ZDF-Krimi "Bella Block" Permanente Höllenschmerzen

Harter Stoff, hohes Niveau: In ihrem neuen Fall beschäftigt sich die ZDF-Kommissarin Bella Block mit den Opfern brutaler Heimerziehung in kirchlichen Einrichtungen der fünfziger und sechziger Jahre. Regisseur Hans Steinbichler ("Hierankl") macht aus dem TV-Krimi ein düsteres Drama.

Von Peter Luley


Ein Priester, der, nur mit Unterhose bekleidet, erst ausgepeitscht und dann mit einem Rosenkranz erdrosselt wurde – das Mordopfer im neuen "Bella Block"-Krimi "Mord unterm Kreuz" hätte wahrlich keinen gottgefälligen Anblick geboten. Ein Segen für den Zuschauer, dass die ihrem Herrn treu ergebene Haushälterin (Monica Bleibtreu) den Geistlichen post mortem fein säuberlich gewaschen und ins Bett verfrachtet hat. Dumm nur, dass deshalb alle Spuren des Gewaltverbrechens getilgt sind.

Szene aus "Mord unterm Kreuz" (mit Hannelore Hoger, Rudolf Kowalski): Imposant verinnerlicht
Stephan Persch/ZDF

Szene aus "Mord unterm Kreuz" (mit Hannelore Hoger, Rudolf Kowalski): Imposant verinnerlicht

So muss die chronisch schlecht gelaunte ZDF-Ermittlerin Bella Block (Hannelore Hoger), hier zusätzlich von üblen Rückenschmerzen und dem zunehmenden Nähebedürfnis ihres Lebensgefährten Simon (Rudolf Kowalski) geplagt, sich in den Kosmos eines katholischen Knabeninternats hineinbegeben, dem der rituell hingerichtete Pastor einst vorstand und in dem vor 30 Jahren offenbar Kindesmisshandlungen stattfanden.

Ihre Schmerztabletten mit Rotwein aus der Flasche runterspülend, besucht sie den Gründer einer Selbsthilfegruppe misshandelter Heimkinder und erkennt, dass viele der heute 40- bis 65-jährigen Kirchen-Zöglinge dauerhafte psychische Schädigungen davontrugen. Und auch wenn Kollege Martensen (Devid Striesow) bald zu Tage fördert, dass die vom Gruppen-Initiator angeblich zusammengetragenen eidesstattlichen Erklärungen der Opfer offenbar selbst verfasst sind, ist Bella von deren Inhalt so aufgewühlt, dass sie auf Basis der Fälschungen eine Hausdurchsuchung in der Lehranstalt veranlasst.

Der Stoff hat einen realen Hintergrund: In den frühen Jahren der Bundesrepublik und bis in die Siebziger hinein war die große Mehrheit der Erziehungsheime in Deutschland in konfessioneller Hand. Um als "verwahrlost" oder "gefallen" zu gelten und in eine solche Institution zu geraten, reichte es in jenen Jahren oft, Kind einer allein erziehenden Mutter zu sein. Ohrfeigen waren dort nicht selten noch eine milde Form der Bestrafung. Die "schwarze Pädagogik" der unbarmherzigen Brüder und Schwestern sah auch schon mal vor, dass Kinder ihr Erbrochenes aufessen, auf scharfen Kanten knien oder harte Arbeit verrichten mussten. In seinem Anfang dieses Jahres erschienenen Buch "Schläge im Namen des Herrn" berichtete SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski über diese "verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik".

Die Kirchenkritik steht Bella gut

Das intelligente Filmskript des bewährten Duos Eva und Volker A. Zahn verpackt die Geschichte in einen klassischen Whodunnit-Plot: Da ist – neben der durch ihre Vertuschungsaktion verdächtigen Haushälterin – noch der alkoholkranke Gärtner (Jürgen Tonkel) des Heims, der damals zu den Misshandelten zählte und offensichtlich schwere psychische Probleme hat, aber nicht reden will. Und da ist der aktuelle Anstaltsleiter Dr. Jacob Groth (Sylvester Groth), ein smarter Gutmensch, der die "Erziehungsmaßnahmen" des Ermordeten verteidigt, selbst in zahlreichen Ehrenämtern aufgeht und sich an der Aufklärung des Falles sehr interessiert zeigt.

Zusammen mit dem durchweg exzellenten Ensemble gelingt es dem eigenwilligen Regie-Talent Hans Steinbichler ("Hierankl"), derzeit mit "Winterreise" im Kino, in seiner ersten Fernseharbeit, daraus einen spannenden, düsteren Kriminalfilm zu machen. Er schafft es, sowohl die Kontinuität der seit 1994 auf Basis der Romanheldin von Doris Gercke existierenden Fernsehreihe in qualitativer Hinsicht zu wahren, als auch der Figur Bella in ihrem 21. Fall ein paar neue Facetten hinzuzufügen.

Gab es in der zu Recht preisgekrönten jüngsten Episode "Das Glück der Anderen" letztlich überhaupt keinen Mörder (sondern nur eine gut gelaunte verreiste Vermisste) und ging es im ebenfalls viel gelobten vorletzten Fall "Die Frau des Teppichlegers" um den quälenden Nachweis einer in der Öffentlichkeit begangenen Vergewaltigung, so hat die von Hannelore Hoger imposant verinnerlichte Ermittlerin mit dem Käfer-Cabrio hier mal wieder ein echtes Täterrätsel zu lösen.

Die Kirchenkritik steht Bella gut; das lange verdrängte Thema der traumatisierten Heimkinder verdient es, seriös aufgegriffen zu werden – zumal sich die Kirche mit der Anerkennung ihrer Schuld (oder gar einer Entschuldigung bei den Opfern) bis heute schwer tut. Dass Bella Block in "Mord unterm Kreuz" selbst permanente Höllenschmerzen durchleidet, passt da genauso zur düsteren Atmosphäre wie die gereizte Professionalität, mit der sie ihrem Assistenten begegnet, und die Schwergängigkeit der Ermittlungen. "Sie kommen zu spät", sagt einmal ein Opfer zu der Kommissarin. "Das ist mein Schicksal", antwortet ihm trocken Bella Block. "Aber jetzt bin ich hier und höre ihnen zu."

Am Ende bespricht sie mit Simon auf der Straße tänzelnd die Aufteilung und Einrichtung ihrer neuen gemeinsamen Wohnung. Das allerdings ist allenfalls eine milde Schlusspointe. Am düsteren Gesamteindruck dieser starken Folge ändert es nichts.

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