Zum Tod von Helmut Newton "Nur Mädchen und Fotos im Kopf"

Seine ersten Motive suchte er mit zwölf Jahren in der Berliner U-Bahn. Später wurde er zum Meister der Aktfotografie - und testete die Grenzen des guten Geschmacks. Die einen verehrten Helmut Newton, die anderen beäugten skeptisch seine offenherzigen Frauenporträts. Jetzt kam der 83-Jährige bei einem Autounfall zu Tode.


"Er war ein Gigant": Newton vor einem seiner Bilder
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"Er war ein Gigant": Newton vor einem seiner Bilder

Los Angeles - "Mein Junge, Du wirst in der Gosse enden", sagte der Berliner Knopffabrikant Neustädter, als Helmut Newton ihm mit 15 Jahren seinen Berufswunsch Fotograf gestand. "Du hast nur Mädchen und Fotos im Kopf." Mit der zweiten Feststellung traf der wohlhabende Unternehmer den Nagel auf den Kopf. Aber Newton landete nicht in der Gosse, sondern erzielte als Fotograf Tagesumsätze, von denen sein Vater nur träumen konnte.

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Zum Tod von Helmut Newton: "Nur Mädchen und Fotos im Kopf"

Dabei hatte das Elternhaus durchaus einen entscheidenden Einfluss auf den jetzt im Alter von 83 Jahren tödlich verunglückten Künstler. Sein Bruder Hans nahm ihn schon mit acht Jahren ins Rotlichtviertel mit und zeigte ihm die "Rote Erna", die sich mit ihren hohen Stiefeln und einer Peitsche in die Erinnerung des kleinen Jungen einbrannte.

Als besonders prägende Kindheitserinnerung beschrieb er in seiner Autobiografie auch eine Szene, als sich sein Kindermädchen zum Ausgehen schön machte und halbnackt vor dem Spiegel stand. Die Distanz der Kamera zu ihrem Motiv überbrückte Newton mit einer sehr persönlichen Sicht, nicht nur auf den weiblichen Körper. Zu seinen Werken gehören auch Naturfotografien sowie Porträts - darunter von Prominenten wie Helmut Kohl, Paloma Picasso, Pierre Cardin oder Claudia Schiffer.

Jetzt kam Newton bei einem Autounfall in Los Angeles ums Leben. Nach Angaben einer Polizeisprecherin verlor der 83-Jährige gestern Mittag (Ortszeit) die Kontrolle über sein Fahrzeug, als er den Parkplatz des bekannten Hotels Chateau Marmont am Sunset Boulevard verlassen wollte. Freunde äußerten die Vermutung, dass Newton einen Herzinfarkt am Steuer erlitten haben könnte.

Newton liebte luxuriöse Autos: In diesem verunglückte er jetzt tödlich
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Newton liebte luxuriöse Autos: In diesem verunglückte er jetzt tödlich

Augenzeugen berichteten, Newtons Auto habe plötzlich beschleunigt, die Marmont Lane überquert und sei dann auf der gegenüberliegenden Straßenseite in eine Wand gerast. Newton, ein bekennender Liebhaber luxuriöser Wagen, wurde in das Cedars-Sinai Medical Center gebracht, wo er wenig später seinen schweren Verletzungen erlag. Weitere Personen wurden nicht verletzt.

"Er war ein Gigant", sagte "Playboy"-Gründer Hugh Hefner. "Wir werden ihn sehr vermissen". Newton habe "die Grenzen der Fotografie ausgeweitet" und mit seinen Werken zahllose Fotografen beeinflusst.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, der selbst bereits vor Newtons Kamera stand, sprach Newtons Witwe sein tief empfundenes Beileid aus. "Ich trauere mit Ihnen um einen großen Künstler und großartigen Menschen", schrieb Schröder an June Browne.

In Berlin begab sich Newton als Kind zum ersten Mal auf Motivsuche: Mit zwölf Jahren kauft er sich seine erste Kamera und sucht an Orten wie der Berliner U-Bahn nach interessanten Motiven. Nach dem Abschluss des Unterrichts an der Amerikanischen Schule beginnt Newton mit Unterstützung seiner Mutter eine Lehre bei der Porträt- und Modefotografin Yva (Else Simon). Die Ausbildung endet jedoch vorzeitig unter dem wachsenden Druck der Judenverfolgung. Seine Familie flieht nach Südamerika, er selbst gelangt nach Singapur, wo er als Fotograf für die "Singapore Straits Times" arbeitet.

Wegen seiner deutschen Herkunft wird Newton 1940 nach Australien deportiert, wo er die ersten beiden Jahre in einem Lager verbringen muss, dann aber von der australischen Armee rekrutiert wird. Nach dem Krieg eröffnet er ein kleines Studio in Melbourne, wo er für Hochzeitsfotos engagiert wird und Kataloge bebildert, schließlich aber auch Aufträge für die australische Ausgabe des Modemagazins "Vogue" erhält. In Melbourne lernt Newton auch seine Frau, die Schauspielerin June Browne, kennen. Vor der Heirat 1948 warnt er sie: "Meine Arbeit steht immer an erster Stelle." June wird zu seinem bevorzugten Modell - und umgekehrt. Unter dem Namen Alice Springs ist June selbst als Fotografin unterwegs. Ein Teil der voneinander aufgenommenen Fotos erscheint 1999 in dem Band "Us and Them".

1957 siedelt das Paar nach London über, wo Newton aber nicht richtig Fuß fassen kann. Besser läuft es in Paris, wo er nicht nur für "Vogue", `Elle" und "Queen" auf den Auslöser drückt, sondern auch die besseren Motive findet. Er bewundert Prostituierte wegen ihres "angeborenen Gespürs für Mode, das in der Art zum Ausdruck kam, wie sie sich kleideten, um Kunden anzulocken".

Ein Jahr nach der ersten Ausstellung in der Pariser Galerie Nikon erscheint 1976 Newtons erster Portfolio-Band "White Women". Danach folgen "Sleepless Nights (1978), "Big Nudes" (1982) und "World without Men" (1984). Feministen wie "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer kritisieren Newtons Arbeiten als sexistisch. "Bullshit. Ich liebe die Mädels, das alles ist ein feministisches Missverständnis", antwortet Newton 1996 in einem SPIEGEL-Interview.

Seit 1981 lebte Newton in Monaco. Die Wintermonate verbrachte das Paar jedoch in Los Angeles. Der Heimatstadt Berlin aber bleibt Newton über den Tod hinaus verbunden. "Wenn wir abgekratzt sind, geht alles nach Berlin", sagte Newton erst vor drei Monaten. Damals übergab er mehr als 1000 Werke aus seinem umfangreichen Archiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Fotos sollen ab Juni in wechselnden Ausstellungen in der ehemaligen Kunstbibliothek am Bahnhof Zoo gezeigt werden.

Kanzler Schröder nannte dies in seinem Schreiben an Newtons Witwe eine "großherzige Geste, die selten ist". Er habe die Werke der Stadt gegeben, die ihn als jungen Menschen vertrieben habe. "Aber Helmut Newton war jedes Rachegefühl fremd - er liebte seine Stadt Berlin und hat sie sein Lebtag vermisst."

Anthony Breznican, AP



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