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Zum Tode Barbara Rudniks: Die Geheimnisvolle

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Sie war ein Glücksfall für das deutsche Kino, brachte Raffinesse und Glamour ins Fernsehen: Barbara Rudnik konnte praktisch alles spielen, ob Kommissarin, Überfrau oder Peepshow-Tänzerin. Jetzt erlag die grandiose Minimalistin einem Krebsleiden - sie wurde nur 50 Jahre alt.

Für die Rolle der Femme fatale war sie wie geschaffen. Elegant, schweigsam, abgründig: So müssen Frauen sein, damit Männer ihre gesamten Ängste und Sehnsüchte aufs weibliche Gegenüber projizieren können. Und so war Barbara Rudnik.

Die männerverschlingende Überfrau hat die kühle Blonde trotzdem nur ein einziges Mal gespielt - und zwar ausgerechnet in der Film-noir-Operette "Müllers Büro" 1986, einem ihrer ersten großen Kinoerfolge. Als überirdisch schöne Klientin eines Privatdetektivs nannte sie sich ausgerechnet Ingrid Bergman.

Was als cineastische Pointe gemeint war, kam doch nicht ohne tieferen Sinn daher. Denn tatsächlich kam es einem so vor, als sei Ingrid Bergman während der Vorführung eines alten Filmes von der Leinwand hinabgestiegen. Und nun stand sie da auf einmal in der deutschen Unterhaltungsprovinz und brachte Glamour und Geheimnis in eine Welt, in der sonst nur Gefallsucht und Gelaber herrschten.

Für den deutschen Film war die ehemalige Eisverkäuferin, Buchclubhausiererin und abgebrochene Schauspielschülerin also ein unglaublicher Glücksfall: Sie verlieh noch der kleinsten Fernsehproduktion eine Aura der Unangreifbarkeit, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu spielen.

Große Gesten lagen der Minimalistin so wenig wie aufwendige Kostümierungen; ihren Haarschnitt hat sie in ihren über hundert Arbeiten auch selten verändert. Wieso auch? Für Regisseure und Regisseurinnen stellte ihr stoische Erhabenheit eine Art Garantie dar: Ihr Gesicht wurde über das Vierteljahrhundert im Filmgeschäft immer interessanter, die Schönheit darin blieb.

Sie konnte sich ausziehen - ohne sich dabei zu entblößen

Natürlich, die Kamera liebte sie. Schon 1983 stellte Barbara Rudnik in dem Arthouse-Thriller "Tausend Augen" eine junge Peepshow-Tänzerin dar. Ein bisschen kam hier schon durch, was ihren konstanten Erfolg bedingen sollte: Sie konnte sich auch vor Millionen Augen ausziehen - ohne sich dabei in irgendeiner Form zu entblößen. Seit Anbeginn verstrahlte Rudnik also eine Art wetter-, saison- und millieufeste Würde.

Diese wie angeborene Form der Unangreifbarkeit prädestinierte sie denn auch dafür, alle Arten von professionellen Wahrheitssucherinnen zu spielen. So verkörperte sie unter anderem eine Verfassungsschutzbeamtin ("Tatort: Odins Tod"), eine Gerichtsmedizinerin ("Gefährliche Wahrheit"), eine EU-Politikerin ("Die Leibwächterin") - und natürlich immer wieder Kommissarinnen.

Dass sie als Ermittlerin im 2002 einfallslos erneuerten hessischen "Polizeiruf 110" keine Fortüne hatte und nur zwei Episoden drehte, lag dabei wirklich nicht an ihr, sondern an dem unausgegorenen Serienkonzept. Als Schweriner Polizeipsychologin in der ZDF-Reihe "Solo für Schwarz" zeigte sie indes ab 2003, wie sich unaufgearbeitete deutsch-deutsche Geschichte mit intimsten psychologischen Konflikten zusammenbringen ließ. Dabei spielte sie ihre Ermittlerin Hannah Schwarz bei aller kühlen Professionalität als extrem verletzliche Person.

Denn so zurückhaltend und still Rudnik in ihren Filmen auch Karrierefrauen und Krisenmanagerinnen anlegte - im minimalistischen Spiel schimmerten doch immer seelische Verwerfungen durch. So wurden selbst klassische Genre-Produktionen bei ihr fast immer zu großem psychologischen Kino.

Man nehme nur "Die Mandantin" aus dem Jahr 2005, eine kleine, feine Hitchcock-Variation, wo sie eine an Multipler Sklerose leidende Staatsanwältin spielte, die in ein übles Komplott gerät. Wie man da mit ihr mitlitt! Gleiches galt für den doppelbödigen Serienkillerthriller "Der Sandmann" von 1996, in dem sie eine allzu eifrige Journalistin mimte, die auf grausame Weise in ein Spiel aus Dichtung und Wahrheit gerät. Dafür erhielt sie zu Recht den Grimme-Preis. 2006 folgte dann noch die Goldene Kamera.

Damals wusste die Wahl-Münchnerin schon, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt war. 2008 schließlich ging sie an die Öffentlichkeit, sprach offen über ihr Leiden, ihre Hoffnungen und Ängste. Es war eine absolut selbstbestimmte Offenbarung. So mitteilsam hatte sich die Schauspielerin, die allzu neugierige Talkmaster gerne mit höflichem Lächeln ins Leere laufen ließ, zuvor noch nie über die eigene Person geäußert.

Am Samstagmorgen erlag Barbara Rudnik, die große Geheimnisvolle des deutschen Films, im Alter von 50 Jahren ihrem Krebsleiden.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1. Barbara Rudnik
wattwanderer 23.05.2009
Ich habe Barbara Rudnik immer sehr gerne gesehen aufgrund ihres überaus grossen schauspielerischen Könnens. Ihr allzu frühes Ableben ist ein herber Verlust für alle, die sie liebten und mochten. Den Angehörigen gilt mein aufrichtiges Beileid.
2. .
Ed Roxter 23.05.2009
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-42762.html#backToArticle=626489 Ist doch schon recht nah dran. Außerdem: Wieso sollte man etwas dokumentieren, was keinen weiteren Zweck verfolgt? Welchen Sinn hätte es, die Frau auf dem Sterbebett abzulichten außer der Befriedigung ihrer eigenen (von mir naheliegender Weise unterstellten) Geilheit auf voyeuristische Aktionen?
3. Barbara Rudnik
sam clemens, 23.05.2009
Ich hatte gehofft, sie würde die Krankheit überstehen und überleben. Eine große, schöne Schauspielerin und offenbar eine Frau mit Noblesse.
4. Kampf gegen Krebs
Wilder Eber 23.05.2009
Zitat von sysopSie war ein Glücksfall für das deutsche Kino, ins Fernsehen brachte sie Raffinesse und Glamour: Barbara Rudnik konnte praktisch alles spielen - ob Kommissarin, Überfrau oder Peepshow-Tänzerin. Jetzt erlag die grandiose Minimalistin einem Krebsleiden und wurde nur 50 Jahre alt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,626489,00.html
Ich möchte den traurigen Verlust von Barbara Rudnik zum Anlass nehmen daran zu erinnern dass allein in Deutschland jedes Jahr über 200.000 Menschen an Krebs sterben. Auch dieses Beispiel zeigt, dass es jeden in kurzer Zeit treffen kann. Ich würde mir wünschen, dass der Kampf gegen den Krebs weltweit mindestens mit der gleichen Energie und dem Budget wie der Kampf gegen den Terror geführt wird.
5. Seltsam
Giubar 23.05.2009
Ich finde es seltsam, dass es wegen des Todes einer zugegebenermaßen bekannten Person gleich ein Forum geben muss. OK, als Schauspielerin war sie bekannt und gut, aber das war ihr Beruf. Jeden Tag sterben viele Menschen an Krebs, aber bei "Prominenten" wird ziemlich viel Aufhebens darum gemacht. Siehe auch Schlingensief, der gleich meint, ein Buch darüber schreiben zu müssen. Es gibt alltäglich soviel familiären und persönlichen Schmerz wegen der Krankheit "Krebs", dass es doch eigentlich nur normal ist, dass es auch mal bekannte Personen trifft. Eigentlich unverständlich, dass es viele Veranstaltungen gibt, die sich mit Aids befassen, aber im Verhältnis wenige, die auf Krebs hinweisen. Offensichtlich doch, weil man meint, sich vor Aids schützen zu können, vor Krebs allerdings nicht.
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