Zorniger Medienzar Murdoch stürmt "Independent"-Redaktion

Eine Szene wie im Western: Mit markigen Worten platzte James Murdoch, Sohn des Medienfürsten Rupert Murdoch, in die Londoner "Independent"-Redaktion. Anlass war eine Werbekampagne der Zeitung zu den britischen Unterhauswahlen.

James Murdoch (hier in Peking): "Worauf wollt ihr zum Teufel hinaus?"
REUTERS

James Murdoch (hier in Peking): "Worauf wollt ihr zum Teufel hinaus?"


Hamburg/London - Showdown in der "Independent"-Redaktion: Aus Ärger über eine Anzeigenserie der britischen Tageszeitung stürmte James Murdoch, Chef der News Corporation und Sohn des legendären Medienfürsten Rupert Murdoch, am Mittwoch in die Büroräume des Blattes.

Mit den wenig verblümten Worten "What the fuck are you playing at?" (etwa: "Worauf wollt ihr zum Teufel hinaus?") verlangte er eine Erklärung. Das berichtet "The Guardian", wie sein Konkurrent "The Independent" eine liberale, nicht dem Murdoch-Imperium zugehörige Qualitätszeitung.

Es sei dem "Independent"-Chefredakteur Simon Kelner gerade noch gelungen, den zornigen Nachwuchszaren in sein Einzelzimmer zu lotsen. Der "Guardian" zitiert einen Augenzeugen, den Murdochs Auftritt an einen Cowboy im Wilden Westen erinnerte: "wie eine Szene aus Dodge City".

Auslöser von James Murdochs Wutausbruch soll die derzeitige Kampagne des "Independent" gewesen sein. Darin ermutigt das Blatt seine Leser: "Rupert Murdoch won't decide this election. You will" ("Rupert Murdoch wird diese Wahl nicht entscheiden. Sie werden es"). Eine Anspielung auf die politische Macht der Murdoch-Blätter (darunter das britische "Bild"-Äquivalent "The Sun" und die konservative Traditionsgazette "The Times"), die als wahlentscheidend gilt - die Briten stimmen am 6. Mai über ein neues Parlament ab.

Der ehemalige Premierminister Tony Blair versicherte sich in den Neunzigern ausdrücklich des Wohlwollens von Rupert Murdoch für sein New-Labour-Projekt, mittlerweile aber neigen dessen traditionell rechts stehenden Medien eindeutig den derzeit oppositionellen Tories unter David Cameron zu.

Murdochs Biograf Michael Woolf sieht die tiefere Ursache für den Zornesausbruch von James Murdoch in Verwerfungen innerhalb der Führungsriege der News Corporation: Rebekah Brooks, Chefin von News International, die Murdoch in die "Independent"-Redaktion begleitete, habe James geradezu überredet, Cameron zu unterstützen. Nun müsse der sich vor seinem Vater rechtfertigen, weil die öffentliche Meinung derzeit nicht auf einen Erdrutschsieg der Tories hindeute: "Mehr noch als die Konservativen mag Rupert Murdoch Gewinner."

Der finanziell angeschlagene "Independent" war kürzlich selbst in den Besitz eines anderen Tycoons übergegangen. Er gehört nun dem russischen Milliardär Alexander Lebedew.

sha

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