Zeitungsdebatte: Willkommen auf dem Nachrichtenplaneten

Von Stefan Woelwer

Zeitungsdebatte: News-App Planet Fotos
Niclas Bauermeister

Die Zeitungsdebatte hat auch Gestalter animiert, sich Gedanken zu machen über die Zeitung von morgen. Die Interaction-Designer der Hochschule Hildesheim entwickelten Systeme, die Verbindungen zwischen Menschen und Nachrichten herstellen. Niclas Bauermeister hat als Abschlussarbeit eine interaktive News-App entworfen.

An unserer Hochschule beobachte ich nur selten, dass Studierende eine klassische Zeitung lesen. Stattdessen ziehen sie sich die Informationen aus dem Netz und tippen munter in ihre Smartphones und Tablets.

Dies zeigt sich leicht verändert in unserer lokalen Studentenkneipe. Im "Wohnzimmer" greifen die jungen Kreativen auch zum gedruckten Medium. Das liegt nicht an alter Verbundenheit zur Druckkunst, sondern schlicht daran, dass die großen überregionalen Zeitungen dort als kostenlose Exemplare auf dem Tresen liegen. Leider fehlt die örtliche Tagespresse, aber das kann ja noch werden. Zur Kneipe sei noch erwähnt, dass sich deren Facebook-Seite großer Beliebtheit erfreut, da die Macher auch als lokale Redaktion guter Veranstaltungstipps gelten.

Aus dem Zusammenspiel von Sozialen Netzwerken, ortsansässigen Kennern und mobilen digitalen Medien entstehen moderierte Nachrichten, die gelesen und geschätzt werden. Das Neue ersetzt hier nicht das Alte, sondern ergänzt es.

Interaction Design als Haltung

An der Fakultät Gestaltung der HAWK in Hildesheim haben wir die Freiheit, uns außerhalb von wirtschaftlichen Zwängen, unternehmerischen Entscheidungen und politischen Vorgaben mit den Dingen beschäftigen zu dürfen. Dabei gestalten wir im Interaction Design idealerweise jene Parameter, die zu guter Interaktion und damit zu guten Ergebnissen führen. Bildhaft lässt sich das anhand eines Schachspiels erläutern. Wir gestalten die Spielfiguren, also ein greifbares Produkt. Wir entwerfen das Schachbrett, das für gutes Interface Design steht. Und wir entwickeln die Spielregeln, die hier bildlich für Funktionsweisen materieller und immaterieller Produkte stehen.

Die Interaktion selbst findet zwischen den Spielern statt. Das Ergebnis können wir also nicht gestalten, wohl aber den Rahmen, der gute Interaktion zwischen Menschen, Produkten und Räumen fördert und zulässt. Wir können damit gut umgehen, dass wir die Kontrolle über das Ergebnis abgeben bzw. diese erst gar nicht haben.

Niclas Bauermeister hat sich in seinem Bachelor-Abschlusssemester umfassend mit der Gestaltung von Nachrichten-Apps beschäftigt und dabei festgestellt, dass die Verlage die Inhalte der gedruckten Zeitungen und Magazine häufig vom analogen auf das digitale Medium lediglich herüberkopiert haben. Die umfassenden Interaktionsmöglichkeiten der mobilen elektronischen Medien werden aus seiner Sicht nicht ausreichend genutzt.

"Planet" - ein interaktives Nachrichtennetzwerk

Er erkannte bei seiner Untersuchung aber auch, dass die Leser sehr wohl Wert auf die Qualität der Redaktionen und deren Nachrichten legen. Sie setzen nicht nur auf einen Algorithmus, der Nachrichten aus dem Netz fischt, sondern vertrauen auf die Auswahl der Redakteure als auch auf die Meinungen des Freundeskreises. Über welche Medien und an welchem Ort dies geschehe, sei zunächst zweitrangig. Da aber Tablet-Computer die derzeit besten Vernetzungs- Interaktionsmöglichkeiten bieten, war für Niclas sehr schnell klar, dass sein Konzept "Planet" am besten auf dem iPad funktionieren würde.

Über eine Weltkarte navigiert sich der Leser durch personalisierte Nachrichten aber auch durch solche, die er auf seiner Reise erst entdeckt. Diese Meldungen wurden von einer Redaktion aufbereitet oder vom Freundeskreis gepostet. Was in der Welt und direkt vor Ort passiert, kann auch gleich mit jenem Freundeskreis diskutiert werden. Fakten werden über entsprechende Funktionen vergleichbar. All das beschreibt Niclas in einem Video aber selbst sehr viel besser und audiovisuell:

Die konzeptionelle Arbeit "Planet" ist für mich ein gelungener Beitrag zur Diskussion darüber, was wir zukünftig unter dem Begriff Zeitung verstehen. Niclas entwarf eine Grundidee, die noch vielseitig ausgebaut und skaliert werden kann. Diese richtet sich direkt an die Leser, egal wo sie sich gerade aufhalten, ob in der Hochschule, im Wohnzimmer oder im virtuellen Raum.

Die grundlegenden Parameter liegen vor, mal schauen, wie sich das Ergebnis entwickeln wird.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Planet ist (und für die) Klasse!
Helga 11.09.2013
Ich bin passionierte Zeitungsleserin und als Lehrerin an virtuellen Nachrichtenkonzeptionen sehr interessiert u. verfolge neugierig Ihre Zeitungsdebatte. Mich hat die Darstellung dieser neuen App-Idee begeistert! Liegen in dieser Konzeption viele Möglichkeiten, junge Leute zu informieren und sie an der politischen Entwicklung zu beteiligen. Der vielzitierten Politikmüdigkeit und "Mir- doch-egal-was-wonanders-passiert"- Haltung können auch Bildungseinrichtungen mit dieser App- Konzeption Konkretes entgegensetzen. Danke an den Interaction Designer!
2.
sfb 12.09.2013
Zitat von sysopNiclas BauermeisterDie Zeitungsdebatte hat auch Gestalter animiert, sich Gedanken zu machen über die Zeitung von morgen. Die Interaction-Designer der Hochschule Hildesheim entwickelten Systeme, die Verbindungen zwischen Menschen und Nachrichten herstellen. Niclas Bauermeister hat als Abschlussarbeit eine interaktive News-App entworfen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/zeitungsdebatte-news-app-planet-verbindet-menschen-und-nachrichten-a-920547.html
Gedanken sollten sich lieber die Herausgeber machen, und zwar über die zunehmend ältere Leserschaft und ob man die mit seltsamen Ansichten der meist jungen und linken Journalisten künftig noch erreicht. Und das unsägliche Oberflächengeflimmere der elektrischen Medien, verbunden mit winzigen Schriftarten und Bedienelementen werden sich Menschen mit Lebenserfahrung auch nicht bieten lassen. Ist im Prinzip eine riesige Marktlücke.
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2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
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