Zehn Jahre Kölner "Tatort" Nur nicht altersmilde werden!

Mit "Nachtgeflüster" feiern Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär ihr zehnjähriges Dienstjubiläum als Kölner "Tatort"-Kommissare. Ihren festen Platz im ARD-Ermittlerspektrum haben Ballauf und Schenk auch weiterhin sicher – selbst wenn das Feuer der frühen Jahre manchmal fehlt.


"Kacke, alte verdammte", schimpft Freddy Schenk, als er beim Aussteigen aus dem Dienstwagen in Hundekot tritt. "Was'n los", fragt sein Kollege Max Ballauf von der Fahrerseite aus. "Na, Kacke, alte verdammte, hab' ich doch gesagt", gibt Schenk zurück, während die beiden sich auf den Weg zum Inspizieren einer Leiche machen, die in einem Auto unter einer Brücke gefunden wurde. Als sich herausstellt, dass es sich bei dem Toten um einen Polizeiobermeister handelt, stößt er den Satz gleich noch einmal hervor: "Kacke, alte verdammte."

Der etwas bemüht wortwitzige Dialogeinstieg in den "Tatort: Nachtgeflüster" lässt den Zuschauer früh vermuten, dass es sich beim 37. Fall des Kölner Kriminalduos Ballauf/Schenk womöglich nicht um den besten der beiden handeln könnte. Tatsächlich drückt einen das Drehbuch von Stefan Cantz und Jan Hinter im weiteren Verlauf der Handlung nicht gerade vor Spannung in den Fernsehsessel. Der Plot um den erschossenen Kollegen von der Streife nimmt einen kleinen Umweg über illegales Glücksspiel in einer Dönerbude und verzettelt sich dann in den Wirren um eine Late-Night-Radioshow, in der sich ein ominöser Anrufer meldet, um live auf Sendung den Mord an dem Beamten zu gestehen. Die zu klärende Frage: Ist es ein gestörter Geltungssüchtiger oder der Täter?

Klischees zum Jubiläum

Die von Torsten C. Fischer inszenierte Story bietet Episodenrollen für Claudia Michelsen als quotenfixierte Radio-Managerin, für Annika Kuhl ("Dr. Psycho") als Moderatorin Melissa und für Oliver Bröcker ("Kinderspiele") als eifrigen Redaktionspraktikanten. Sie dient als Folie für viele "Nachtfalke"- und "Einsamer Wolf"-Klischees sowie diverse Postkarten-Kameraeinstellungen mit dem Dom vor funkelnder Großstadtkulisse. Nur leider bildet sie nicht wirklich den wünschenswerten würdigen Rahmen für das zehnjährige Dienstjubiläum, das Ballauf und Schenk respektive ihre Darsteller Klaus J. Behrendt, 47, und Dietmar Bär, 46, an diesem Sonntag begehen.

Schließlich sind die beiden Buddy-Bullen inzwischen nicht nur eines der am längsten amtierenden Ermittlerteams nach SWR-Frau Lena Odenthal, den Münchnern Batic und Leitmayr, Lührsen und Stedefreund (Bremen) sowie den demnächst ausscheidenden Leipzigern Ehrlicher und Kain. Die gebürtigen Westfalen Behrendt (Hamm) und Bär (Dortmund), beide in Berlin lebend und auch privat befreundet, sind längst als Bildschirm-Kölner akzeptiert, gelten als eines der populärsten "Tatort"-Duos überhaupt – und waren mal eines der innovativsten und mutigsten.

Diente die Auftaktfolge "Willkommen in Köln" (5. Oktober 1997) noch in erster Linie der Einführung der sich bis heute lustvoll kabbelnden Protagonisten, so ging es schon im zweiten Fall "Bombenstimmung" um einen TV-Fälscher à la Michael Born und mithin um ein damals aktuelles, brisantes Thema. Unmittelbar darauf folgten der länderumspannende Kindesmisshandlungskrimi "Manila", für den erstmals ein "Tatort"-Team in Asien ermittelte, und eine hervorragende Aufbereitung des Konflikts um die Wehrmachtsausstellung ("Bildersturm", 1998), in die Freddy Schenk über seinen Onkel persönlich involviert war.

Schimanskis Erben

Im Lauf der Jahre allerdings ließ die Frequenz, mit der heiße Eisen angepackt wurden, ein wenig nach. Zum einen, weil die Kölner seit der Existenz des kleinen "Tatort"-Bruders in Münster weniger oft zum Zuge kommen, aber wohl auch, weil sie nicht in die Schublade der politisch allzu korrekten Gutmenschen geraten wollten und sich verpflichtet fühlen, regelmäßig auch das reine "Fang den Mörder, fang den Hut"-Muster (Behrendt) zu bedienen. Für neue Akzente sorgten in jüngerer Vergangenheit eher die düsteren Frankfurter Fahnder Sänger und Dellwo (Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf), mit Spannung erwartet wird bereits Mehmet Kurtulus als Nachfolger von Robert Atzorn in Hamburg.

Gleichwohl gelangen mit Episoden wie "Minenspiel" (2005), nach deren Ausstrahlung das Team vom Menschenrechtsausschuss des Bundestages angehört wurde, oder "Blutdiamanten" (2006) immer wieder engagierte Stücke von gesellschaftspolitischer Relevanz. Wenn die Stoffe den Film tragen und die Frotzeleien zwischen dem besorgten Dynamiker Ballauf und dem ungehobelten Schwergewicht Schenk nur die Würze darstellen, sind die beiden – als WDR-Kommissare immerhin auch irgendwie Erben von Schimanski und Thanner – am stärksten.

Ein bisschen was von ihrem enormen Authentizitätspotential scheint sogar im schwächeren aktuellen Fall durch, wenn sich Ballauf zu Beobachtungszwecken an einem Imbiss gegenüber der verdächtigen Zocker-Dönerbude rumtreibt und mit der Betreiberin ins Gespräch kommt. Wenn diese dann dem indifferenten Kommissar mit rheinischer Autorität ein Bier auf den Tresen stellt ("Trink 'n Kölsch, das passt immer") und hinter der Fladenbrotkonkurrenz vis-à-vis eine al-Qaida-Zentrale wittert, dann scheint der liebenswerte sozialkundliche Aspekt, der den "Tatort" allgemein auszeichnet, auf das Schönste durch – in Form von echtem Lokalkolorit.

In diesem Sinne: Zum Jubiläum nur die besten Wünsche – und für die Zukunft möglichst viele gute, relevante Bücher. Auch wenn Freddy Schenk demnächst Opa wird: Nur nicht altersmilde werden, die Herren! Oder volkstümlicher gesagt: ruhig mal wieder auf die Kacke hauen!


"Tatort: Nachtgeflüster", Sonntag, 7.10., 20.15 Uhr, ARD



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