"Zeit-Magazin Leben" Der Greis als Rebell

Opulent, geschmackssicher – und leider viel zu brav: Die "Zeit" hat ihre vor acht Jahren eingestellte Beilage als "Zeit-Magazin Leben" reanimiert. Das Heft bewegt sich jetzt zwischen Retro-Charme, Veteranentreffen und Personalisierungskult.

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Alt ist er geworden, der Willem Dafoe. Ach nein, bei dem Herrn, der uns da von der Frontseite des wiedererweckten "Zeit"-Magazins mit Adleraugen und markigen Falten um den Mund die Frage "Kennen wir uns nicht?" zuwirft, handelt es sich ja gar nicht um den amerikanische Schauspieler. Es ist vielmehr der deutsche Verkleidungskünstler Günter Wallraff, bloß eben nach vielen Jahren mal wieder in Tarnung, also mit Perücke und ohne Schnauzer. Schlägt man eine Seite weiter, posiert er noch mal als Coverstar, diesmal unverkleidet. Unter seinem kühlen Lächeln prangt die Überschrift "Günter Wallraff macht mal wieder Ärger".

Ein tolles Frontseiten-Experiment, ein schönes Versprechen – das leider nicht wirklich erfüllt wird. Dabei ist das Anliegen durchaus ehrenwert. Der altgediente Arbeitsmarkt-Maulwurf Wallraff hat sich für seinen jüngsten Auftritt in den menschenverachtendsten Auswuchs der modernen Dienstleistungsgesellschaft hineingegraben: Call-Center. In Sachen Desinformation und Ausbeutung sind diese Einrichtungen in der Regel so schlimm wie einst "Bild"-Zeitung und McDonalds zusammen. Ein adäquates Betätigungsfeld also für Wallraff, der den beiden genannten Institutionen mit seinen Reportagen ja tatsächlich vor vielen Jahren mal viel Ärger bereitet hat.

Die jüngste Recherche des Undercover-Veterans geht allerdings nicht recht auf: Wallraff schreibt mal wieder zu viel über Wallraff. Die beiden Call-Center, bei denen er sich als Mitarbeiter angedient hat, werden zwar einigermaßen detailliert in ihrem dubiosen Personal- und Geschäftsgebaren dargestellt, die im Artikel selbst formulierte Kernfrage aber bleibt unbeantwortet: "Wer belästigt da? Wer will, soll, muss verkaufen?" Wenig erzählt Wallraff über die Menschen, die in diesen Legebatterien der Kommunikationsgesellschaft arbeiten, viel über die eigenen Verkleidungstricks. In einem extrem länglichen Absatz berichtet er, wie er in Tarnung von der Polizei nach seinen Ausweispapieren gefragt wird. Kann sein, dass der "Zeit"-Klientel da vor Aufregung die Lesebrillen beschlagen, die journalistische Schlagkraft wird durch solche Ego-Exkurse eher gebremst.

Die Zigarette danach

Retro-Charme und Personalisierungskult: Die Stärken der mit viel Werbe-Brimborium reanimierten "Zeit"-Beilage sind zugleich ihre Schwächen. Um das alte legendäre Glanzpapierprojekt, das in schlechteren wirtschaftlichen Zeiten unter großem Leser-Wehklagen eingestellt wurde, nach acht Jahren für einen stattlichen siebenstelligen Betrag zu neuem Leben zu erwecken, hat man vor allem auf ebenso alte legendäre Gestalten gesetzt. Die sind bekannt und haben etwas erlebt – sind ihre Beiträge deshalb zwangsweise relevant?

Wer diesen freilich wunderhübsch aufgemachten, 80-seitigen Gedenk- und Erinnerungsmarathon bewältigt hat, darf sich am Ende auf "Eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt" in der gleichnamigen Rubrik die Welt erklären lassen. Zur Premiere gibt es ein paar Gedanken zum G-8-Gipfel, der nach Meinung des Kanzlers a.D. nur noch ein lästiges Medien-Event darstelle, den die Regierungen mit zu viel Aufwand planten. Vorschlag des grauen Staatsmannes: Man solle sich doch lieber in kleinerem Kreise "irgendwo in der Landschaft" treffen.

Man muss Helmut Schmidt nicht unbedingt für seine Wortbeiträge schätzen, um vor seiner Kettenraucherpose in die Knie zu gehen. Der Mann ist ja schon deshalb ein cooler Hund, weil er der einzige im Land ist, der sich von niemandem und nirgendwo das Rauchen verbieten lässt. Marktforschungen vor Reaktivierung des "Zeit"-Magazins haben angeblich ergeben, dass der 88-Jährige gerade deshalb von den jungen Leuten bewundert wird, die jetzt ja schon zum Rauchen in der Disco vor die Tür geschickt werden. Der Greis als Rebell.

Griesgrämig zur Heft-Taufe

Das veranschaulicht recht schön, auf welche Paradoxien man sich einlassen muss, um die alten "Zeit"-Leser, die laut Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auch noch lange nach Abschaffung des Magazins 1999 unter "Phantom-Schmerzen" gelitten hätten, wieder zu mobilisieren – und zugleich die jüngeren und inzwischen ans "Zeit Leben" gewöhnten Jahrgänge für das neue alte Projekt zu gewinnen. Das "Zeit-Magazin Leben", wie das Heft nun vielsagend betitelt ist, will ja generationsübergreifend sein. Wiedererweckt wurde es von einem relativ jungen Team um den 33-jährigen Christoph Amend, der zuvor eben das Ressort "Leben" leitete. Das ist nun weitgehend im Supplement aufgegangen. Nette "Leben"-Erfindungen wie "Ich habe einen Traum" werden ebenso neu aufgelegt wie alte Standards, etwa Wolfgang Siebecks beliebte Küchentipps, die man seinerzeit wiederum vom eingestellten Magazin übernommen hatte.

Bei der guten alten Tante "Zeit", wie das Hamburger Papier-Brikett ja immer wieder liebevoll genannt wird, kommt eben nichts um – nur die Kolumne von Harald Martenstein wird stetig kleiner, weil das Layout immer luftiger daherkommt, wie der aus dem "Leben" hinübergerettete Autor griesgrämig bekundet. Eine herrliche Artdirektoren-Beschimpfung sondert er da nun auf den schon wieder geschrumpften Zeilen zur Heft-Taufe ab.

Ackermanns Duschverhalten

Bei so viel ungerechter, aber virtuoser Empörung fällt einem umso mehr auf, was diesem hundertprozentig geschmackssicher gestalteten Produkt komplett abgeht: risikofreudiger Subjektivismus, ungebremste Abenteuerlust. Und jugendlicher Übermut sowieso. Okay, der Lifestyle-Kolumnist Tillman Prüfer setzt sich in einem Selbstversuch eine Botox-Spritze in die Stirn, aber alle anderen hier schreibenden jungen Leute scheinen bereits viel zu früh in einer Phase ihres Lebens angekommen zu sein, wo man nur noch aus der Erinnerung zehrt, statt wenigstens ein bisschen Richtung Zukunft zu experimentieren. In der neuen Rubrik "Eine wahre Liebesgeschichte" etwa beschreibt Jonas Grünenberg als Ich-Erzähler Anfang 30 ein Wiedersehen zwischen zwei Männern und zwei Frauen, die vor zehn Jahren beinahe mal was miteinander gehabt hätten. Eine melancholische Short Story über verschenkte magische Momente im Stil von Richard Linklaters Laberromanze "Before Sunset". Reden die nur – oder passiert da auch noch mal was?

Ein ganz kleines bisschen Action kommt eigentlich nur auf, als Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in einem leider ebenfalls etwas lang geratenen Interview die Managerkollegen von Siemens verbal abwatscht und später auch noch sein Duschverhalten offen legt: Er singt Opernarien. Der Beitrag ist übrigens der einzige halbwegs aktualitätsgebundene; heute wird sich der Banker bei der Hauptversammlung den Aktionären stellen. Verwunderlich nur, dass der Mann sich im "Zeit"-Magazin nahezu ungebremst moralphilosophischen Ausführungen hingeben darf, ohne sich auf wirklich heikle Themen stoßen zu lassen. Wenn man Ackermann schon von der Körperreinigung erzählen lässt, hätte man ihn auch dazu auffordern dürfen, die Hosen ganz runterzulassen.



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