Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Zeitungsdebatte: Hier schreibt das Volk

Von Friederike Schröter

Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE hat gefragt: Wie sieht guter Lokaljournalismus in Zukunft aus, wie könnte er präsentiert werden, wie finanziert? Uns erreichten eine Menge konstruktive Vorschläge und auch Hinweise: Schaut mal, es gibt schon einige, die das ganz gut machen!

1. Die Vernetzten

Im Osten gebe es schon längst funktionierende Lokalprojekte, schrieb uns Michael Freitag von der "Leipziger Internetzeitung" (l-iz.de), "täglich, teils mit Bezahlmodellen, teils als reichweitenstarke Lokalzeitung ohne Bezahlung und teilweise eher magazinartig und hyperlokal." Er meint neben der "L-IZ" die Journalismus-Projekte der Städte Jena (jenapolis.de), Halle (hallelife.de), Rostock (das-ist-rostock.de), Berlin (prenzlauerberg-nachrichten.de) und Dresden (sz-online.de). Sie haben unterschiedliche Ansätze, sind mal stark Community-basiert, haben eher Blog-Charakter oder arbeiten klassisch journalistisch. Das Besondere: Sie kooperieren miteinander, tauschen sich über Stil und Inhalte aus und helfen einander bei der Vermittlung von Werbepartnern. Jedes Projekt ist dabei auf seine Art erfolgreich. Die "L-IZ" erreicht inzwischen mehr als 140.000 Leser im Monat mit tagesaktuellen regionalen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft, Sport, Bildung und Kultur. Etwa zehn Journalisten schreiben rund 600 Artikel und Kommentare pro Monat - finanziert durch Werbung lokaler Unternehmen. Wert gelegt wird auf ausgewogene Themenauswahl: "nicht nur Polizeimeldungen und Boulevard - eine gute Lokalzeitung muss Politik- und Wirtschaftsberichterstattung bringen".

2. Die News-Community

Die Seite "Würzburg erleben" existierte vier Jahre ausschließlich auf Facebook - ein Kommunikationsportal für junge Bürger - und wurde über die Jahre mit 45.000 Fans zur größten lokalen Nachrichtenseite der 127.000-Einwohner-Stadt und zum Meinungsführer der Altersgruppe zwischen 18 und 35. Die Themen, regionale Ereignisse und Nachrichten, setzen die User, zwischen 200 und 300 Meinungsäußerungen folgen mitunter auf ein Posting. "Bei uns ist ein Thema erst dann abgeschlossen, wenn der letzte Leser seine Meinung gesagt hat", sagt Leonard Landois, einer der beiden Gründer von "Würzburg erleben". Er und sein Partner Christian J. Papay verwalten die vorgeschlagenen Themen, recherchieren sie und moderieren die Diskussionen. Erst im Januar 2013 gründeten sie die dazugehörige Website wuerzburgerleben.de, auf der längere Texte Platz haben - wiederum geschrieben von Usern. 270.000 Zugriffe zählte die Seite im vergangenen Monat, im August erschien die App. Kooperationen mit der Sparkasse und der Regionalzeitung "Main-Post" und langfristigen Werbepartnern sollen den beiden Jungunternehmern das Einkommen sichern.

3. Die Laien

Internetseiten wie lokalkompass.de (in Nordrhein-Westfalen) und myheimat.de sind Online-Mitmachportale für sogenannte Bürgerreporter. Jeder kann schreiben, bei der Themenwahl gibt es keine Grenzen. Jeder auf lokalkompass.de publizierte Artikel hat die Chance, im lokalen kostenlosen Anzeigenblatt abgedruckt zu werden. Artikel auf myheimat.de können von Regionalzeitungsverlagen gegen eine Lizenzgebühr verwendet und gedruckt werden.

4. Das Elite-Produkt

"Kontext: Wochenzeitung" (kontextwochenzeitung.de): "Wir gehen altmodisch in die Zukunft", sagt Josef-Otto Freudenreich, einer der Gründer von Kontext, einer Online-Wochenzeitung mit regionalem Schwerpunkt in Baden-Württemberg, die bewusst lange, ausgeruhte Texte veröffentlicht. "Kontext" erscheint Mittwochs online, kostenfrei, und eine Auswahl dieser Texte liegt am darauffolgenden Wochenende als Beilage der "taz" bei. Gegründet von vier ehemaligen Redakteuren der "Stuttgarter Zeitung" und durch einen Mäzen anschubfinanziert, trägt sie sich heute, gut zwei Jahre nach der Gründung, werbefrei, nur durch 1300 sogenannte Solidaritäts-Abos - freiwillige Zahlungen von mindestens zehn Euro pro Monat. "Soli-Abos heißt: Hier unterstützen Liebhaber etwas, was sie eigentlich gar nicht bezahlen müssten, da es kostenlos zur Verfügung steht." Zusammen mit den Lizenzzahlungen der "taz" (7800 pro Monat) können fast zehn Redakteure, Fotografen etc. mit einem Einheitshonorar von 2500 Euro brutto bezahlt werden. Sie haben etwa 20.000 Leser pro Woche (plus 60.000 "taz"-Käufer)

5. Die überregional Lokalen

Die junge App-Entwicklungsfirma tapwork entwarf 2009 die kostenfreie App "NewsLokal", eine Anwendung für iPhone und iPad. Mit ihr kann der Nutzer in jeder deutschen Stadt die über RSS-Feed abrufbaren Nachrichten und Geschichten der ansässigen lokalen Zeitungen ansehen (insgesamt 1181 eingetragene Zeitungen in 1071 Städten). In der Übersicht erscheinen Headline und Teaser, ein Klick leitet auf die jeweilige Website weiter. Heute hat die App bis zu 3000 Nutzer am Tag und das Problem, dass einige Leser auf eine Paywall stoßen und für die jeweilige Zeitung ein eigenes Abo abschließen sollen. Deshalb arbeitet tapwork zur Zeit an einem Update für "NewsLokal": Mit sämtlichen lokalen Nachrichtenanbietern soll eine finanzielle Lösung für die Freigabe ihrer Inhalte verhandelt werden - evtl. gegliedert nach Art des Textes und Zugriffszahl. Diese Inhalte sollen App-gerecht aufbereitet werden, so dass nicht mehr auf die lokale Website verlinkt werden muss. Dann wird die Nutzung der App etwas kosten - "zwischen fünf und zehn Euro im Monat", sagt Entwickler Christian Menschel von tapwork. "Dafür hat man dann Zugriff auf alle Lokalzeitungen Deutschlands."

6. Die Studis

Seit wenigen Monaten existiert der Facebook-Trend "Dinge, die ein XY-Student nicht sagt" - Seiten, auf denen Studenten ironische Sprüche über die Eigenheiten ihres Faches teilen und die es inzwischen für viele Studienrichtungen gibt. Insgesamt folgen über 80.000 Leute diesen Seiten. Eine gute Möglichkeit, sich zusammenzuschließen, dachten sich André Sommer und einige Freunde und gründeten den "Studiblog" (studiblog.net). Ein Portal von Studenten für Studenten, nur mit Platz für Nachrichten, witzige Geschichten, politische Ansichten oder wissenschaftliche Artikel, gezielt für Studenten einer Fachrichtung - oder für alle Follower der Facebook-Seiten. "Ein Buzzfeed für Studenten", nennt es Sommer. "Es gibt keine andere Seite, auf der man zum Beispiel 8000 Chemiestudenten gleichzeitig erreichen kann." Oder 80.000 aller Fachrichtungen.

Weitere journalistische Nachrichtenseiten:

Wenn Sie sich weiter über den Zustand der deutschen Medien und die Zukunft der Zeitung informieren wollen, empfehlen wir folgende Blogs.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das wichtigste ist Glaubwürdigkeit
WernerT 14.09.2013
Und daran mangelt es vielen Zeitungen. Wenn man ihnen gerade noch das Datum abnimmt, dann opfert kein Mensch auch nur eine Minute
2. Mein Wohnort, meine Heimat
Butenkieler 15.09.2013
mein Wohnort ist ein kleiner Ort im Speckgürtel nördlich Hamburg. Meine Heimat ist Schleswig-Holstein. Ich benötige lokale Informationen, die sich an die Leser im näheren Umkreis wenden. Und erst dann die großen Nachrichten in Deutschland, in Europa und dann weltweit. Daran mangelt es hier. Wäre ein eFormat auf dieses zugeschnitten, würde ich es auch "kaufen". Ansonsten, Fehlanzeige.
3. Ich ergänze:
spon-facebook-677772344 20.09.2013
weiterstadtnetz.de - ein hyperlokales Magazin für die Kleinstadt Weiterstadt!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
  • Übersicht: 2020 - Die Zeitungsdebatte

Twitter zur Zeitungsdebatte

SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: