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16. Januar 2007, 10:45 Uhr

ZDF-Schocker "Aufstand der Alten"

Oma sieht rot

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Alle reden vom Methusalem-Komplott, das ZDF malt es in grellsten Farben aus. "2030 - Aufstand der Alten" ist eine Horrorvision: Wer heute jung ist, wird im Alter zwischen Medizin-Schwarzmarkt, Elendskriminalität und Sterbekliniken vegetieren - Zeit für eine Revolte.

Aus der Ferne sehen sie aus wie Attac-Aktivisten. Sie tragen Käppis und Kapuzenshirts, ihr Gang signalisiert Kampfbereitschaft. Erst wenn die Kamera näher ranfährt, erkennt man, dass es sich bei den alerten Figuren um Alte handelt. Sie bringen sich mit Hilfsjobs über die Runden, schließen sich in Wohngemeinschaften zusammen, streiten mit kleinen Internetfernsehstationen für ihre Rechte.

Senioren-WG in "Aufstand der Alten": Prekäre Verhältnisse der über 70-Jährigen
ZDF/Britta Krehl

Senioren-WG in "Aufstand der Alten": Prekäre Verhältnisse der über 70-Jährigen

Und wenn die Knochen noch mitmachen, gehen diese Senioren sogar in den Untergrund. So brechen sie nachts in Apotheken ein, um sich die Medikamente zu besorgen, die ihnen die Krankenkasse vorenthält. Oder sie schließen sich einer Vereinigung namens "Kommando Zornige Alte" an. Dann schmeißen sie aus Schönheitskliniken entwendete Silikonkissen und Fettbeutel von Häuserdächern hinab auf die Gartenpartys der Reichen, um auf die sozialen Missstände aufmerksam zu machen: Die revolutionären grauen Zellen machen mobil.

Dem ZDF ist mit "2030 - Aufstand der Alten" ein gleichermaßen plakatives wie hintersinniges Zukunftsszenario geglückt. Überall spricht man zurzeit von den jungen Alten, hier nun wird der Optimismus dieser Formulierung in einen lustvollen Pessimismus gewendet: Die prekären Verhältnisse, in denen heute vor allem die 20- und 30-Jährigen leben, haben sich in diesem Doku-Fiction-Schocker längst zu den Lebensumständen der über 70-Jährigen verwandelt.

Geht es im Verteilungskampf der Generationen gemeinhin darum, dass die Jungen das System der Alten zu vereinnahmen oder zu stürzen versuchen, so ist es in "2030" genau umgekehrt. Die Senioren begehren gegen eine Gesellschaft auf, in deren Gestaltungsprozess sie längst keine Rolle mehr spielen. "Die fetten Jahre sind vorbei" in der Methusalem-Variante.

Lebensabend im Billiglohnland

Diese Frage macht die universale Brisanz des Dreiteilers aus: Wie geht ein Land mit einer Bevölkerungsgruppe um, die keine Leistung mehr zum gesamtgesellschaftlichen Wohlstand beitragen kann? Und was passiert, wenn diese Gruppe immer größer wird? Als Schlüssel für das komplexe Gedankenspiel über die Zukunft dient dem Science-Fiction-Krimi ein aktueller Anlass, nämlich das Hickhack um die Rentenreform.

Im Jahr 2030, so die Prognose, wird bereits eine ganze Reihe von Reformen an der Halbherzigkeit ihrer Umsetzung gescheitert sein. Die Pensionskassen sind leer, der Generationenvertrag wird gekündigt. Die Lebensarbeitszeit hat man noch mal raufgesetzt; über 70 gibt es dann für alle eine jämmerliche Grundrente von 560 Euro. Wer noch kann, verdient sich was dazu. Und wer ganz viel Glück hat, dem spendiert der Nachwuchs ein menschenwürdiges Altenheim, das gut ein Drittel eines Durchschnittseinkommens kostet. Der Rest kann sich für eben 560 Euro in eine der vielen "Seniorenresidenzen" einweisen lassen, die ein Konzern mit dem verdächtig schönen Namen "Pro Life" in Billiglohnländern betreibt.

Kein Amt, aber viel Einfluss

Der demographische Wandel inspiriert die öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher momentan wie kaum ein anderes Thema. Zwischen Alarmismus und Lebensabend-Euphorie ist dabei jede Stimmung möglich - das bewies die Konkurrenz vom Ersten letzte Woche. An einem Abend sendete man dort den Doku-Schocker "Im Greisenland", in dem überalterte Landstriche Deutschlands gezeigt und in dem auch gleich die Schuldigen benannt wurden: hedonistische Singles, die keine Kinder kriegen wollen. An einem anderen Abend trommelte man bei der ARD für den Talk bei Sandra Maischberger eine Runde fröhlicher Greise zusammen, um die Frage zu diskutieren, ob das Land bereit sei für die "Altenrepublik". Mit dabei war auch der Politrentner Hans-Jochen Vogel, der sich längst aus dem aktiven Geschäft verabschiedet hat - um sich von seinem Münchner Seniorenheim umso häufiger für Talkshows buchen zu lassen. Plasberg, Christiansen, Maischberger - hier saß der 80-Jährige innerhalb weniger Wochen. Kein Amt, aber viel Einfluss. Noch reden sie mit, die Alten.

Beim ZDF und ihrem Demographie-Thriller "2030" ist das anders. Rentner, die ohne Gehhilfe auskommen, malochen als Fensterputzer oder Straßenmusikanten (in einer Szene jazzen ein paar Zausel im Bebop-Outfit für ein paar Cent ziemlich cool in einer Einkaufsstrasse rum). Mitsprache an gesellschaftlichen Entscheidungen indes besitzen sie nicht mehr. Als Wirtschaftsfaktor für die prosperierende Altenindustrie spielen sie zwar eine Rolle, doch ihre Entscheidungsfähigkeit erschöpft sich in der Wahl, sich einschläfern zu lassen, um so dem sicheren Dahinsiechen zu entkommen: Sterbebegleitung in Höchstgeschwindigkeit als effizienteste aller Entsorgungsmöglichkeiten.

Billig-Pillen und Altenlazarette

Die sozio-ökonomischen Zuspitzungen in "2030" (Buch und Regie: Jörg Lühdorff) sind ungeheuerlich, die Pervertierung per Grundgesetz geschützter Werte bewegt sich gelegentlich jenseits der Glaubwürdigkeitsgrenze. Doch das geschickte inszenatorische Spiel zieht einen unweigerlich rein in diese Welt der Euthanasie-Kliniken und ruhestandsbedingten Elendskriminalität.

Angelegt sind die dreimal 45 Minuten als Fake-Doku: Eine Fernsehjournalistin (Bettina Zimmermann) untersucht die Tötung eines Senioren-Revoluzzers (Jürgen Schornagel). Dabei konstruiert sie die Entwicklung der Renten-Misere von den Neunzigern ("Die Rente ist sicher!") bis ins Jahr 2030, wo viele Alte gezwungen sind in die Illegalität zu gehen: Auf dem Schwarzmarkt besorgen sie sich echte Medikamente, weil die Krankenkassen nur noch Billig-Pillen erstatten. Und verarzten lassen sie sich in Altenlazaretten - überfüllten Privatwohnungen, wo sie betagte Ärzte zwischen maroden Wohnzimmermöbeln versorgen.

Je weiter die Reporterin in dieses Altenelend samt seiner Schattenwirtschaft eintaucht, desto deutlicher werden die Verstrickungen der Politik und der Pflege-Industrie in das System. Und die Aufdeckung des Komplotts wird äußerst sinnig in Szene gesetzt - wie eine Mischung des Sci-Fi-Kannibalismus-Reißers "Soylent Green" und einem Beitrag für das ZDF-Wirtschaftsmagazin "WiSo". Zuschauer, für die der demografische Wandel bislang nur eine Politikerfloskel war, werden hier mit einer gesellschaftspolitischen Schauermär konfrontiert. Man muss ihr nicht in aller Konsequenz folgen, um sich einen gesunden Schrecken einjagen zu lassen. Rentner von morgen, hört die Signale!


"2030 - Aufstand der Alten", Dienstag, 16.1.2007, 20.15 Uhr, ZDF.

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