Schlagabtausch der politischen "Freundeskreise" um die Einflussnahme bei dem öffentlich-rechtlichen Sender sogar öffentlich geführt.


Mainz - Pünktlich zum Karnevalsbeginn ist die Suche nach einem konsensfähigen Kandidaten für die ZDF-Intendanz gescheitert. Das geht aus einer Pressemitteilung der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei von Dienstag hervor. Die achtköpfige Findungskommission des aus 77 Mitgliedern bestehenden ZDF-Fernsehrats konnte sich bei ihrer Sitzung am letzten Freitag nicht einigen und hat dem Vernehmen nach auch keinen neuen Termin vereinbart. Der neue Intendant wird nun am 6. Dezember voraussichtlich in Kampfabstimmungen gewählt werden müssen.

ZDF-Emblem: Ansehen in Gefahr?

ZDF-Emblem: Ansehen in Gefahr?

Die so genannten Freundeskreise von SPD und CDU/CSU halten ihr Gezänk um den Chefposten des Mainzer Senders unterdessen nicht einmal mehr unter dem Deckmantel der schamhaften Peinlichkeit. Der Chef der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei, Klaus Rüter (SPD), kritisierte am Dienstag öffentlich, ein Mitglied der Findungskommission, Andrea Urban, sei am 9. November von einem Angehörigen des "Freundeskreises Scharnagl" angesprochen worden. Dieser habe ihr den Posten des ZDF-Direktors Europäische Satellitenprogramme angeboten, wenn sie den Amtsinhaber Gottfried Langenstein - Favorit der Unionsfreunde - als Intendant mitwählen würde. Urban habe mitgeteilt, dass sie dies ausdrücklich zurückgewiesen habe.

Rüter erklärte: "Ich bin bestürzt über diesen offensichtlichen Versuch, eine oder mehrere Stimmen zu 'kaufen'. Dies ist eine Zumutung für das Findungskommissionsmitglied Andrea Urban und kommt einer Desavouierung der Arbeit der Findungskommission gleich." Der Staatskanzleichef fügte hinzu: "Das Ansehen des ZDF und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt ist nunmehr ernsthaft in Gefahr."

Rüter gilt als "Chef" des Freundeskreises der SPD. Ihm gegenüber steht Wilfried Scharnagl, langjähriger Chefredakteur des CSU-"Bayernkuriers", als Wortführer der Unionsfreunde. Scharnagl erklärte: "Der von Herrn Rüter verbreitete Vorwurf des Stimmenkaufs ist abwegig. Niemand hat das Amt des ZDF-Direktors Europäische Satellitenprogramme dem Fernsehratsmitglied Andrea Urban angeboten." Er teile aber Rüters Kritik, dass es zu "äußerst unerfreulichen Begleitumständen" der Wahl gekommen sei, und gab zurück: "Insbesondere ist hier auf das rätselhafte Verhalten von NRW-Ministerpräsident Clement zu verweisen." Der SPD-Politiker hatte sich in der vergangenen Woche in die immer aberwitziger werdende Diskussion eingemischt und über "Mauscheleien im Hinterzimmer" geklagt. Seinen favorisierten Kandidaten wollte er jedoch partout nicht nennen, was für Irritation in den "Freundeskreisen" und im ohnehin gestressten Findungsrat sorgte.

Bisher sind insgesamt sechs Kandidaten nominiert, immerhin fünf aus dem ZDF. Dies sind neben Langenstein Programmdirektor Markus Schächter und sein Stellvertreter Hans Janke, Verwaltungsdirektor Hans Joachim Suchan und der stellvertretende Chefredakteur Helmut Reitze. Einzige auswärtige Bewerberin ist die Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg, Dagmar Reim, die allerdings als chancenlos gilt. Nach dem Stand der Dinge gilt es als wahrscheinlich, dass noch weitere Bewerber ins Spiel kommen, damit man sich vielleicht doch noch auf einen Konsens-Kandidaten einigen kann. Medienberichten zufolge sieht die SPD die Chance, erstmals einen ihr nahe stehenden Kandidaten auf den Chefposten des Mainzer Senders zu wählen.



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