Zukunft der Zeitung Ein Text für den Preis einer Kippe

Wer sagt, dass Leser für Journalismus im Netz nichts bezahlen wollen? Nur der Preis muss stimmen - und die Portionsgröße: Nicht der starren Voll-Zeitung, sondern auf den einzelnen Leser zugeschnittenen Kombi-Angeboten gehört die Zukunft.

Von Jürgen Neffe


Was tun wir, wenn kein Sand zu finden ist, in den wir unsere Köpfe stecken können? Wir plustern uns auf, schlagen tüchtig mit den Flügeln und wirbeln Staub auf. Derzeit herrscht das große Flattern bei den Blättern, die die Welt bedeuten. Das böse Internet, klagt die Journaille, bedrohe sie in ihrer Existenz. Da ist, wie bei echten Revolutionen, von rechtsfreien Räumen die Rede, von Diebstahl und Enteignung, Piraterie und Anarchie.

Das Web-Bashing richtet sich gegen illegale Kinderpornografie (die der Staat bekämpfen möge) ebenso wie gegen den legitimen Google-Coup einer digitalen Weltbibliothek (eine genuine Aufgabe der öffentlichen Hand, vergleichbar den Bibliotheken), gegen "Bürger-Reporter" mit gleicher Abschätzigkeit wie gegen den Trash beim Gechatte, Geblogge und Gezwitscher. Und dann zieht das übermächtige Netz auch noch ganz legal Werbemittel aus anderen Medien ab und glänzt mit ruinösen Gratisangeboten.

Damit gerät eines der ältesten und erfolgreichsten Geschäftsmodelle der Moderne in Gefahr: Die Printmedien als Vertreter der Meinungs- und Informationsfreiheit (und als Verbreiter gut bezahlter Klein- und Großanzeigen) sehen sich in Gefahr oder gar vom Aussterben bedroht.

Der aufgewirbelte Staub, verdichtet durch die Wirtschaftskrise, verschleiert ihnen allerdings bisweilen den Blick aufs eigene Spiegelbild: Die Branche steckt unabhängig vom Zustand der Weltwirtschaft in ihrer eigenen tiefen Strukturkrise. Durch den Abschwung hat sie sich nur verschärft. Dabei droht nicht der Journalismus unterzugehen, sondern "nur" sein Medium, bedrucktes Papier, von Widersachern ohnehin längst als Holzweg verhöhnt. Das Internet bedroht die Zeitung auch nicht vornehmlich durch rechtswidrige Machenschaften, sondern im Rahmen des Rechts durch völlig neue Formen des Publizierens, denen die Zukunft gehört.

Über nichts erfahren wir in der Presse weniger als über die Presse. Wenn Printjournalisten über sich und ihr Berufsumfeld so schrieben wie über Autos, Theater oder Milch, dann könnten wir von Strukturproblemen, Überkapazitäten und überfälliger Neuorientierung lesen, vom veralteten Geschäftsmodell, vom unökonomischen Wundertütenprinzip - und vielleicht auch vom lächerlich schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Stattdessen werden Abzocker und Schnorrer angeschwärzt, die zwar der Musikindustrie zu schaffen machen, aber (noch) nicht der Print-Branche. Jedenfalls ist noch nichts von einem schwunghaften Handel mit illegal kopierten "Zeit"-Dossiers, SPIEGEL-Reportagen oder "SZ"-Feuilletons zu spüren.

Geschmähte Internet-Portale wie der Perlentaucher stellen auf ihren Seiten nur zusammen, was ohnehin frei zugänglich ist, und schicken ihre Leser sogar auf die Originalseiten der Anbieter. Doch statt für die unbezahlte Werbung mit Dank bedacht, sehen sie sich in die Nähe des Raubrittertums gestellt - und zwar ausgerechnet von denen, die in einem ruinösen Wettlauf ohne Sinn und Verständnis für das Netz ihre wertvollste Ware einfach so verschenken. Statt Konzepte für die eigene Zukunft zu entwickeln, machen sich die Blätter mit ihren Gratisangeboten vor allem selber Konkurrenz. Bei zweistelligen Renditeraten, denen selbst die geschmähten 25 Prozent nicht ganz fremd waren, konnten sie sich das auch leisten.

Nur so lässt sich das Versäumnis erklären, dem die Journaille ihre Krise in der heutigen Form nicht unwesentlich verdankt: Nicht einmal der Versuch ist unternommen worden, die Masse der Nutzer, und sei es zunächst über freiwillige Cent-Beträge, zur Kasse zu bitten und an irgendeine Form des Bezahlens zu gewöhnen, so wie bei Musikstücken, Internet-Diensten oder Handy-Anwendungen zum Herunterladen schon lange gebräuchlich und auch akzeptiert.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Poisen82, 05.06.2009
1. .
Warum sollte irgendjemand zahlen wenn er es auch umsonst bekommt? Natürlich könnte man argumentieren das die Qualität eines Verlages höher ist als ein dubioser Artikel auf einer x-beliebigen Seite. Aber ist die Qualität von Spon und CO wirklich besser als die irgendwelcher Blogs...? Jaein. Die Klassischen Informationsquellen wie Spon sind zwar breit gefechert, jedoch ist Qualität von Author zu Author unterschiedlich, es gibt gut recherchierte und schlecht recherchierte Artikel. Subjektive und Objektive Artikel. Es gibt einfach zuviel Konkurenz. Wenn ich einen Artikel im Spiegel lese der mein Interesse weckt, lese ich ihn ebenso in der Bild, taz, SDZ und der jungen Freiheit. Dies erlaubt es mir ein Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, ich möchte nicht unbedingt mehrfach dafür bezahlen und muss es auch nicht. Da das Internet einen starken Druck auf die Verlage ausübt besteht ja nicht die Gefahr das Artikel in Zukunft etwas kosten werden. Desweiteren kaufe ich mir ja auch fein den Spiegel als Druckwerk der erweiterten Informationen und der habtischen Vorteile einer Zeitung wegen. :)
Galaxia, 05.06.2009
2. Zeitung is Obsolent
Zitat von sysopWer sagt, dass Leser für Journalismus im Netz nichts bezahlen wollen? Nur der Preis muss stimmen - und die Portionsgröße: Nicht der starren Voll-Zeitung, sondern auf den einzelnen Leser zugeschnittenen Kombi-Angeboten gehört die Zukunft. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,628864,00.html
Bei Nature muss man idR mehr als 30$ für ein Artikel hinblättern. (Echt lol) Und SPON ist auch nicht gerade billig, gerade auch was Dossiers betrifft ... Wieso nicht ein Monatsabo für 1-3 EUR? Das kommt doch gut hin mit dem Preis für die Papier Ausgabe(Zeitung) und man hat die Druckkosten nicht am Hals - mal ganz zu schweigen von dem Co2 Footprints der Zeitungsverteilung :)
w3scan 05.06.2009
3. Online-Werbung zu billig
Seit zehn Jahren beschäftigen wir uns mit dem Monitoring von Online-Werbung. Aus dieser Erfahrung stelle ich - hier nicht zum ersten Mal - fest, dass Online-Werbung einfach zu billig verkauft wird. Der Sales fühlt sich im Verkäufer-Markt, befindet sich aber tatsächlich im Käufer-Markt. Wenn jetzt der Leser mit waghalsigen Konzepten zur Kasse gebeten werden soll, ist das in Wahrheit ein Versagen der Preisbildung für Online-Werbung. Das klappte im Print und TV seit 50 Jahren ganz prima, Online dagegen versucht sich ständig zu über-dumpen. Nun soll der Leser zahlen. Aber der Leser zahlt schon, mit seiner Aufmerksamkeit. Er wird seine Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo er mit dieser wichtigsten aller Währungen - Lebenszeit - noch zahlen kann. Wenn dann mal die Screen Estate - also das 'Grundstück auf dem Bildschirm' aka Information + Werbung, tatsächlich einen vernünftigen Preis gebildet hat, stellt sich die Frage nicht mehr. Kurz: Der Leser wird nicht zahlen. Die Adsales müssen besser verkaufen. Das Minderwertigkeitsgefühl der Online-Sales-Units muss in den Köpfen der Verkäufer aufgelöst werden. Denn jetzt vielleicht und in Zukunft sicher ist ein Banner mehr Wert als jede Printanzeige, denn ein Banner ist Screen Estate und eine Printanzeige einfach nur ein schnell überblättertes Blatt.
exkommunist 05.06.2009
4. Wir brauchen Bezahlmodelle
Wenn wir die Journalismus und Medien als "vierte Gewalt" behalten wollen, müssen wir etwas dafür tun und benötigen Modelle, wie journalistische Arbeit unabhängig von Werbeeinnahmen finanziert werden kann. Gute Blogger zählen für mich übrigens dazu. Und das Internet ist natürlich die bessere technische Grundlage. GEZ ist ein Modell - Radio & Fernsehen hat man es ja auch schon so gemacht, daß man die Nutzer dafür zahlen läßt, und es war auch gut so, obwohl nicht alles meinen Geschmack getroffen hat. Ich fände das für das Internet akzeptabel, wenn auch nicht optimal, denn es wäre ein national beschränktes Modell, und mit dem selben Wundertüteneffekt wie die Zeitung. Für Promiberichterstattung & Volksmusik würde ich dann doch gerne andere zahlen lassen, denen das wichtiger ist. Kachingle (www.kachingle.com) wird gerade erfunden, und ich finde, es ist einen Versuch wert. 4 cent Micropayment für so einen Artikel würde ich auch mitmachen, wenn es "einfach" wäre, also ohne umständliches Anmelden bei jeder einzelenen Zeitung usw. usw. Hier sind einfach Ideen gefragt, und das Internet ist ja nicht arm daran... j
Galaxia, 05.06.2009
5. Google
Zitat von w3scanSeit zehn Jahren beschäftigen wir uns mit dem Monitoring von Online-Werbung. Aus dieser Erfahrung stelle ich - hier nicht zum ersten Mal - fest, dass Online-Werbung einfach zu billig verkauft wird. Der Sales fühlt sich im Verkäufer-Markt, befindet sich aber tatsächlich im Käufer-Markt. Wenn jetzt der Leser mit waghalsigen Konzepten zur Kasse gebeten werden soll, ist das in Wahrheit ein Versagen der Preisbildung für Online-Werbung. Das klappte im Print und TV seit 50 Jahren ganz prima, Online dagegen versucht sich ständig zu über-dumpen. Nun soll der Leser zahlen. Aber der Leser zahlt schon, mit seiner Aufmerksamkeit. Er wird seine Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo er mit dieser wichtigsten aller Währungen - Lebenszeit - noch zahlen kann. Wenn dann mal die Screen Estate - also das 'Grundstück auf dem Bildschirm' aka Information + Werbung, tatsächlich einen vernünftigen Preis gebildet hat, stellt sich die Frage nicht mehr. Kurz: Der Leser wird nicht zahlen. Die Adsales müssen besser verkaufen. Das Minderwertigkeitsgefühl der Online-Sales-Units muss in den Köpfen der Verkäufer aufgelöst werden. Denn jetzt vielleicht und in Zukunft sicher ist ein Banner mehr Wert als jede Printanzeige, denn ein Banner ist Screen Estate und eine Printanzeige einfach nur ein schnell überblättertes Blatt.
Aber dagegen wiederspricht Ihrer Argumentation doch der Erfolg von Google. Die Masse machts ... aber in BRD wird imemr noch versucht das ultimative rauszuholen. Nur die Fakten sprechen für sich - 21.01.2009 :"Ein Prozent der Bevölkerung besitzt ein Viertel des Vermögens Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland weiter gewachsen: Laut einer DIW-Studie besitzen die oberen zehn Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des gesamtdeutschen Vermögens. Die Armen dagegen verschulden sich immer stärker." http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,602649,00.html
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