Zensur in Russland Von Kunstfreiheit keine Spur

Immer wieder wird Russland Zensur vorgeworfen. Nun gibt es einen neuen Anlass: Regimekritische Bilder, die auf einer Ausstellung in Dresden gezeigt werden sollten, dürfen das Land nicht verlassen.


Dresden - Der russische Zoll hat sechs moderne russische Gemälde aus Moskau zurückgehalten, die für eine Schau nach Deutschland gebracht werden sollten. Als Grund nannte die Behörde die Befürchtung, dass die Bilder internationale Verstimmungen hervorrufen könnten. Einige der Kunstwerke parodieren die Putin-Regierung.

Der Direktor der Städtischen Galerie Dresden, Gisbert Porstmann, zeigte sich überrascht und enttäuscht. Alle Werke seien in Zusammenarbeit mit vier Galerien in Moskau ausgewählt worden. Es habe "breites Entgegenkommen" geherrscht. Der "plötzliche Akt der Zensur" sei ein Rückschlag, sagte Porstmann. Er zeige, dass in Russland die Daumenschrauben an der Freiheit der Kunst wieder angezogen würden. "Die Freiheit der Presse und der Kunst wird bekämpft." Selbst der Spediteur spreche von einer "brutalen Entscheidung des Zoll".

Die sechs Werke hängen nun als verkleinerte Fotokopien in der Dresdner Ausstellung "Learning from Moscow - Positionen aktueller Kunst aus Moskau". Bei der Schau sind bis zum 2. September insgesamt 40 Arbeiten zeitgenössischer Künstler aus Russlands Hauptstadt zu sehen. Neben Gemälden werden auch Fotografien, Videos, Installationen, Zeichnungen und Skulpturen ausgestellt.

Von der russischen Zollbehörde aussortiert wurden das Poster "Putkin" von Konstantin Latyshev, auf dem der russische Dichter Alexander Puschkin (1799-1837) und der russische Staatspräsident Wladimir Putin zu einer Kunstfigur verschmelzen. Auch das Bild "The Candle of our Life" der international bekannten Gruppe "Blaue Nasen" durfte nicht nach Deutschland gebracht werden. Hier wird im Monty-Python-Stil die neue Dreieinigkeit der Stützen der russischen Gesellschaft aus Putin-Regierung, Russland-Kultur (Puschkin) und Macht der russisch-orthodoxen Kirche (Jesus-Ikone) parodiert. Nach Angaben von Porstmann wurde zudem Erotisches zensiert.

Die Ausstellung in Dresden bildet den Auftakt für eine lockere Reihe über wichtige Orte zeitgenössischer Kunst. "Moskau entwickelt sich derzeit zu einer solchen Metropole der Kunst", begründete Porstmann die Wahl. Dies zeigten die Arbeiten, die sich mit den aktuellen globalen Fragen und den enormen gesellschaftlichen Veränderungen im Land auseinander setzen. In Dresden werden Werke von bekannten Künstlern wie den Gruppen AES und "Blaue Nasen", Oleg Kulik, Vladimir Dubossarski & Alexander Vinogradov, Boris Michailov oder Boris Orlov ebenso wie von ganz jungen Vertretern gezeigt.

Dass der russische Kunstmarkt floriert, zeigt auch eine andere Nachricht: Das Auktionshaus Sotheby's eröffnet eine Dependance in Moskau. Damit sei Sotheby's das erste internationale Auktionshaus mit einem Büro in der russischen Hauptstadt, teilte ein Sprecher heute mit. Das Büro befindet sich in der Nähe des Kremls. Im Juni werden dort zum Beispiel Claude Monets millionenschweres Bild "Nymphéas" von 1904 und ein Selbstporträt von Francis Bacon aus dem Jahr 1978 versteigert.

hho/dpd/ddp



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