Zeitung "Nowaja Gaseta" 80 Stimmen gegen den Kreml

Im Westen wird die russische Zeitung "Nowaja Gaseta" für ihre Verdienste um die Pressefreiheit gefeiert. In Hamburg wird ihr deswegen heute der Henri-Nannen-Preis verliehen. Doch in seiner Heimat kämpft das Ausnahmeblatt gegen die Bedeutungslosigkeit.

Von , Moskau


Dmitrij Muratow, Chefredakteur der "Nowaja Gaseta", nimmt am Freitag in Hamburg den Henri-Nannen-Preis für Verdienste um die Pressefreiheit entgegen – stellvertretend für die gesamte Redaktion.

Die knapp 80 Redakteure rund um Muratow nehmen in Russlands Medienlandschaft eine Ausnahmestellung ein. Die "Nowaja Gaseta" berichtet mutig über Themen, die Kreml-treue Medien meist ausblenden: die wuchernde Korruption im Land etwa, die Lage in Tschetschenien oder Menschenrechtsverletzungen innerhalb der russischen Armee.

Seite 1 der "Nowaja Gaseta": Mutiger Kampf für die Pressefreiheit

Seite 1 der "Nowaja Gaseta": Mutiger Kampf für die Pressefreiheit

In den vergangenen Jahren hat der russische Präsident Wladimir Putin sowohl das Fernsehen, als auch die größten Zeitungen des Landes unter staatliche Kontrolle gebracht. Die "Nowaja Gaseta" ist die letzte russische Zeitung mit nennenswerter Reichweite, die weitgehend unabhängig berichtet. "Kein Journalist der Kreml-nahen Medien würde je auf die Idee kommen, bei einer Pressekonferenz Präsident Putin auf Tschetschenien anzusprechen", berichtet Arkadi Babtschenko, Redakteur der "Nowaja Gaseta". Babtschenko schreibt vor allem über Missstände in der russischen Armee, etwa die weit verbreitete, brutale Rekrutenschinderei, die nicht selten tödlich endet.

Babtschenko selbst hat als junger russischer Soldat in Tschetschenien gekämpft. Über seine Erlebnisse hat er ein Buch geschrieben. Unter dem Titel "Die Farbe des Krieges" ist es auch in Deutschland erschienen. In seinem Buch übt Babtschenko harsche Kritik an Präsident Putin und den russischen Generälen, die während des zweiten Tschetschenienfeldzuges auf dem Rücken der Soldaten Karriere gemacht hätten.

Redakteure bezahlen mit ihrem Leben

Allzu oft zahlen die Redakteure der "Nowaja Gaseta" einen hohen Preis für ihre engagierte Berichterstattung. Mitarbeiter der Zeitung wurden in den vergangenen Jahren mehrfach Opfer von Gewalt. Im Jahr 2000 wurde der Journalist Igor Domnikow im Treppenhaus seines Moskauer Hauses brutal mit einem Hammer erschlagen. 2003 starb Juri Schekotschichin, stellvertretender Chefredakteur der "Nowaja", einen bis heute rätselhaften Tod – offiziellen Angaben zufolge erlag er einer schweren allergischen Reaktion. Seine Kollegen sind überzeugt, dass Schekotschichin vergiftet wurde.

Im Oktober des vergangenen Jahres sorgte dann der Mord an Anna Politkowskaja weltweit für Aufsehen. Die Journalistin war vor allem im Westen auf Grund ihrer Tschetschenien-Berichte bekannt geworden. Politkowskaja prangerte Verletzungen der Menschenrechte und Gräueltaten der russischen Sicherheitsorgane in der abtrünnigen Teilrepublik Russlands an. Für das russische Establishment und Präsident Putin war das eine ständige Provokation.

Nach der Ermordung Politkowskajas wollte Chefredakteur Muratow die Arbeit der Zeitung zunächst einstellen: "Solch einen hohen Preis für unsere Arbeit zahlen zu müssen, halte ich für unannehmbar." Es waren die Redakteure, die ihn zum Weitermachen bewegten.

Die Angst geht um

Präsident Wladimir Putin kommentierte den Tod seiner schärfsten Kritikerin mit den Worten, man solle den Einfluss nicht überschätzen, den die Journalistin gehabt habe. In den zynischen Worten des Präsidenten steckt ein bitterböser Funken Wahrheit. Der Einfluss von Politkowskaja und der "Nowaja Gaseta", die im Westen oft als Aushängeschild der Pressefreiheit gefeiert und oft zitiert wird, ist in Russland gering. Die tapferen Redakteure decken zwar Skandal um Skandal auf, doch ihre Artikel verpuffen meist ohne nennenswerte Resonanz.

Finanziell geriet die 1993 gegründete Zeitung immer wieder in Schieflage. Kaum ein Unternehmen wagt heute, in der "Nowaja Gaseta" zu inserieren – aus Angst, der Kreml könnte das als Unterstützung der Opposition auffassen. Das Anzeigenaufkommen tendiert gegen null. Dementsprechend schlicht sind die Redaktionsräume der Zeitung in Moskau eingerichtet, die man über einen schmuddeligen Hinterhof betritt. Im Treppenhaus bröckelt der Putz.

Um die Zeitung vor dem Ruin zu bewahren, mussten Chefredakteur Muratow und seine Kollegen im vergangenen Jahr 49 Prozent der Anteile an der "Nowaja" verkaufen. Bislang gehörte das Blatt komplett den Redakteuren – ein Garant der Unabhängigkeit der Zeitung.

"Die Menschen sind einfach müde"

Als Teilhaber wurden der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow und der Unternehmer Alexander Lebedew an Bord geholt. Entgegen anfänglicher Befürchtungen hat die Berichterstattung der Nowaja unter den neuen Eigentümern nicht gelitten. Allerdings meldet sich Lebedev, selbst Mitglied der Kreml-treuen Partei "Einiges Russland" ab und an ausgiebig in der Zeitung zu Wort, um die Redaktionslinie der "Nowaja Gaseta" öffentlich zu kritisieren – womöglich auch eine Taktik, der Redaktion den Rücken frei zu halten.

Statt mit der Einflussnahme der neuen Teilhaber hat die Nowaja Gaseta weit stärker mit dem mangelnden Interesse der Leser zu kämpfen. Außerhalb von Moskau wird die Zeitung kaum wahrgenommen, auch, weil sich der Vertrieb in dem riesigen Land schwierig gestaltet. Die Auflage stagniert bei 170.000 Exemplaren – weit weniger als etwa die Konkurrenz-Zeitungen "Isvestia" und "Komsomolskaja Prawda" erreichen. "Die Bevölkerung hat im Moment eben ganz andere Sorgen. Die Mehrheit lebt am Rande der Armut", versucht Redakteur Babtschenko das Desinteresse zu erklären: "Die Menschen sind einfach müde."

Chefredakteur Muratow kündigt derweil an, die "Nowaja Gaseta" weiter zu entwickeln: "Wir wollen unser multimediales Angebot ausbauen." Geplant sei ein Internetradio und eine kleine TV-Redaktion, die Kurzbeiträge für die Webseite produzieren soll: "Das Staatsfernsehen kann sich ja niemand mehr ansehen", sagt Muratow.



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