Aktion des Zentrums für politische Schönheit Ein Holocaust-Mahnmal - bei Björn Höcke vor der Haustür

Die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit hat monatelang den Wohnsitz des AfD-Politikers Björn Höcke observiert. Durch einen Kniefall soll er seine Läuterung beweisen.

Holocaust-Mahnmal in Bornhagen
Patryk Witt/ Zentrum für Politische Schönheit

Holocaust-Mahnmal in Bornhagen


Bornhagen ist kein Dorf, eher ein Weiler. In dem idyllischen Flecken im Eichsfeld, an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen, leben knapp 270 Menschen. Einer davon ist der AfD-Politiker Björn Höcke. Bis auf die imposante Ruine der Burg Hanstein gab es dort bisher nur wenig zu sehen. Nun allerdings dürfte Bornhagen um eine bedeutende Attraktion reicher werden - ein "Denkmal für die ermordeten Juden Europas".

Es handelt sich dabei um 24 Betonstelen, exakte Nachbildungen und gewissermaßen Ableger der 2711 symbolischen Sarkophage, aus denen das Holocaust-Mahnmal in Berlin-Mitte besteht. Anders als das Original richtet sich das Exemplar von Bornhagen nicht an Millionen von Besuchern, nicht einmal an 270 - sondern exklusiv an Björn Höcke, der künftig in seinem "kleinen Bullerbü" (Höcke zur "NZZ") von allen Fenstern seines holzvertäfelten Wohnhauses einen unverbaubaren Blick auf sein ganz eigenes "Denkmal der Schande" haben soll.

Geplant, gegossen, heimlich angekarrt und im Stillen errichtet wurden die Stelen von den direkten Nachbarn Björn Höckes. Am Mittwochmorgen soll es nun enthüllt werden. Höcke dürfte überrascht sein.

Der viel beschäftige AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag sucht nicht eben den Kontakt zu seinen Mitbürgern, fährt selbst zum Joggen oft nur wenige Meter mit seinem Auto. Deshalb dürfte ihm bislang auch entgangen sein, dass sich nebenan seit zehn Monaten die Künstlergruppe vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) eingemietet hat. Und ihn seit zehn Monaten beobachtet.

Höckes berüchtigte Rede, Anlass für eine "Intervention"

Seit 2009 macht das Kollektiv im Namen eines radikalen Humanismus mit "künstlerischen Interventionen" auf Themen wie Flüchtlingsbewegungen oder Genozide aufmerksam. So machten sich die Aktivisten mit Bolzenschneidern an der EU-Außengrenze zu schaffen, wohin sie auch vorübergehend Gedenkkreuze für die Toten an der innerdeutschen Grenze verfrachteten. Für die Aktion "Die Toten kommen" exhumierten sie verstorbene Flüchtlinge und bestatteten sie in Berlin, hoben Hunderte symbolische Gräber auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude aus.

Das ZPS exponierte die beiden Familien hinter dem Rüstungskonzern Krauss-Maffei-Wegmann und motivierte mit "Scholl2017" Münchener Schüler zum Widerstand gegen eine "Diktatur ihrer Wahl". Zuletzt ließ es einen ferngesteuerten Drucker in einem Hotelfenster in Istanbul regimekritische Flugblätter auf den Gezi-Park verteilen. Als konkreten Anlass für die aktuelle Aktion nennt Philipp Ruch vom ZPS die berüchtigtste Dresdner Rede Höckes.

Björn Höcke
DPA

Björn Höcke

Am 17. Januar bescheinigte der Politiker vor Gleichgesinnten den Deutschen den Gemütszustand eines "immer noch total besiegten Volkes". Bombardierungen und Entnazifizierung beklagte er als Versuch, "unsere kollektive Identität [zu] rauben" und "unsere Wurzeln [zu] roden". Mit dieser "dämlichen Bewältigungspolitik", so Höcke, würde die deutsche Geschichte "miesgemacht". Es müsse eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad geben".

Nach 40 Minuten dann dieser Satz, hingehalten wie ein Stöckchen zum Drüberspringen: "Wir Deutschen - und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben - wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat."

"Langsamer als die Medien, aber gründlicher"

Es war in Ton und Inhalt eine Rede, wie sie auch ein alkoholisierter Gauleiter im Festzelt hätte halten können. "Wer sich die Rede mit der gebotenen Lautstärke anhört, die Augen schließt, fühlt sich in eine Zeit des Dritten Reichs versetzt", hieß es im Schreiben, mit dem konkurrierende AfD-Kräfte daraufhin ein Verfahren zum Ausschluss Höckes aus einer Partei beantragten, die er in seiner Rede selbst als "fundamentaloppositionelle Bewegungspartei" bezeichnete.

Die Empörung ist vergessen, das Verfahren eingestellt. Das ZPS nimmt das rhetorische Stöckchen nun auf und apportiert es buchstäblich vor die Haustür von Björn Höcke. "Kunst ist für mich ganz wichtig", sagte er kürzlich in einem Interview. "Kunst ist ein Korrektiv, weil Kunst führt uns auch an die großen Fragen des Lebens heran und impft uns auch in einer Art und Weise, dass wir auch eine gesunde Selbstdistanz aufbauen, auch eine gesunde Distanz zu unserem Tun als Politiker." Aber so?

"Die Dresdner Rede, die jede ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vernichtung von sechs Millionen Menschenleben vermissen lässt, hat uns vielleicht tiefer erschüttert als alles andere", sagt Ruch. "Wir sind zwar langsamer als die Medien, aber auch gründlicher." Finanziert werden soll das Stelenfeld, wie schon frühere Aktionen, per Crowdfunding. Auf der Seite "Deine-Stele.de" können Interessierte "Björn Höcke ein massives Denkmal setzen", wie Ruch erklärt. Wenn die vierte Gewalt im Staat keine Wirkung entfalte, müsse eben die Kunst als "fünfte Gewalt" tätig werden. Mit einer erinnerungspolitischen Wende um 360 Grad, sozusagen. Einer künstlerischen Setzung von großer Wucht.

"Geheimdienst für Arme"

Dabei aber hat es das ZPS nicht bewenden lassen. Es kommt die Beobachtung hinzu. Zehn Monate haben die Aktivisten nicht nur das Mahnmal geplant, sie haben Höcke auch observiert. Diese Grenzüberschreitung erklärt Ruch so: Weil das (vom NSU-Skandal ohnehin gebeutelte) Amt für Verfassungsschutz in Thüringen trotz evidenter Verbindungen zur NPD keinen Anlass zur Überwachung der AfD sehe, habe ihm das ZPS einen "Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz" zur Seite gestellt.

Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit (Archivbild)
Getty Images

Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit (Archivbild)

"Wir wissen alles", sagt Ruch. Wann Höcke sein Holz hackt, welche Verlage ihm Broschüren schicken, wie er auf Reisen mit seinen Anzügen umgeht, wie es seinen Schafen geht, wo er gerne urlaubt. Bei ihrer Schnüffeltätigkeit im "Geheimdienst für Arme" (Ruch) wollen die Aktivisten sogar bemerkt haben, dass Höcke noch von anderer Seite observiert wurde - noch laienhafter. Von wem? Man weiß es nicht, aber vielleicht hat Björn Höcke ja eine Ahnung.

Den Einwand, das Zentrum ermächtige sich hier selbst zur Verteidung einer liberalen Gesellschaft und wende dabei Stasimethoden an, weist Ruch mit dem Satz von sich: "Gegen Nazis wenden wir nur Nazimethoden an." Ihm gehe es "darum, dass Höcke im Januar viel geschichtspolitisches Porzellan zerbrochen hat. Beton ist der bessere Baustoff. Wenn er vor dem Denkmal auf die Knie fällt und für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg um Vergebung bittet, wollen wir der Ernsthaftigkeit seiner Läuterung glauben. Dann lösen wir den Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz vorerst wieder auf und veröffentlichen keine pikanten Details aus seinem Leben."

Mit Sicherheit werden nicht nur der Betroffene, seine Familie und seine Anhänger diesen erpresserischen Übergriff keineswegs als "fiktiv" oder symbolisch empfinden. Ruch sieht darin kein Problem, im Gegenteil: "Kunst muss wehtun, reizen, Widerstand leisten. Wir sind keine Wohlfühlzone. Wenn die Leute nur klatschen, ist das für uns ein Albtraum. Wir machen aggressiven Humanismus."

Höcke selbst werde "aufgrund der gesammelten Erkenntnisse des Zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutzes wohl nicht gerade gestärkt aus dieser Sache herausgehen", meint Ruch. Wichtiger als diese Frage sei aber die Debatte, die heute beginnen werde: "Sind wir eine wehrhafte oder eine wehrlose Demokratie? Welche Mittel wenden wir an gegen ihre Feinde? Wie weit können wir gehen?"

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