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ZDF-Serie "Ijon Tichy: Raumpilot": Münchhausen der Milchstraße

Von Peter Luley

Erstaunliches aus Mainz: Ein sechsteiliges Science-Fiction-Betthupferl frei nach Stanislaw Lem gefällt mit selbstbewusstem Spaß am Trash – und Nora Tschirner als "analoger Halluzinelle".

"Bin ich Ijon Tichy – Raumpilot, galaktisches Diplomat, Entdecker, Held von Kosmos", informiert uns der sympathische Zausel, während er im weißen Feinripp-Unterhemd den Steuerknüppel seiner Rakete bedient. Lässig lenkt er sein verdächtig an eine studentische Altbauwohnung gemahnendes Flugobjekt durch die draußen am Fenster vorbeirasenden Planetenansammlungen – erst als er sich zwischendurch "ein lecker Omelette" machen will und seine Aufmerksamkeit von der Route abwendet, kommt es zu Turbulenzen, und er wird mächtig in der Bordküche umhergeschleudert.

"Ijon Tichy"-Darsteller Jahn: Auf herrlich schräger Kulupenjagd im Öffentlich-Rechtlichen
ZDF

"Ijon Tichy"-Darsteller Jahn: Auf herrlich schräger Kulupenjagd im Öffentlich-Rechtlichen

Mit dieser Einstiegsszene sind gleich Protagonist, Setting und Tonlage der heute startenden ZDF-Miniserie "Ion Tichy: Raumpilot" etabliert: Frei nach den "Sterntagebüchern" des polnischen Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem (1921–2006, "Solaris") erzählt das aus sechs Teilen à 15 Minuten bestehende Format von den Abenteuern eines chaotischen Münchhausens der Milchstraße – und zwar mit so unverhohlener kindlicher Freude am Trash, dass man sich kurz vergewissern muss, ob man tatsächlich den oft als "Kukidentkanal" verspotteten Mainzer Sender eingeschaltet hat.

Bei der Produktion aus der Nachwuchsschmiede "Das Kleine Fernsehspiel", die das ZDF nun einen Tag vor Lems erstem Todestag als "kurzweiligste deutsche Science-Fiction-Serie seit 'Raumpatrouille Orion'" präsentiert, handelt es sich um ein bereits seit Jahren verfolgtes Projekt der dffb-Studenten Oliver Jahn, Randa Chahoud und Dennis Jacobsen, wobei Jahn als Drehbuchautor, Co-Regisseur und Hauptdarsteller eine besonders tragende Rolle zukommt. Dem 1969 geborenen gelernten Kommunikationselektroniker, in dessen Privatwohnung die Dreharbeiten stattfanden, gelingt es in allen drei Funktionen trefflich, den ironisch-philosophischen Geist der Lemschen Phantastereien zu transportieren und im Gewand der Science-Fiction vom allzu Menschlichen zu erzählen.

Doch so hübsch absurd die Abenteuer des tollkühnen Kosmos-Tramps auch daherkommen, so faszinierend die Wortschöpfungen des in einem undefinierbaren osteuropäischen Akzent radebrechenden Tichy immer wieder anmuten ("teuer Inspektion is Frechigkeit", "hab ich dringende Termin von Wichtigkeit") und so wunderbar retro die psychedelische Orgelmusik das Geschehen begleitet: Ob Tichys Charme allein das Ganze hätte tragen können, ist doch ein wenig zweifelhaft. Und so besteht der größte Coup des Raumpiloten womöglich in der Erschaffung einer holografischen Gehilfin und Dialogpartnerin – und der größte Coup der Filmemacher in der Besetzung der Rolle mit Nora Tschirner.

Leckerer Pilzsoßen-Köder

Als "analoge Halluzinelle", die stets ein wenig besorgniserregend flackert, ihren Schöpfer mit "Herr Tichy" anredet und auch vor Widerworten nicht zurückschreckt, ist die 25-jährige Schauspielerin ("Soloalbum", "FC Venus") und Moderatorin, die schon in der MTV-Reihe "Ulmens Auftrag" als kongenialer Sidekick glänzte, sozusagen das Salz in der ko(s)mischen Suppe. Kreiert, um Tichy durch gelegentliche Übernahme des Steuers ein wenig Schlaf zu ermöglichen, verschuldet sie alsbald eine Bruchlandung auf dem unwirtlichen Planeten Torkov. Dort gelangt der Raketenzündschlüssel in den Schlund eines haarigen Kulupen-Monsters (das ungefähr so viel Schrecken verbreitet wie Samson aus der "Sesamstraße") – und muss von Tichy in einer tollkühnen Aktion wiederbeschafft werden: Nach kurzem Nachschlagen in der "Kosmischen Enzyklopädie" übergießt er sich mit Pilzsoße und lässt sich als lebenden Köder verspeisen, um dann im Innern des Kulups eine Bombe zu zünden.

Wer sieht, mit welchem Einfallsreichtum auch in den kommenden kurzweiligen Folgen klassische Science-Fiction-Topoi wie Alterungsprozesse und Zeitschleifen, aber auch Themen wie Weihnachten im Weltraum, Roboterwettbewerbe und Marsmasern aufbereitet werden und mit welcher Kreativität aus Haushaltsgegenständen Sets gestaltet wurden, der kann nur wünschen, dass Tichys Abenteuer noch viele Fortsetzungen erfahren. Und sogar der an sich ärgerlich späte Sendetermin montags knapp vor Mitternacht tut in diesem Fall nicht ganz so weh. Denn auch in dieser Hinsicht zeigt sich das ZDF ganz zukunftsweisend: Auf der Internetseite des Senders kann man sich eventuell verpasste Folgen herunterladen.


"Ijon Tichy: Raumpilot", ab Montag, 26.März, 23.55 Uhr, ZDF

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