ZDF-Melodram "Mein Herz in Chile" Ahnen-Drama in den Anden

Was tut eine Frau, die ihre Mutter für eine politische Verräterin hält? Sie greift zur Waffe. Für die ZDF-Produktion "Mein Herz in Chile" drehten die Film-Verwandten Hannelore Elsner und Bettina Zimmermann im In-Land Südamerikas - und brachten eine dicht erzähltes Polit-Melodram mit zurück.


Im Kleid und dünnen Mantel steht Hannelore Elsner vor ein paar armseligen Hütten, ein scharfer Wind zaust an ihren Haaren. Sie hat die Arme um den schmalen Körper geschlungen und ruft mit ihrer hellen Mädchenstimme halb entrüstet, halb amüsiert: "Kalt hier!"

Hinter Elsner erheben sich als imposante Kulisse die chilenischen Anden, 6000 Meter hohe, schneebedeckte Berge, deren Schmelzwasser tiefe Geröllschluchten aus dem Granit gewaschen hat. Die schlichten Holz-Behausungen mit den wild im Wind flatternden Wäschestücken, vor denen die 66-Jährige auf das "Action" von Regisseur Jörg Grünler wartet, gehören zu einer Armensiedlung am Rand der Straße, die von Santiago in die Berge führt. Heute schauen ihre Bewohner zu, wie ein Filmteam eine Schlüsselszene für das zweiteilige deutsche Fernseh-Drama "Mein Herz in Chile" dreht.

Hannelore Elsner steht als Laura Hansen vor der Kamera, eine Frau die mit einem vermeintlich abgeschlossenen Kapitel ihrer Biografie konfrontiert wird: Als Studentin war sie in die Wirren des Pinochet-Putsches verwickelt, meinte in ihrer Mutter eine Verräterin zu erkennen, griff zur Waffe und floh schließlich nach Deutschland, um ein neues Leben zu beginnen.

Doch als Laura 34 Jahre später ans Sterbebett nach Chile ihrer Mutter zurückkehrt, reist ihr ihre Tochter Isabel (Bettina Zimmermann) nach und deckt Stück um Stück eine Familiengeschichte voller Lügen und Geheimnisse auf.

Das Thema des Pinochet-Putsches gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende 1973, das die Chilenen bis heute entzweit, bot Zündstoff genug, um auch die Dreharbeiten nicht unberührt zu lassen.

"Wir haben eine Szene mit einer Chilenin gedreht, die ein Lied des Dichters und Allende-Gefährten Pablo Neruda sang", erzählt Hannelore Elsner, während das Team im Hintergrund Kameras, Scheinwerfer und Monitore über den Schotter zerrt. "Plötzlich heulten hier alle. Ist doch klar: Unser eigenes Drama ist 60 Jahre her, hier sind es gerade mal 35. Es fällt vielen immer noch schwer, damit umzugehen."

Hölzernes Fernseh-Sprech

Wie stark das Thema im Film gewichtet werden soll, darüber wird noch am Drehort heftig diskutiert. "Wir machen hier keinen Polit-Thriller, sondern ein Melodram mit politischem Hintergrund" sagt der ZDF-Redakteur Günter van Endert, der ebenfalls vor Ort ist. "Wir müssen ja den Sendeplatz am Sonntag- und Montagabend und die Erwartungen des Publikums im Auge haben."

Regisseur Grünler, der 1968 sein Studium der Politik und Publizistik abschloss und das Bild des Alt-Revoluzzers mit wildem Haar und zerfurchter Miene zumindest optisch erfüllt, wollte mehr. Er habe das Drehbuch von Andrea Soll und Kathrin Richter "gründlich" überarbeiten müssen. "Das grenzte teilweise an Kitsch", sagt der 62-Jährige, dessen unwirsches Auftreten sein Markenzeichen ist. Nur in Gegenwart von Elsners zarter Gestalt wird er handzahm. "Sie ist ja die beste ihres Alters, wenn nicht die beste deutsche Schauspielerin überhaupt."

Dabei bleibt dem Darstellertalent im fertigen Film zuweilen erstaunlich wenig Raum. Sätze wie "Ich will meinen Frieden mit dir machen", oder "Ich kann und will das nicht" verbalisieren unnötigerweise das, was leicht der Ausdruckskraft der Schauspieler anzuvertrauen gewesen wäre. Auch das Melodram kommt verbal nicht zu kurz. "Gefühle verändern sich doch!", hält Laura einem alten Freund entgegen, der sich überraschend als langjähriger Verehrer outet. "Nein", gibt der zurück, "die Liebe ist wie ein Fluss: Sie hört nie auf."

Immerhin tröstet die zunehmend dicht und spannend erzählte Story über die gestelzten Dialoge hinweg, die allzu hölzernes Fernseh-Sprech pflegen.

Am Set hält Hannelore Elsner mit ihrem Filmpartner Franco Nero Rat. Eine Handvoll flatternder Drehbuchseiten in den Händen, diskutieren sie die bevorstehende Szene. Laura sinkt darin an die Brust ihrer Jugendliebe Carlos Sanchez (Nero), dem sie seit dem Putsch in einer furchtbaren Tragödie verbunden ist.

Chile als In-Location

Nero, ein eher stiller Mensch, der seine stahlblauen Augen gern hinter einer dunklen Sonnenbrille verbirgt, spricht vier Sprachen fließend. Hier dreht er auf Italienisch, die örtlich gecasteten Schauspieler auf Spanisch, wie das in internationalen Produktionen üblich ist. Am Ende werden sämtliche Figuren im Synchronstudio eingedeutscht. Doch angesichts der Tatsache, dass die chilenische politische Geschichte hier eine so große Rolle spielt, ist es besonders schade, dass auf mehr sprachliches Lokalkolorit verzichtet wurde.

Das Auftreten des 66-Jährigen ist der Absage von Terence Hill geschuldet - für den Weiterverkauf in wichtige TV-Territorien wie Italien, erklärt Günter van Endert, habe man "einen Italiener gesucht, der auch dem deutschen Publikum bekannt ist". Doch Franco Nero geriet zum unerwarteten Superstar der Produktion: Bei seiner Ankunft am Santiagoer Flughafen hatten sich Menschentrauben versammelt, zahlreiche Medien waren vor Ort – sehr zur Überraschung des Filmteams.

Nico Hofmanns Produktionsfirma Teamworx hat schon mehrfach politische Themen als Hintergrund eines großen Melodrams drapiert. In "Bobby" war es 2002 die Sorgerechtsklage eines schwulen Paares um einen mongoloiden Jungen, in "Eine Liebe in Afrika" bot 2005 die Armut in den Townships vor Kapstadt die Kulisse.

Nun also der Pinochet-Putsch in Chile, das für Hofmann auch die Auslotung eines neuen Filmlandes darstellt. Chile, die wohlhabendste Nation Lateinamerikas mit einer großen deutschsprachigen Gemeinde, gilt in der Werbebranche bereits seit längerem als In-Location. Eine gute Film-Infrastruktur, ein günstiger Wechselkurs und eine Lage mit Bergen und Meer, Wüste und Stadt in greifbarer Nähe zieht zunehmend auch Filmproduktionen an.

Die Stars gewannen dem exotischen Drehort Unterschiedliches ab. Bettina Zimmermann will während ihres Aufenthalts unbedingt auf die 3600 Kilometer vor Chile gelegenen Osterinseln reisen, "weil, wann kommt man da sonst schon noch mal so nah ran." Franco Nero, der hier bereits vor zwanzig Jahren mit "Sweet Country" einen Film über den Pinochet-Putsch drehte, hat einen befreundeten Arzt mitgebracht, der ihm als Tennispartner und Gesundheitscoach zur Seite steht – von dem opulenten Menü in einem feinen Steak-Restaurant bleibt auf Dottores Rat nur das Fleisch und ein Stück gedünstetes Gemüse auf Neros Teller.

Hannelore Elsner wiederum sagt, sie habe von der Landschaft noch nicht viel mitbekommen, so sehr sei sie mit der Rolle beschäftigt: "Ich versenke mich jeden Abend zwei Stunden ins Drehbuch." Später im Film immerhin wird sie davon schwärmen: "Ich habe nie vergessen, wie schön Chile ist."


"Mein Herz in Chile", heute und Montag, jeweils 20.15 Uhr, ZDF



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