Zum Tod von Claude Lévi-Strauss: "Den Menschen gibt es nicht"

Von Daniel Haas

Psychoanalyse und Linguistik: Diese Wissensgebiete nutzte Claude Lévi-Strauss für eine neue Wissenschaft. Strukturalismus heißt das Verfahren - der französische Denker wandte es erstmals auf die Tropen an. Er erschloss uns aber noch viel mehr als den brasilianischen Dschungel.

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Denker Lévi-Strauss: Die Strukturen im Blick

Man kennt provokante Sätze von ihm. Einer lautet: "Das Leben hat keinen Sinn." Claude Lévi-Strauss, der vielleicht wirkmächtigste Anthropologe des 20. Jahrhunderts, war deshalb kein Nihilist. Er meinte nur, mit ein paar alten Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Denkens aufräumen zu müssen.

Da war zum Beispiel die bewährte Idee, dass das Subjekt autark seine Umwelt gestaltet, Herrscher im Haus der Sprache und seiner Psyche ist. Dieses Konzept hatte Anfang des 20. Jahrhunderts bereits Sigmund Freud mit seinem Konzept des Unbewussten erschüttert. Das spielt einem bekanntlich Streiche und dirigiert unser Handeln und Fühlen oft mehr, als wir uns eingestehen.

Und auch die Sprache war dank der Linguisten Ferdinand de Saussure und Roman Jakobson auf einmal auch nicht mehr das simple System von Wörtern, die den Sinn einfach so in sich tragen wie ein Gefäß einen bestimmten Inhalt. Sprache wurde unter dem Blick dieser neuen Wissenschaft zu einem Gewebe, in dem Bedeutung nicht mehr in den einzelnen Begriffen wohnt, sondern erst in der Differenz entsteht: Das bedeutet dies, weil es nicht jenes bedeutet.

Im Zeichen der Struktur

Freud und Jakobson waren die spekulativen Gewährsleute von Lévi-Strauss. Er nutzte ihr Denken für eine Revolution der Ethnologie und Kulturphilosophie. Als der am 28. November 1908 in Brüssel geborene Denker 1949 nach der Flucht vor dem antisemitischen Vichy-Regime nach Frankreich zurückkehrte, entstanden die ersten, programmatischen Studien, die seine neue Methode anwandten.

Lévi-Strauss' ethnologische Untersuchungen zum Inzestverbot und zu den "elementaren Strukturen der Verwandtschaft" stellten die bisherige Forschung auf den Kopf - beziehungsweise auf die Füße der die Menschen umgebenden Strukturen. Das in allen menschlichen Gemeinschaften gültige Verbot der Ehe zwischen Blutsverwandten zum Beispiel: Es war eben nicht eine aus moralischen oder biologistischen Gründen gespeiste Restriktion. Lévi-Strauss zeigte, dass in dem Moment, da die blutsverwandte Frau nicht mehr für die Triebabfuhr zur Verfügung steht, sie frei ist, an andere "weitergegeben", "getauscht" zu werden. Das heißt: Sie wird Teil einer kommunikativen Struktur von Gemeinschaften.

Das Wort vom sinnlosen Leben meint in dieser Perspektive: Es gibt keinen Sinnsouverän, der selbstherrlich agiert. Die Strukturen sind uns übergeordnet, wir werden gehandelt.

Differenz zum Mainstream

Als Lévi-Strauss diese neue Theorie konkretisierte, vor allem in seinem Hauptwerk, der "Strukturalen Anthropologie", da war er schon ein Star. 1955 hatte er seine brasilianischen Reise-Erlebnisse zu einem Text verarbeitet. "Traurige Tropen" heißt das schnell zusammengeschusterte Buch, es ist eine vor allem für die damalige Zeit verwegene Mischung aus Reisebericht, Roman, zivilisationskritischem Essay und intellektueller Autobiografie. Es wurde ein Riesenerfolg und war doch das Dokument eines Scheiterns.

Denn Strauss hatte nicht nur von der westlichen Welt arg beschädigte Kulturen angetroffen, er hatte auch keinen unmittelbaren authentischen Zugang zu seinem Gegenstand gefunden. "Ich verabscheue Reisen und Forschungsreisende" lautet deshalb der erste legendäre Satz des Buchs. Er ist auch als Credo des Wissenschaftlers zu verstehen, der nicht Einzelphänomene untersuchen, sondern Beziehungsgeflechte erforschen will.

Man musste dafür nicht vor Ort sein. Man konnte - wie Lévi-Strauss in der Zeit des amerikanischen Exils - in Büchern schmökern und das Vorgefundene strukturieren und lesbar machen. Die Verwandtschaftsbeziehungen von Indianern zum Beispiel, ihre Mythen und Rituale - sie wurden auf einmal Sprachen, die sich gemäß der strukturalen Methode als Zeichensystem entziffern ließen.

Besonders eindrucksvoll bewährte sich das Verfahren bei der Erforschung des Totemismus. Die ältere Ethnologie hatte geglaubt, das Totem sei ein Zeichen für den Wunsch nach metaphysischer Orientierung. Lévi-Strauss korrigierte: Mit der Wahl eines bestimmten Totemtiers wolle eine Gemeinschaft vor allem Differenz herstellen zu anderen Gemeinschaften. Nicht die Kraft des Bären ist also beim Totem entscheidend, sondern dass es nicht der Adler des Nachbarstammes ist. Der Effekt: Differenz - und damit Bedeutung und die Möglichkeit zur Verständigung.

Buhmann der 68er

Im Sinne der strukturalistischen Entsprechungen darf man nicht verschweigen, dass zur progressiven Leistung dieses Forschers die konservative Geste als Gegenpart gehört. So lehnte er beispielsweise die Aufnahme von Frauen in die Académie Française ab: "Jahrhundertealte Regeln ändert man nicht." Die Französische Revolution sei mitschuldig an den Verfehlungen der westlichen Welt; Rassismus sei insofern nachvollziehbar, als die Menschen nun mal an ihren Unterschieden festhielten.

Dass ihm der revolutionäre Drang der 68er zuwider war, überrascht wenig. Umgekehrt kann, wer dem Subjekt als Akteur der Geschichte so kräftig am Zeug flickt, von demonstrierenden Studenten keine Sympathie erwarten: "Strukturen gehen nicht auf die Straße" schleuderte ihm die Intelligenz damals entgegen. Der Held dieser Jugend war eben Sartre, nicht ein Denker, der sagte: "Den Menschen gibt es nicht."

Den Menschen Claude Lévi-Strauss gab es sehr wohl - und entgegen der strukturalistischen Vorsicht gegenüber allem, was Sinn in essentieller Weise repräsentieren will, muss gesagt sein: In der Nacht vom vergangenen Samstag auf Sonntag ist einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts gestorben.

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1. Sein Leben hatte Sinn!
cha cha 03.11.2009
Zitat von sysopPsychoanalyse und Linguistik: Diese Wissensgebiete nutzte Claude Lévi-Strauss für eine neue Wissenschaft. Strukturalismus heißt das Verfahren - der französische Denker wandte es erstmals auf die Tropen an. Er erschloss uns aber noch viel mehr als den brasilianischen Dschungel. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,659105,00.html
"Buhmann" der 68er? Seit wann denn das? Ich kenne keinen einzigen 68er (mich eingeschlossen), dem Claude Lévi-Strauss nicht die wichtigsten Denkanstöße gegeben hätte. Sein Leben hatte Sinn!
2. Lévi-Strauss ...
sam clemens 03.11.2009
... war tatsächlich einer der bedeutendsten Wissenschaftler des vorigen Jahrhunderts und wird - wie auch seine Forschungsergebnisse und -methoden - auch zukünftig nicht vergessen werden. Die Würdigung ist also völlig berechtigt. Nicht aber der inzwischen möglicherweise zum guten Ton gehörende Seitenhieb auf "die 68er". Diese Pauschalisierung hätte L.-S. ziemlich sicher abgelehnt. Abgesehen davon war L.-S. für viele der "68er", für die "emanzipatorischen" Bewegungen überhaupt von außerordentlich großer Bedeutung im positiven Sinne.
3. fiktionale Freiheit
mac4ever 04.11.2009
In einem sind sich die 68ger und die sie als "Gutmenschen" beschimpfende Nachfolgegeneration einig: unsere westliche Kultur beruht auf der Idee der Freiheit des individuellen Entscheidungen jedes Einzelnen. Lèvi-Strauss schlägt nun eine Bresche in diese Grundüberzeugung und ich stimme ihm darin zu. Unsere Welt ist zwar im Laufe der Jahrzehnte immer individualistischer geworden, aber parallel dazu sind auch die uns determinierenden Strukturen immer komplizierter und für den einzelnen undurchschaubarer geworden - so hat sich eigentlich an der Freiheit nichts geändert: sie war und ist zum Teil eine Fiktion. Und soziale Zwänge sind vielleicht nur der sichtbarste Teil dessen.
4. !
Pelayo 04.11.2009
Alles in allem aus heutiger Sicht eine gescheiterter Denker. Voraussetzung für Beziehungsgeflechte ist nun mal die Existenz von Einzelphänomenen, und diese schaffen sich nicht selbst sondern existieren natürlich. So auch der Mensch, der zweifellos existiert; schließlich sind alle Menschen aufgrund gemeinsamer Abstammung Verwandte.
5. Levi-Strauss zu lesen galt als sexy!
cha cha 04.11.2009
Zitat von sam clemens... war tatsächlich einer der bedeutendsten Wissenschaftler des vorigen Jahrhunderts und wird - wie auch seine Forschungsergebnisse und -methoden - auch zukünftig nicht vergessen werden. Die Würdigung ist also völlig berechtigt. Nicht aber der inzwischen möglicherweise zum guten Ton gehörende Seitenhieb auf "die 68er". Diese Pauschalisierung hätte L.-S. ziemlich sicher abgelehnt. Abgesehen davon war L.-S. für viele der "68er", für die "emanzipatorischen" Bewegungen überhaupt von außerordentlich großer Bedeutung im positiven Sinne.
Ganz genau! Levi-Strauss zu lesen galt als sexy! Man konnte die tollsten Frauen herum kriegen, einfach dadurch, dass man zwei, drei Bücher von Levy-Strauss offen neben das Bett legte :-)
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