"Zofen"-Premiere in Wien Feuchtgebiete hinter Glas

Der feinfühlige Regisseur Luc Bondy hat für die Wiener Festwochen und die Berliner Volksbühne Jean Genets "Zofen" angerichtet - und serviert das einstige Skandaldrama um zwei mordlustige Dienstbotinnen als wohltemperiertes Sudelstück.


Ganz Wien ist fußballverrückt, doch die Theatermacher sind narrisch nach Ausschweifungen und wild auftrumpfenden Tabubrüchen. Luc Bondy, das radikal bourgeoise Sensibelchen, und Frank Castorf, der oft krawallige Anarchist, sind das Kultur-Traumpaar dieses Frühsommers. In Interviews sagen sie, wie sehr sie einander achten und verstehen. Bondy, der Chef der mondänen Wiener Festwochen, und Castorf, der Boss der im Augenblick leider traurig siechenden Berliner Volksbühne, haben sich ganz doll lieb.

"Zofen"-Darstellerinnen Peters (re.), Rois: Blumenduftige Feuchtgebiete
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"Zofen"-Darstellerinnen Peters (re.), Rois: Blumenduftige Feuchtgebiete

In der Theaterpraxis haben sie ein nettes Austauschprogramm vereinbart. "Die Zofen", von Bondy mit allen teuren Schikanen (und mit dem Startrio Edith Clever, Sophie Rois und Caroline Peters) inszeniert, wird demnächst in der rauen Berliner Volksbühnenluft fest ins Programm genommen.

Während also die Stadt Wien im Fußballfieber brummt und flirrt; während das Burgtheater von Bauzäunen, Kränen und Gerüsten umzingelt wird, weil unmittelbar vor Österreichs stolzestem Bühnenhaus die so genannte EM-Fanmeile eingerichtet wird; während man als Wien-Besucher im Hotelzimmer mit einer aus schwarzweißen Fußballflicken zusammengeklebten Quietsche-Ente auf dem Badewannenrand beglückt wird: In diesem heißen Ambiente also zeigt Luc Bondy in einem eher entlegenen Schauspielhaus, dem Theater Akzent im 4. Wiener Bezirk, das Drama einer anderen, finster glimmenden Leidenschaft. Es geht um Mord, Verrat und hitzige Schwesternliebe.

Jean Genets Drama "Die Zofen", in einer ersten Fassung 1947 uraufgeführt, verarbeitet einen realen Mordfall, der einst halb Frankreich erregte: Zwei Dienstbotinnen-Schwestern meuchelten scheinbar kaltblütig ihre Chefin. Das Stück ist ein hochartifizielles Sprach- und Versteck- und Verkleidungsspiel, in dem die beiden Zofen Claire und Solange ihre Herrin imitieren und deren Ermordung (mittels Gift im Lindenblütentee) proben, in dem die Schwestern einander mit Worten angiften und mit ihren Leibern brünstig-inzestuös aufeinander losschmachten. Und das, obwohl sie an der anderen jeweils nur "schlechten Geruch" und "Dreck" wittern.

Tjaja, das feuchtelt ungemein und hat in der Theatergeschichte schon allerlei Regisseure und Zuschauer erhitzt. Bei Luc Bondy aber wird daraus ein äußerst exquisites, blumenduftiges, prachtvoll wohltemperiertes Sudelstück hinter unsichtbarem Museums-Glas. Wir sehen die beiden als gefährlich, laut und ungezogen berühmten Schauspielerinnen Sophie Rois (Solange) und Caroline Peters (Claire) aufs Feinste hindressiert in einem irritierend kreuzbraven Boulevard-Salonschlafzimmer von Bert Neumann.

Die beiden reifen Mädchen tanzen in Unterwäsche und mit afrikanischen Eingeborenen-Masken vor den gepuderten Nasen. Dazu gibt’s feine Klaviermusik, ein bisschen Pop und Kirchen-Georgel, den Sound einer nur angeblich bösen schwarzen Messe. Man redet von Spucke und Schmutz und Mord und Verbrechen. Denn oh Schockschwerenot: Der Hausherr sitzt im Kerker, denunziert von den Schwestern.

Satte zwei Stunden ändert sich im Grunde rein gar nichts an Bondys pieksauberem Salon-Arrangement. Gut, mal gibt’s ein bisschen Slapstick mit einer Vase, in der plötzlich Sophie Rois Hand feststeckt; auch wird kurz mit der angeblich Gift enthaltenden Teetasse lustig herumgefuchtelt, als spiele man hier eine Komödie namens "Arsen und Zofenschleifchen". Dann aber hat Edith Clever als Herrin (respektive gnädige Frau) ihren Auftritt, eine weißhaarige Geistererscheinung, und wieder ist alles hochnobel, edel, delikat.

"Mit dem Theater ist es vorbei", seufzt die Diva Clever einmal einen Schlüsselsatz, den Simon Werle superfein übersetzt hat, aber da liegt noch jede Menge Spielzeit vor uns in dieser notorischen Kracherpartie des großen toten Dichters und Diebs Jean Genet. Fußballerisch gesprochen war’s an diesem Abend ein Match auf allerhöchstem Niveau: viele brillante Tricks, zauberhafte Bewegungsabläufe, elegante Spielzüge. Aber kein Tropfen Schweiß, keine Tore und keine Wahrheit auf dem Platz. Und deshalb am Ende nur kurzer, leicht ratloser Applaus



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