Zeitgenössische Kunst: Dresden erhält umfangreiche Richter-Sammlung

Der Maler Gerhard Richter will seiner Heimatstadt Dresden 25 Bilder aus den sechziger Jahren und einige neuere Glasmalereien dauerhaft überlassen. Richter gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Deutschlands.

Künstler Richter (2002 in seinem Atelier mit unvollendeten Hinterglasbildern: "Deutschlands Maler Nr. 1"
DPA

Künstler Richter (2002 in seinem Atelier mit unvollendeten Hinterglasbildern: "Deutschlands Maler Nr. 1"

Dresden - "Es wäre ein Traum, der Wirklichkeit wird", sagte Martin Roth, Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, am Dienstag. Er bestätigte einen Bericht der "Sächsischen Zeitung". Danach überlegt Gerhard Richter, 72, der Stadt sein Archiv und Arbeiten aus allen Schaffensperioden dauerhaft für eine Retrospektive zu überlassen. Roth spricht in der Zeitung von einer "großzügigen Leihgabe", mit der ein attraktives Albertinum geschaffen werden könnte.

Bei den Arbeiten handelt es sich um eine Auswahl von Hauptwerken aus den sechziger Jahren bis heute, sagte der Direktor der Gemäldegalerie Neue Meister, Ulrich Bischoff. "Damit käme die Sammlung in der Gegenwartskunst auf internationales Niveau." Die Bilder kämen von einem anonymen Sammler und dem Künstler selbst in den nächsten Monaten zunächst als Leihgabe mit der Aussicht, dass sie in Dresden bleiben. Für die Präsentation planen die Kunstsammlungen die Einrichtung eines Richter-Flügels in der neuen Oberlichtgalerie des Albertinums, das mit dem Auszug des Grünen Gewölbes zu Jahresbeginn seine Hauptattraktion verloren hat.

Dort sollen die Gemälde mit den vier bereits in Dresden befindlichen Werken Richters repräsentativ ausgestellt werden. Das 1964 entstandene Bild "Die Sekretärin" ist eine Dauerleihgabe der Sammlung der Bundesrepublik Deutschland, "Der Hund" aus den sechziger Jahren eine Schenkung. 1992 schenkte Richter das "Abstrakte Bild 1990" und Ende 2002 gelangte "Der Fels" nach Dresden. Das Bild hatte Richter nach der Flutkatastrophe 2002 für eine Kunstauktion zu Gunsten der Dresdner Sammlungen gespendet, bei der rund 3,4 Millionen Euro zusammen kamen. Ein anonymer Sammler hatte das Werk für 2,6 Millionen Euro erworben und dann umgehend nach Dresden geschenkt.

Die Kunstsammlungen sollen zudem Richters Archiv mit Dokumenten, Büchern und Dissertationen bewahren, mit dem eine Forschungsstelle eingerichtet werden könnte, sagte Bischoff. Mit den Gaben wäre Dresden das Museum mit der weltweit größten und bedeutendsten Richter-Sammlung. Der bekannteste und gleichzeitig umstrittenste Gemäldezyklus Richters, der Stammheim-Zyklus von 1977, bleibt jedoch im New Yorker Museum of Modern Art, das die 1995 kaufte.

Richter wurde 1932 in Dresden geboren und ließ sich zum Bühnen- und Werbemaler in Zittau ausbilden. Von 1952 bis 1957 studierte er an der Dresdner Kunstakademie. Kurz vor dem Mauerbau 1961 verließ er die DDR und übersiedelte nach Düsseldorf, wo er bei Karl Otto Götz studierte. Der heute in Köln lebende Maler gehört neben Georg Baselitz und Sigmar Polke zu den international renommiertesten und teuersten deutschen Gegenwartskünstlern. Richters Gemälde "Drei Kerzen" erzielte 2001 bei einer Sotheby's-Auktion den Rekordpreis von 5,395 Millionen Dollar.

Sein Werk gilt als uneinheitlich und programmlos. "ich mag alles, was keinen Stil hat: Wörterbücher, Fotos, die Natur, mich und meine Bilder", sagte Richter Mitte der sechziger Jahre. Stil sei Gewalttat, und er sei "nicht gewalttätig". Charakteristisch für seine Arbeiten ist höchstens die Unschärfe früher Werke - Fotovorlagen aus Illustrierten, wie die berühmte "Ema" oder eben die verfremdeten Fotografien der RAF-Terroristen, die der "Zeit" als ein "Stück neudeutscher Katharsis" galten. In den neunziger Jahren schuf Richter so genannte "Zerstörungswerke", indem er Farbe von bereits gemalten Bildern wieder abkratzte.

Zuletzt schuf Richter wiederum übermalte Fotoimpressionen, Städteansichten, die eigentlich für eine CD-Edition des Musik-Minimalisten Steve Reich gedacht waren. Richter veröffentlichte die Serie dann jedoch im Juli 2001 in dem Buch "Firenze".

2002, an seinem 70. Geburtstag, wurde Richter endgültig zu "Deutschlands Maler Nr.1" erkoren. Schwarz-rot-goldene Bilder des Künstlers schmücken seit kurzem auch den restaurierten Reichstag in Berlin.

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