ZDF-Streit Union verweigert Brender Stellungnahme

Im Verwaltungsrat des laut Definition staatsfernen ZDF machten CDU-Vertreter klar, wer dort eigentlich die Macht hat: Im Streit um Chefredakteur Nikolaus Brender zeigte die Union Härte. Für Intendant Markus Schächter wird die Lage langsam aussichtslos.

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Im Streit um die Verlängerung des Vertrags von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender zeigt die Union Härte. Bei der Sitzung des Verwaltungsrats am vergangenen Freitag, zu der auch die Brender-Gegner Roland Koch und Edmund Stoiber angereist waren, lehnte die unionsnahe Mehrheit des Gremiums Brenders Wunsch ab, zu den von Roland Koch in der Presse geäußerten Vorwürfen Stellung zu nehmen.

ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Die unionsnahe Mehrheit im Verwaltungsrat will ihn ablösen
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ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender: Die unionsnahe Mehrheit im Verwaltungsrat will ihn ablösen

Eines war klar nach der Sitzung des obersten ZDF-Kontrollorgans: Hätte Intendant Markus Schächter am vergangenen Freitagabend tatsächlich vorgeschlagen, den Vertrag von Chefredakteur Nikolaus Brender zu verlängern, hätte ihn die unionsnahe Mehrheit unter Führung von Hessens Ministerpräsident Roland Koch durchfallen lassen. Nicht nur Koch und Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber erneuerten ihre Vorwürfe gegen den obersten Journalisten des Hauses, auch andere CDU-Granden sprachen gegen ihn.

Wegen der vorhersehbaren Niederlage hatte Schächter die Entscheidung über die Chefredakteursfrage auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben. Doch gebracht hat es ihm nicht viel. Wenn er auf Entspannung gehofft hatte, so wurde er gestern eines Besseren belehrt. Die Union zeigte sich in der Personalie Brender entschlossen, ihre harte Linie durchzuziehen.

Neue Vorwürfe gegen Brender

Diesmal, so heißt es aus dem Kreis der Sitzungsteilnehmer, monierten die Unionsleute allerdings nicht mehr in erster Linie angebliche Quoten- und Qualitätsprobleme der ZDF-Nachrichtensendungen. Mit diesen Vorwürfen hatte Hessens Ministerpräsident Roland Koch vor Wochen in einem Interview mit der "FAZ" Chefredakteur Brender frontal angegriffen. Doch in der Frage hatte sich vor zwei Wochen der ZDF-Fernsehrat weitgehend hinter Intendant Schächter gestellt. Nun bemängelten die Unionsleute Brender wegen schlechter Mitarbeiterführung.

Nikolaus Brender, dem am selben Tag der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis zugesprochen worden war, durfte sich aber weder zu den alten noch zu den neuen Vorwürfen äußern. Ein solches Ansinnen des Chefredakteurs wurde von den Unionsleuten im Verwaltungsrat abgelehnt. Brender musste schweigen.

Disziplinarstrafen für Meinungsäußerungen?

Dafür, so berichten Sitzungsteilnehmer, forderte Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber den ZDF-Intendanten auf, die Unterzeichner eines offenen Briefes, in dem sich die führenden Journalisten des Hauses gegen parteipolitisch motivierte Einflussversuche gewehrt hatten, disziplinarisch zu belangen.

Intendant Schächter steht mit seinem Kandidaten Brender nun vor einer hoffnungslos verfahrenen Situation. Sein Zurückzucken vor einer drohenden Niederlage hat ihm nichts gebracht. Die Union bewegt sich keinen Millimeter. Roland Koch und Edmund Stoiber führen weiter das Wort - und verweigern es dafür dem Chefredakteur, den sie öffentlich angreifen.

Das ist die perfekte Demontage. Der Griff der Politik um das ZDF hat sich nicht gelockert, er scheint gestern eher noch enger geworden zu sein.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
B_Gniffke 28.03.2009
1. ein Fall von Zensur?
Zwar bin ich kein ausgesprochener Fan von Herrn Brender. Doch unabhängig von der Person frage ich mich, was Koch & Co. hier treiben. Das ist doch langsam nicht mehr Verfassungskonform!
teddyhh 28.03.2009
2. Soviel zum Thema Meinungsfreiheit...
Zitat von sysopIm Verwaltungsrat des laut Definition staatsfernen ZDF machten CDU-Vertreter klar, wer dort eigentlich die Macht hat: Im Streit um Chefredakteur Nikolaus Brender zeigte die Union Härte. Für Intendant Markus Schächter wird die Lage langsam aussichtslos. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,616079,00.html
Typisch Koch und Stoiber... Solidaritätsbekundungen auch noch bestrafen wollen.. So sieht deren Politik-Stil aus.. nur was die beiden Herren von sich geben gilt... was für eine Bananenrepublik...
marcinek75 28.03.2009
3. Jeden Tag ein anderes Märchen
Also zuerst bemängelt die CDU die angeblich schlechten Quoten, wird dann widerlegt. Jetzt spricht sie von schlechter Mitarbeiterführung. Hat die Union im ZDF eine Mitarbeiterbefragung durchgeführt? Ich fürchte auch diese Lüge wird bald enttarnt sein und übrig bleibt nur die bittere Wahrheit: Hier wird gegen alle vernünftigen Widerstände feudalistische Rachepolitik betrieben und ganz nebenbei, aber nur scheinbar zufällig das ZDF schwer beschädigt. Nutznießer dürften auch die privaten Fernsehsender sein. Aber das ist ja auch ganz im Sinne der CDU/CSU.
descartes101, 28.03.2009
4.
Zitat von sysopIm Verwaltungsrat des laut Definition staatsfernen ZDF machten CDU-Vertreter klar, wer dort eigentlich die Macht hat: Im Streit um Chefredakteur Nikolaus Brender zeigte die Union Härte. Für Intendant Markus Schächter wird die Lage langsam aussichtslos. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,616079,00.html
Stoiber, Koch und die anderen, ungenannten 'CDU-Granden' sind bauernschlaue Kriminelle, die alle mit dem Gesetz im Dauerkonflikt stehen. Bei einigen ist es nur noch nicht rausgekommen. Diese Politmafia macht jetzt öffentlich und ungestraft mobil gegen die freie Meinungsäusserung und den unabhängigen Journalismus. Keine Strafe, keine Konsequenzen, keine Abhörmassnahmen für diese Verfassungsfeinde. Es darf hiermit wiederholt als bewiesen gelten: Deutschland ist eine durch und durch korrupte Bananenrepublik. Das gilt in gewissem Umfang für alle Parteien, aber 100% für die CDU/CSU.
MiepMiep 28.03.2009
5. Ist doch alles gesagt
Dem Artikel gibt es wohl kaum noch etwas hinzuzufügen. Vielleicht nur noch den bekannten Schlussatz: Alle Schweine sind gleich, ab einige Schweine sind gleicher als die anderen. Wenn ZDF und ARD ihre öffentlicvh-rechtliche Aufgabe wirklich ernst nehmen würden, hätten allderdings ein paar der gleicheren Schweine schon längst den Metzger kennengelernt. Aber solnage "Wetten dass..." (und Co.) als ebenso wichtig gehandhabt werden wie kritischer und unabhängiger und investigativer Journalislmus, können die Oberschweine ihr Grunzen eben zum Gesetz machen, dem sich alle anderen fügen müssen. Wie wäre es mal mit einer Reportage zu diesen Vorkommnissen im frühen Abendprogramm des ZDF? Geht nicht? Geht doch - aber wird nicht gemacht, weil - siehe oben...
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