Zeitungskrise "Mopo" und Mordio!

Steuert die "Hamburger Morgenpost" in die Katastrophe? Außerordentliche Betriebsversammlungen, eine zensierte Mitteilung in eigener Sache und jetzt ein Statthalter, der die Sparkur eines britischen Großinvestors verteidigt: Bei dem Traditionsblatt geht es hoch her.

Von Peter Luley


Bei der "Hamburger Morgenpost" ist man Turbulenzen gewohnt. Davon künden allein die Eigentümerwechsel: Das 1949 von der SPD gegründete Traditionsblatt gehörte von 1986–99 Gruner + Jahr, bevor der Großverlag es an den Bildhauer-Erben Hans Barlach verscherbelte.

Chefredakteur Depenbrock: Rückt in Hamburg an, um die radikale Sparkur zu verteidigen
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Chefredakteur Depenbrock: Rückt in Hamburg an, um die radikale Sparkur zu verteidigen

Auch wirtschaftlich hatte es die kleinformatige Zeitung immer schwer. Seit Barlach der "Mopo" zusammen mit dem von ihm eingesetzten Chefredakteur und Geschäftsführer Josef Depenbrock eine radikale Sparkur verordnete, um sie schließlich 2006 an den britischen Medienmanager David Montgomery und seine Mecom Group zu verkaufen, kämpft das Blatt zwar nicht mehr gegen rote Zahlen. Dafür bedrohen journalistische Ausdörrung und sinkende Auflage (viertes Quartal 2007: 114.298) die Substanz.

Was sich jedoch in den vergangenen zwei Wochen im sturmerprobten Verlags- und Redaktionsgebäude in der Hamburger Griegstraße abspielte, ist selbst für die hartgesottene "Mopo"-Belegschaft zu viel. Seit bekannt wurde, dass die Marketing-Leiterin und der Vertriebschef gehen werden, dass der Leiter des Rechnungswesens bald folgen könnte und weitere Streichungspläne im Verlag die Runde machten, häufen sich die außerordentlichen Betriebsversammlungen. Und nun wurde am Freitag auch noch die Demission des Geschäftsführers Frank Willers publik. Damit geht der Mann, der als Figur des Ausgleichs zwischen der Berliner Deutschland-Zentrale der Mecom Group und Hamburg galt.

Ämterfülle und Personaldürre

Ihren bisher spektakulärsten Ausdruck fand die Krise, als die besorgten Mitarbeiter am 8. April die Veröffentlichung eines Hilferufs in eigener Sache in der "Mopo" beschlossen (siehe Kasten). Chefredakteur Frank Niggemeier gab den Text nach einigen Verhandlungen frei, wollte sich aber noch in Berlin absichern. Dort nimmt sein Vor-Vorgänger Depenbrock inzwischen eine Schlüsselrolle im Montgomery-Imperium ein: Er ist Chefredakteur und Verlagsgeschäftsführer der ebenfalls zur Mecom gehörenden "Berliner Zeitung", die unter ähnlichen Renditezielen und Sparvorgaben leidet, wie das Hamburger Boulevardblatt. Depenbrock amtiert in Berlin zudem als eine Art Statthalter des britischen Medien-Tycoons – und sieht sich wegen dieser Ämterfülle gerade einer Klage seiner Redaktion gegenüber.

Depenbrock und der auch für die "Mopo" zuständige Chefredakteur des "Berliner Kuriers", Hans-Peter Buschheuer, verboten den Abdruck des Hilferufs.

"Der Text sollte mit der Drohung durchgesetzt werden, dass sonst die 'Mopo' anderntags nicht erscheint", begründet Buschheuer die Entscheidung, "da habe ich gesagt: Nein, ich lasse mich nicht erpressen." Tatsächlich erschien dann "nur" die für die "Mopo" wichtige Nachtausgabe nicht – rund 15 000 Exemplare, die in Kneipen und an Tankstellen verkauft werden. Als Konsequenz aus den Querelen reiste am nächsten Tag Buschheuer mit einer vierköpfigen Task Force vom "Berliner Kurier" in die Hansestadt, um die Produktion sicherzustellen – auf Bitten der "Mopo"-Geschäftsführung und -Chefredaktion, wie Buschheuer betont. In der Belegschaft jedoch heizte das "Mobile Einsatzkommando" aus der Hauptstadt die Stimmung weiter an, wurde als Affront begriffen. Seither gilt Chefredakteur Niggemeier, als Nachfolger des zur "Bild" abgewanderten Matthias Onken erst seit Februar im Amt, als angeschlagen.

Grund für den Aufruhr sind jedoch nicht nur die die Abgänge in der Führungsspitze. Die Belegschaft sorgt sich um bis zu 16 Stellen, die laut Betriebsrat im Verlag bedroht sind: in Archiv, Korrektur, Belichtungssteuerung sowie Vertrieb, Herstellung, Marketing, Rechnungswesen. Acht dieser 16 Stellen seien schon im Zusammenhang mit der Einführung eines neuen Redaktionssystems bekannt gewesen, sagt der Betriebsratsvorsitzende Holger Artus; die weiteren Kürzungen hingen mit einem für Mecom-Deutschland aufgestellten Spar-Programm von 4,6 Millionen Euro für das Jahr 2008 zusammen.

"Montgomery und seine obszönen Renditeerwartungen sind das eigentliche Problem", sagt ein langjähriger Redakteur. Etwa 13,5 Prozent beträgt die aktuelle Rendite der Mopo; 20 Prozent erwartet Montgomery. Zwar betont der Investor aus London, der rund 300 Titel in fünf europäischen Ländern besitzt, in Interviews immer wieder, keine der berüchtigten, nur an kurzfristigen Gewinnen interessierten "Heuschrecken" zu sein, sondern langfristig zu denken.

Doch genau dieser Heuschrecken-Ruf hält sich hartnäckig. "Alle wissen doch, dass die aktuellen Stellenstreichungen im Verlag wieder nur der Anfang einer Serie von Einschnitten sind", heißt es aus der "Mopo"-Redaktion. "Es geht darum, inwieweit die 'Hamburger Morgenpost' ein vollwertiger Verlag bleibt oder zur Außenstelle des Berliner Mutterhauses degradiert wird. Deswegen kocht jetzt alles auch noch höher, als es bei den redaktionellen Einschnitten der Vergangenheit gekocht hat."

Plakate mit Spar-Sünden

Noch unter Depenbrock waren Fotoredaktion und Bildbearbeitung abgeschafft worden, seit November 2006 wird mit derselben Manpower wie vorher zusätzlich eine Sonntagsausgabe produziert – wenn auch mit Zulieferungen aus Berlin.

Für Montagmorgen, 10.30 Uhr, hat nun Statthalter Depenbrock sein Erscheinen angekündigt, um sich der Belegschaft zu stellen. Große Erwartungen oder gar die Hoffnung auf ein Konzept, das über Renditevorgaben hinausgeht, werden an den Auftritt des Ex-Chefs freilich nicht geknüpft. Im Gegenteil: Weil der bei seinem Abschied versprochen hatte, seine Hände schützend über die "Mopo" zu halten, fühlen sich nun viele von ihm verraten.

Depenbrock werde alle Anwürfe wie immer stoisch an sich abprallen lassen und darauf verweisen, dass er nur den Willen der Mecom-Gesellschafter umsetze, vermutet ein Redakteur. Der Betriebsrat will am heutigen Sonntagabend vorsorglich schon mal das Haus plakatieren – mit Auflistungen dessen, was Depenbrock bisher schon bei der "Mopo" abgebaut hat. Klingt nicht so, als ob bald wieder Ruhe einkehrte auf dem Hamburger Boulevard.



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