"Zitty"-Chefredakteurin Bunz Die Ausgepennte

Sie hat den Begriff "Urbane Penner" für die kreative und unterbezahlte Elite Berlins erfunden - für Leute wie sich selbst. Seit zwei Monaten ist Mercedes Bunz Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazins "zitty" und bewegt sich leichtfüßig zwischen Pop, Diskurs und Karriere. Ein Porträt.

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Berlin - Mercedes Bunz sitzt beim Mittagstisch in Berlin Mitte. Sie trägt einen blauen Blazer, Pulli, Jeans, die blonden Haare sind zu einem riesigen Knoten zusammengezwirbelt, eine braune Brille thront auf ihrer Nase. "Als ich mal in Venedig war", sagt sie, "liefen auf einer Piazza Giorgio Agamben und Toni Negri vor mir her." In Berlin habe sie zwar mal neben Jürgen Habermas gesessen, aber der sei ja noch viel älter. Bunz muss lachen. Die Unis in Deutschland, da gebe es sowieso wenig Neues. Strukturen verkrustet, kaputt gespart, sagt sie.

"Zitty"-Chefredakteurin Mercedes Bunz: "Nicht haltlos durch die Welt brettern"
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"Zitty"-Chefredakteurin Mercedes Bunz: "Nicht haltlos durch die Welt brettern"

Ausgespuckt haben die deutschen Unis aber Mercedes Bunz. Sie war mal "Urbane Pennerin"- wie sie selbst sagen würde. Diese Zeiten aber sind vorbei: Seit zwei Monaten fungiert sie als Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazins "zitty". Sie ist 34 Jahre alt, hat ihren Doktor in Kulturwissenschaften gemacht, als Dozentin und Journalistin gearbeitet. Den Begriff "Urbane Penner" hat sie für die "zitty"-Titelgeschichte "Meine Armut kotzt mich an" kreiert - auf der Suche nach einer treffenden Beschreibung für die Generation der jungen Kreativen, die "unterschätzte Elite", gut ausgebildet, aber schlecht bezahlt. In Berlin eine Massenerscheinung. Nicht mehr wissen, wie man seine Miete bezahlen solle, sei fast normal - sie selbst kenne das auch. "Und das kann auch wieder kommen", sagt sie. "Es gibt keine gesicherte Existenz mehr."

Viele würden das natürlich nicht wahrhaben wollen. Aber im Gegensatz zu früher sei dieses kreative, "prekäre" Leben keine "Besonderheit der Linken mehr, nichts Selbstgewähltes, keine Entscheidung für ein besseres Leben mit wenig Geld". Laptops, i-pods - Grundausrüstung der "Urbanen Penner" - seien mehr Arbeitsgegenstand als Luxus. Die ständige finanzielle Unsicherheit führe im schlechtesten Fall dazu, dass keiner mehr etwas richtig will, glaubt sie.

"Sich ständig selbst besiegen"

Die 15 Jahre, die Mercedes Bunz nun schon in Berlin lebt, haben sie zur gefragten Diagnostikerin der Großstadtkultur gemacht. Die "neuen Berliner Jungs" hat sie aufgetan; "entspannt, relaxt, männlich", vermehrt Vollbärte in den jungen Großstadtgesichtern beobachtet und darüber geschrieben. "Männlichkeit ist nicht mehr automatisch Macht. Und nachdem die Frauen in den letzten Jahren ihre klassisch weiblich kodierten Körperausbuchtungen wieder betonen konnten, ohne hinter den Feminismus zurückzufallen, folgen jetzt die Männer", so Bunz über die neue "Bartdichte" in der "zitty".

Sie kam 1991 zum Studium nach Berlin - Philosophie und Kunstgeschichte. 1997 gründete sie mit Freunden die Zeitschrift "DEBUG - Zeitung für elektronische Lebensaspekte".Zwei Jahre später wurde sie Chefredakteurin des Blattes. Nach ihrer Promotion an der Bauhaus-Universität in Weimar über die Geschichte des Internet hat sie als Dozentin an der Universität Bielefeld gearbeitet. "Meine Stelle als Chefredakteurin bei 'zitty' ist meine erste feste Stelle überhaupt", sagt sie. Typisch für die Generation der "Urbanen Penner" eben.

Ob sie manchmal Angst davor habe, den Job nicht zu schaffen - davor, dass ihr die Dinge über den Kopf wachsen? Mercedes Bunz neigt den Kopf zur Seite und legt den Finger an die Lippen. "Nachdem ich meine Dissertation fertig hatte, habe ich mir gedacht, kann ich so einen Chefredaktionsposten auch schaffen." Sie lacht. Bei der Promotion müsse man sich schließlich "ständig selbst besiegen - als Chefredakteurin muss man die Strukturen hinkriegen und konzeptionell den Überblick behalten."

Irgendwie sei das - dort wo sie beruflich jetzt ist - ja alles auch mehr Glück gewesen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, die richtigen Leute gekannt. Jedenfalls könne sie nicht sagen, dass das, was sie jetzt mache seit langem ihr Traumjob ist. Wenn es eine Sache gebe, die sie immer gewollt habe, dann über bestimmte Themen zu schreiben, sagt sie - über Kultur, Gesellschaft, Medien. "Ist ja eng miteinander verzahnt."

"Berlin ist Hauptstadt und dabei sympathisch geblieben"

Was will sie selbst? "So konkret? Mein Leben ist doch total ausgefüllt!". Und was sie in zehn Jahren machen wolle, keine Ahnung - "kann man doch sowieso nicht planen heute". Familie? "Ich glaube man kann froh sein, wenn man es als Paar mit Kind schafft, die ersten paar Jahre zu überstehen", sagt sie. Das solle nicht heißen, dass sie nicht an große Dinge glaube. "Glaub schon daran, dass man nicht haltlos durch die Welt brettern muss", sagt sie. Aber noch mehr glaubt sie eben an die Realität.

Bald sind Wahlen in der Hauptstadt. Und Bunz ist nun eine Stimme der Berliner, ihre "zitty" bildet die Stadt ab. "Schwierig. Ich muss nochmal den Wahlomat befragen." Das Phänomen des Nicht-Wählens sei interessant, sagt sie. "Es stellt sich die Frage, ob die Demokratie einen Schritt weiter ist." Dadurch, dass es immer mehr ökonomische Zwänge gebe, seien Wahlen immer weniger die Entscheidung zwischen verschiedenen politischen Richtungen. "Es ist eher eine Entscheidung darüber, mit welchem Stil man sich in den nächsten Jahren konfrontiert sehen will. Man wählt die Art und Weise, auf welche die Sachen gemacht werden."

"Wowi" habe das schon ganz gut begriffen, dass Berlin auf Kultur setzen muss. "Ich finde, das muss man würdigen, dass Berlin es geschafft hat, eine richtige Hauptstadt zu werden und dabei sympathisch zu bleiben". Eine Stadt, in der man sich das Leben noch leisten könne.

Der Teller mit der Pasta ist nun leer. Bunz sagt, dass Berlin eine Stadt sei, die sich alle fünf Jahre ändere - und doch blieben manche Dinge. "Die Menschen hier drehen nicht so schnell durch", sagt sie.

Der Kaffee ist bestellt, Bunz dreht sich noch eine Zigarette - selbstgedreht schmeckt ihr seit Kurzem besser. Sie muss jetzt los, eine Pressemitteilung rausschicken, das nächste Heft steht schon. "Die erste Ausgabe, bei der ich das Gefühl hab, richtig angekommen zu sein", sagt sie. Die "Urbane Pennerin" angekommen in der Chefredaktion - so geht es eben auch.



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