Zeitungskrise in den USA Auf dem Altpapierhaufen der Geschichte

Sichern Sie sich ein Exemplar, bevor es zu spät ist! Der Run auf die Wahl-Ausgaben der US-Blätter war nur ein kurzes Aufbäumen: Amerikas Zeitungsbranche steckt tief in der Krise. Redaktionen werden radikal gekürzt - und manche Blätter erscheinen bald nur noch im Internet.

Von , New York


New York - Das Memo kam zwei Tage nach der US-Präsidentschaftswahl. Es stammte von John Huey, dem obersten Redaktionsleiter der Time-Verlagsgruppe, und war an alle Mitarbeiter von "Money" adressiert, beim schicken Vorzeige-Wirtschaftsblatt des Hauses.

"Leider muss ich Ihnen mitteilen", schrieb Huey, "dass ein langjähriger Kollege, 'Money'-Chefredakteur Eric Schurenberg, die Time-Gruppe verlässt." Schurenbergs Abgang sei "Teil der durchgreifenden Veränderungen, denen unser Konzern unterzogen wird". Huey schloss mit dem lakonischen Wunsch: "Bitte wünschen Sie ihm gemeinsam mit mir alles Gute."

Es war ein Schock, nicht nur für die "Money"-Redaktion: Schurenberg ist ein Verlagsveteran und hat etliche Journalistenpreise eingeheimst. "Ich habe schon bessere Tage gesehen", sagte er dem Konkurrenzblatt "Portfolio". "Die erste Salve der Umstrukturierung hat mich direkt in die Brust getroffen."

Schurenberg ist das bisher prominenteste Opfer der eskalierenden Krise bei den US-Printmedien. Einst ausgelöst von der Abwanderung der Leser und Anzeigenkunden ins Internet und nun verschlimmert von der Wirtschaftskrise, macht sie auch vor Time Inc. nicht halt, dem weltgrößten Magazinhaus mit mehr als 120 Titeln ("Time", "People", "Sports Illustrated"). Die Tochter des Medienmolochs Time Warner hat Massenentlassungen angekündigt: Mehr als 600 Angestellte sollen gehen - sechs Prozent der Gesamtbelegschaft.

Details sind noch unklar, doch "Time", "SI", "People" und "Fortune" suchen bereits nach 90 Redakteuren, die "freiwillig" ihr Büro räumen. "Es ist eine Herausforderung", schrieb die Time-Vorstandsvorsitzende Ann Moore in einer internen E-Mail, "die wir so noch nie erlebt haben".

Im US-Verlagswesen hat der große Kahlschlag begonnen. Millionenverluste, Entlassungen, Notverkäufe, Auflagen- und Anzeigenschwund, sogar komplette Einstellungen von Blättern: Fast täglich gibt es neue Hiobsbotschaften.

Allein die Tageszeitungen haben dieses Jahr schon mehr als 24.000 Stellen gekürzt. Der Branchendienst "Mediabistro" protokolliert das Massaker mehrmals die Woche in einem "Drehtür-Newsletter" - im Internet natürlich.

Fast alle namhaften Titel büßen ein

Die Anzeigenumsätze der Printbranche schrumpfen, die Auflagen stürzen immer rasanter ab. Die aktuellen Zahlen des Audit Bureau of Circulations für das im September endende Halbjahr sind verheerend: Die Auflagen für die 506 größten US-Zeitungen sanken im Schnitt um 4,6 Prozent - fast doppelt so viel wie 2007.

Fast alle namhaften Titel büßten ein:

  • "New York Times" - minus 3,5 Prozent
  • "Washington Post" - minus 1,9 Prozent
  • "Los Angeles Times" - minus 5 Prozent
  • "Chicago Tribune" - minus 7,7 Prozent
  • "San Francisco Chronicle" - minus 7 Prozent
  • "Boston Globe" - minus 10,1 Prozent
  • "Philadelphia Inquirer" - minus 11 Prozent
  • "Miami Herald" - minus 11,8 Prozent
  • "Atlanta Journal-Constitution" - minus 13,6 Prozent

Lediglich "USA Today" und das "Wall Street Journal" legten zu - allerdings um weniger als ein Prozent (das "Journal" um exakt 117 Ausgaben).

Arthur Sulzberger, der Herausgeber der "New York Times" ("NYT"), will zwar von "Apokalypsen-Gerede" nichts wissen: "Vertrauenswürdige Stimmen" im Medienbetrieb werde es immer geben, sagte er kürzlich auf einer Tagung. Im gleichen Atemzug räumte er aber ein, dass Zeitungen wenig übrig bleibe als "sich selbst zu kannibalisieren, bevor jemand anders dich kannibalisiert". Im Klartext: Das Zeitungssterben hat begonnen - und das erste Symptom ist ein landesweiter Redaktionsschwund.

Selbst bei Sulzbergers "NYT", die schon lange mit Finanzproblemen kämpft und ins Kreuzfeuer der eigenen Aktionäre geraten ist. Die Aktie der ehrwürdigen Zeitung erreichte diese Woche mit 7,33 Dollar den tiefsten Stand seit zehn Jahren. Der Marktwert des Verlags fiel auf knapp eine Milliarde Dollar - fast ein Drittel dessen, was er im November 2007 noch wert war. Verkaufsgerüchte schmettert der Sulzberger-Clan, der die Kontrollmehrheit des Familienunternehmens hält, jedoch weiter ab.

Stattdessen baute die "NYT", im Zuge von Sulzbergers "Selbstkannibalisierung", dieses Jahr bereits 100 Redakteursstellen ab. Die meisten Leute wurden mit Abfindungspaketen zur "freiwilligen" Abdankung gelockt - darunter auch Linda Greenhouse, die altgediente Korrespondentin am Obersten Gerichtshof der USA, dem Supreme Court.



Forum - Printmedien am Ende?
insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Landegaard 14.11.2008
1.
Zitat von sysopSichern Sie sich ein Exemplar, bevor es zu spät ist: Der Run auf die Wahlausgaben der großen US-Blätter war nur ein kurzes Aufbäumen. Amerikas Zeitungsbranche steckt in der Krise. Redaktionen werden radikal gekürzt, manche Blätter erscheinen bald nur noch im Internet. Stehen die Printmedien generell vor dem Aus?
Ich denke nicht. Es gibt nichts mobileres und augenfreundlicheres, als eine Zeitung. Da kann die Technik oder von ihr überzeugte Tester noch so sehr behaupten, die E-Books könnten da mithalten. Sie können es nicht und deswegen werden wir auch in Zukunft an den Stränden der Welt, in den Zügen der Welt und in Flugzeugen Papier lesen und rascheln. Wers nicht glaubt, dem empfehle ich dringt das Abenteuer, an einem sonnigen und windigen Strand ein E-Book zu lesen. Viel Spaß!
takeo_ischi 14.11.2008
2.
Zitat von sysopSichern Sie sich ein Exemplar, bevor es zu spät ist: Der Run auf die Wahlausgaben der großen US-Blätter war nur ein kurzes Aufbäumen. Amerikas Zeitungsbranche steckt in der Krise. Redaktionen werden radikal gekürzt, manche Blätter erscheinen bald nur noch im Internet. Stehen die Printmedien generell vor dem Aus?
Nein. Generell nicht. Qualität wird sich durchsetzen und überleben. Ich möchte auch nicht auf mein Lokalblatt oder den Spiegel in den Öffis verzichten. Das Benutzen vom Laptop ist umständlich und ungeschickt. Auch die schwachsinnigen Internetfunktionen meines Handys werden seit Jahren erfolgreich boykottiert.
mime 14.11.2008
3.
Zitat von LandegaardIch denke nicht. Es gibt nichts mobileres und augenfreundlicheres, als eine Zeitung. Da kann die Technik oder von ihr überzeugte Tester noch so sehr behaupten, die E-Books könnten da mithalten. Sie können es nicht und deswegen werden wir auch in Zukunft an den Stränden der Welt, in den Zügen der Welt und in Flugzeugen Papier lesen und rascheln. Wers nicht glaubt, dem empfehle ich dringt das Abenteuer, an einem sonnigen und windigen Strand ein E-Book zu lesen. Viel Spaß!
Was geht da nicht? Sonne ist bei einem eBook-Reader absolut egal und dem WInd trotzt so ein Gerät mehr als jede Zeitung... ..schlechtes Beispiel!
DJ Doena 14.11.2008
4.
Tageszeitung habe ich faktisch nie gelesen (ich bin 30). Die Muße, mich morgens eine halbe Stunde eher aus dem Bett zu quälen, hatte ich nie. Heute lese ich beim Bürokaffee mal schnell über Spiegel-Online drüber und informiere mich so. Aber der Druckspiegel ist Montag abend Pflicht, auch weil er eben recherchierte Geschichten bringt, die (oftmals) nicht schon obsolet sind, wenn man den Artikel liest. Auch die c't lese ich 14tägig Sonntags in der Badewanne.
Landegaard 14.11.2008
5.
Zitat von mimeWas geht da nicht? Sonne ist bei einem eBook-Reader absolut egal und dem WInd trotzt so ein Gerät mehr als jede Zeitung... ..schlechtes Beispiel!
Ausser, dass man kaum nochwas lesen kann, ja. Dem Wind selbst schon, nicht dem damit transportiertem Sand.
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