Zehn Wahrheiten von... Gretel Bergmann: "Ich wollte zeigen, dass ein jüdisches Mädchen die Deutschen besiegen kann"

Die Jüdin Margaret Bergmann war 1936 die beste Hochspringerin der Welt, aber an den Olympischen Spielen durfte sie nicht teilnehmen. Die Nazis nominierten einen als Frau verkleideten Mann. Bergmanns Geschichte wurde jetzt fürs Kino verfilmt. Klaus Brinkbäumer besuchte die 95-Jährige in New York.

"Berlin '36": Gold für die Jüdin? Fotos
DPA

In Laupheim im Deutschen Reich fing Gretel Bergmann mit dem Sport an, als sie zehn Jahre alt war. Sie lief, sprang, warf, wurde aus dem Ulmer Fußballverein ausgeschlossen, ging nach England und wurde britische Hochsprung-Meisterin, kehrte heim, um 1936 in Berlin Olympiasiegerin zu werden, durfte nicht starten, sie floh in die USA, wurde dreimal amerikanische Meisterin, 1937 im Hochsprung und Kugelstoßen, 1938 im Hochsprung.

Was hätten Sie 1936 erreicht?

1. "Gold, nichts anderes wäre es gewesen. Ich wollte den Deutschen und der Welt beweisen, dass Juden nicht diese schrecklichen Menschen waren, nicht so fett, hässlich, widerlich, wie sie uns darstellten. Ich wollte zeigen, dass ein jüdisches Mädchen die Deutschen besiegen kann, vor 100.000 Menschen."

Berlin '36 ist 73 Jahre her. Gretel Bergmann, 1936 vermutlich die beste Hochspringerin der Welt, war 1,60 Meter gesprungen, das war deutscher Rekord. 1,60 Meter bedeuteten in Berlin eine Medaille. Gretel Bergmann war Mitglied der deutschen Kernmannschaft, weil die Amerikaner den Boykott angedroht hatten für den Fall, dass keine Juden im deutschen Team auftauchen würden. Doch als die Amerikaner auf dem Weg nach Berlin waren, schlossen die Nazis die Bergmann aus. Sie nominierten Dora Ratjen, die in Wahrheit ein Mann war, und der Mann rasierte sich die Beine, trug lange Haare und fiel nicht weiter auf.

Schwer zu glauben, dass selbst die Mannschaftskameradinnen nichts gewusst haben sollen.

2. "Aber so war es. Ich habe mit ihr oder mit ihm, wie soll ich sagen?, jedenfalls mit Dora Ratjen ja sogar das Zimmer geteilt. Ich habe nie einen Verdacht gehabt, nicht ein einziges Mal. In der Dusche haben wir uns alle gewundert, dass sie sich nie nackt zeigte, mit 17 noch so schüchtern, es war grotesk. Wir dachten nur: Die ist seltsam, die ist schräg. Es gab eine Tür zu einem privaten Badezimmer, wir durften nicht hindurchgehen, nur Dora durfte. Aber geahnt habe ich nichts, viele, viele Jahre lang nicht."

Ihre Familie konnte vor dem Holocaust fliehen. Die Familie Ihres Ehemannes wurde ermordet, der Vater, die Mutter, 30 Verwandte. Mit welchen Empfindungen blicken Sie heute nach Deutschland?

3. "Ich musste erst lernen, dass nicht alle Deutschen Mörder waren, und verstehen, dass die jungen Deutschen von heute nichts mit dem zu tun haben, was damals geschah. Menschen können gut oder böse sein, das hat nichts mit Hautfarben oder Nationen zu tun. Das Schlimmste sind ja Hass, Sippenhaft und Klischees. Ich habe jahrelang alles gehasst, was mit Deutschland zu tun hatte, das Land, die Menschen, sogar die Sprache. Ich hätte so glücklich sein können in all den Jahren, wenn ich nicht so gehasst hätte. Ich wollte nicht mal mehr Deutsch sprechen nach den Olympischen Spielen. Kein Wort mehr."

Sie lacht, sie lacht überhaupt sehr viel in diesen Stunden in ihrem Wintergarten in Queens. Dann sagt sie: "Mein Mann und ich haben dann aber doch ganz selten Deutsch gesprochen, dann nämlich, wenn die Kinder uns nicht verstehen sollten."

Mrs. Bergmann trägt Turnschuhe und Ringelsöckchen, eine helle Baumwollhose und eine weiß-grüne Blümchenbluse, ein Hörgerät, sie hat lächelnde, braune Augen, weißes Haar. Das Ehepaar Bergmann-Lambert lebt in Queens, 8450 Avon Street, in einem etwas windschiefen Haus in einem hügeligen Viertel der großen Gärten. Bruno ist 99 Jahre alt, Margaret 95, seit 70 Jahren sind sie verheiratet.

Was ist das Geheimnis einer langen Ehe?

4. "Akzeptieren und lächeln."

Sie sagt es auf Englisch: "take it and smile", und lacht, und dann sagt sie, da sei noch etwas, aber jetzt schweigt sie.

Was ist da noch?

5. "Zwei Fernseher. Bruno ist Fan der New York Mets, ich liebe die Yankees, und weil beide Mannschaften täglich spielen, sind es eigentlich ja nur 35 Jahre Ehe. Eine Fernbeziehung."

Der Plan der Nazis ging damals nicht auf, Dora Ratjen wurde Vierte. Gold holte die Ungarin Ibolya Csák. "Eine Jüdin", sagt Margaret Bermann und kichert. Der Mann im Damentrikot, Dora Ratjen, wurde 1938 Europameisterin und kurz darauf enttarnt; er lebte zurückgezogen, starb 2008.

Wann verstanden Sie, was 1936 der Plan der Nazis gewesen war?

6. "Ich habe mich während der Vorbereitung jeden Tag gefragt: Wie werden sie mich stoppen? Werden sie mir ein Bein brechen? Werden sie mich ermorden? Dann verstand ich, was sie vorhatten, und als ich wusste, worum es ging, wusste ich auch, dass ich keine Chance hatte und mir andererseits keine Sorgen um mein Leben machen musste."

Am 15. Juli 1936 bestiegen die Amerikaner das Schiff in New York, am 16. Juli verließ der Brief an "Frl. Gretel Bergmann" den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen: "Sie werden aufgrund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben." Bei ihrem letzten Wettkampf war sie 20 Zentimeter höher als die Zweitplatzierte gesprungen. "Heil Hitler!", so endet der Brief.

Und wann erfuhren Sie, dass in Berlin ein Mann angetreten war?

7. "Ich habe bis 1966 nichts gewusst. Da habe ich beim Zahnarzt gesessen und in 'Time' die Geschichte vom Hochsprung-Betrug von 1936 gelesen. Ich musste kreischen und lachen, und alle in der Praxis hielten mich für irre. Ich habe Dora einen Brief geschrieben und nie eine Antwort erhalten."

Es gibt nun einen Spielfilm über Gretel Bergmann, "Berlin '36", am 10. September kommt er in die Kinos. Es ist ein bewegender, ein aufregender Film. Darin intrigiert die ganze Mannschaft gegen Bergmann.

Wie war es im wahren Leben? Alle gegen Sie, alle gegen die Jüdin?

8. "Wir haben uns gut verstanden. Wir haben uns sogar Tipps gegeben, wie man besser springen kann. Die ganze Sportwelt war ja anders, kein Vergleich dazu, wie es heute ist. Wir waren Freundinnen, die an jedem Samstag in eine andere Stadt zu den Sportfesten fuhren. Wir hatten die beste Zeit unseres Lebens und hielten nach den Jungs Ausschau. Heute? Geld, Geld, Geld. Masseure und Psychologen." Und Doping. "Jawohl, und Doping."

Sie reiste damals nach New York City, so schnell sie konnte; 10 Mark, 4 Dollar, durfte sie mitnehmen. Gretel putzte und bügelte in Amerika. Dann lernte sie sich selbst als Krankengymnastin an, arbeitete für Ärzte. "Jede Menge dicke Frauen", sagt sie, "die einzige, die abnahm, war ich." Bruno kam nach, ihr Verlobter, bald ihr Ehemann, es war 1938. Bruno machte sein Examen in Amerika, Medizin, er durfte Staatsbürger werden, meldete sich am selben Tag zum Einsatz im Krieg gegen die Deutschen.

Frau Bergmann-Lambert, wie gefällt Ihnen der Film über das, was damals geschah?

9. "Sehr, sehr gut. Und ich mag beide Happy-Endings, das des Films und das des Lebens."

Das Happy-End Ihres Lebens?

10. "Nun, ich bin ja hier, immer noch, das zählt doch wohl.

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Zum Autor
Martin Adolfsson
Klaus Brinkbäumer, geboren 1967 in Münster, arbeitet seit 1993 für den SPIEGEL. Seine Artikel und Reportagen wurden mehrfach ausgezeichnet. In loser Folge interviewt der Reporter und New Yorker SPIEGEL-Korrespondent Prominente - und entlockt ihnen jeweils "zehn Wahrheiten".