Zensierte Agenturbilder Wenn der Stinkefinger einknickt

Die Selbstzensur der amerikanischen Fotoagentur AP nimmt absurde Ausmaße an. Jetzt hat der Nachrichtendienst Bilder einer Musikpreis-Trophäe gelöscht, die eine obszöne Geste zeigen. Auch vor Rockstar-Fotos wird gewarnt - und vor Picasso-Gemälden.

Von Daniel Haas


Auf dem Bild hatte sie noch gut lachen: Kelly Osbourne, Spross des legendären Gruftrockers Ozzy Osbourne und einigermaßen erfolgreiche Musikerin und TV-Darstellerin, durfte im Rahmen der amerikanischen NME Awards einen Preis überreichen. Problem nur: Die Trophäe des Popmagazins "New Musical Express" besteht aus einer Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger.



Für Associated Press Grund genug, das Foto aus dem Programm zu nehmen. Anfragen zum Thema beantwortet die in New York ansässige Nachrichtenagentur nicht; Pressesprecher Paul Colford lässt sich hartnäckig durch den Anrufbeantworter vertreten. Auch E-Mail-Anfragen werden nicht beantwortet.

Die Streichung des Motivs markiert eine neue Stufe in der Selbstzensur. Bislang wurden fraglichen Motive lediglich mit dem redaktionellen Hinweis: "Obszöne Geste" oder "Zeigt Nacktheit" versehen.

Vorsicht, Picasso!

Dass die hüllenlose Haut manchmal nur auf der Leinwand auftaucht und dorthin durch den Pinselstrich eines Genies gelangt ist, macht für die amerikanischen Selbstzensierer allerdings keinen Unterschied. Picassos Gemälde "Große Badende" zum Beispiel kassiert das Nacktheits-Label bei AP, als sei es das Konterfei eines Pornostars.

Solche Selbstbeschränkung hat Folgen. Pressefotografen sollen die Wirklichkeit abbilden, und die besteht immer mal wieder, zumal im Popgeschäft, aus eindeutigen Gesten. "Das ist sozusagen Chronistenpflicht", sagt Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbands. "Dass man sie gemäß fragwürdiger Moralvorstellungen einschränkt, ist nicht in Ordnung. Fragt sich nur, ob sich andere Agenturen von dieser Methode anstecken lassen."

Reuters, der in London ansässige Großkonkurrent der weltweit operierenden Agentur AP, ist noch nicht infiziert von dieser Scheuklappen-Politik: Das Kelly-Osbourne-Bild lieferte der Fotodienst anstandslos. Pressesprecherin Sophie Brendel erklärt: "Wir haben Fotos der NME Awards angeboten, weil wir nicht an Zensur glauben. Und Einfluss nehmen auf die Art und Weise, wie unsere Kunden, Leser und Zuschauer solche Bilder wahrnehmen, werden wir keinesfalls."

Unerhört gefährlich

Wie weit man sich bei AP in Wahrnehmungsfragen einmischt, macht die Zensur eines Konzertfotos der Rockband Mötley Crüe deutlich: Das Bild zeigt die Musiker mit Genre-entsprechender Pose, die Gitarre zünftig im Anschlag, dazu den Mund aufgerissen. Ob der Musiker spuckt oder Unflätigkeiten zum Besten gibt, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Fest steht aber - und man muss kein Medienwissenschaftler sein, um dies zu begreifen –, dass ein Foto nicht zur akustischen Wiedergabe fähig ist. Um es ganz deutlich zu sagen: Fotografien sprechen nicht.

Mit dem Hinweis "Enthält obszöne Sprache" wies AP dennoch seine Kunden an, das Bild zu löschen. Ein Ersatzfoto werde nicht angeboten, hieß es außerdem. Gemäß dieser Logik dürfte Hillary Clinton, in jüngster Zeit vornehmlich mit weit aufgerissenem Wahlkämpfer-Enthusiasten-Mund abgelichtet, in Zeitungen gar nicht mehr erscheinen. Auch Barack Obama wäre, derart zensiert, deutlich weniger zu sehen.

Vielleicht ging es bei besagtem Konzertfoto aber nicht um schmutzige Sprache, sondern um teuflische Gesten: Im Publikum ist ein Mann mit hochgerecktem Arm zu sehen, der das Teufelszeichen macht (Zeige- und kleiner Finger ausgestreckt, Mittel und Ringfinger eingebogen).

Wie aber gelangte dann ein AP-Foto von George-Bush in die Zeitungen, das den US-Präsidenten bei genau jener Geste zeigt? Für Präsidenten scheinen andere Regeln zu gelten. Noch.



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berliner_kind_79, 25.04.2008
1. absurd is gut
das ja eher schon krank odeR?
Jettenbacher 25.04.2008
2. Unzensiert
Wenn die gestern "Schmidt & Pocher" gesehen hätten, au weia...
comi 25.04.2008
3. Teufelswerk...
---Zitat--- Vielleicht ging es bei besagtem Konzertfoto aber nicht um schmutzige Sprache, sondern um teuflische Gesten: Im Publikum ist ein Mann mit hochgerecktem Arm zu sehen, der das Teufelszeichen macht (Zeige- und kleiner Finger ausgestreckt, Mittel und Ringfinger eingebogen). Wie aber gelangte dann ein AP-Foto von George-Bush in die Zeitungen, das den US-Präsidenten bei genau jener Geste zeigt? Für Präsidenten scheinen andere Regeln zu gelten. Noch. ---Zitatende--- Mötley Crüe oder G. W. Bush: Wer ist wohl teuflischer und darf sich somit (nach mutmaßlicher Meinung von AP) in der Öffentlichkeit mit dieser teuflischen Geste zeigen? Weitere Ausführungen erspare ich mir an dieser Stelle. Ob die obszöne Sprache bei Schmidt besser (erträglicher) war als ein zensiertes Foto? So lange ich noch selbst entscheiden darf, wann ich abschalte oder Augen und Ohren schließe, ist mir eine Nicht-Zensur bedeutend lieber.
bersy 25.04.2008
4. Selbstzensur
Zitat von sysopDie Selbstzensur der amerikanischen Fotoagentur AP nimmt absurde Ausmaße an. Jetzt hat der Nachrichtendienst Bilder einer Musikpreis-Trophäe gelöscht, die eine obszöne Geste zeigen. Auch vor Rockstar-Fotos wird gewarnt - und vor Picasso-Gemälden. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,549613,00.html
Das Recht auf Selbstzensur hat jeder. Erinnert allerdings etwas an Konservativ/Christliche Machtübernahme. Dann werden die halt bloss noch den Christian Science Monitor mit bilder beliefern und die andern Medien beziehen ihre Bilder von AFP, Reuters oder Starbucks.
stucki, 25.04.2008
5. Paranoides Gehabe
Ein (großer?)Teil der Amerikaner kann es noch besser! Über Ostern hatten wir Besuch aus den USA, eigentlich gebildete Leute. Aber wenn man bei Gesprächen in politische oder religiöse Themen kommt - mir stand nur noch staunend der Mund offen, wie die Gehirnwäsche und die "sauberen" amerikanischen Sitten das Weltbild dieser Leute zeichnen. Da sind ein paar gelöschte Fotos eher harmlos.
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