Zum Tode Charlton Hestons Der Adler ist gelandet

Monumental-Mime, Waffennarr, Eigenbrötler: Charlton Heston verkörperte wie kein anderer Schauspieler seiner Generation die Zerrissenheit Amerikas zwischen radikalem Individualismus und vereinnahmender Geste. Im Alter von 83 Jahren ist der Oscar-Preisträger nun gestorben.

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Man kann sich schwer entscheiden, welches Bild bleibt, wenn man an die letzten öffentlichen Auftritte von Charlton Heston denkt. Ist es der martialische Moment? Im Jahr 2000, bei der Hauptversammlung der National Rifle Association (NRA), deren Präsident er damals war, stand Heston, damals 76, auf, hob die mitgebrachte Flinte (ein Imitat) über den Kopf, wie damals, als Moses in "Die zehn Gebote", fletschte die Zähne und schmetterte den liberalen Politikern mit ihren Waffenkontroll-Gesetzen entgegen: "Ich gebe euch mein Gewehr, wenn ihr es euch aus meinen kalten, toten Händen holt."

Oder ist es die unheimliche Szene aus Michael Moores Anti-Waffen-Dokumentation "Bowling for Columbine" (2002), als Heston von dem hartnäckigen Filmemacher heimgesucht wird und den aufgeplusterten Links-Propagandisten einfach stehen lässt? Kampflos, ohne ein Wort. Resigniert vielleicht. Oder bereits gezeichnet von der Alzheimer-Krankheit, die im selben Jahr bei ihm diagnostiziert worden war. In einer rührenden Fernseh-Ansprache hatte Heston sich damals von seinem Publikum verabschiedet, "falls er zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr dazu in der Lage sein würde".

Charlton Heston war einer der letzten Stars des alten Hollywood, neben Kirk Douglas einer der letzten starken Männer, der die Ecken und Kanten nicht nur in den vielfach beschworenen und karikierten Granit-Zügen seines Gesichts trug, sondern auch im Herzen und im Charakter. Den Liberalen der Filmbranche galt er spätestens 1998 als Anti-Christ, als er den Vorsitz der NRA übernahm und mit reaktionären Parolen polarisierte.

Das per Verfassung garantierte Recht des Amerikaners, Heim und Herd notfalls mit der Waffe zu verteidigen, war dem alternden Schauspieler wichtig. So ungern der als kontaktscheu und eigenbrötlerisch bekannte Star über sein Privatleben redete, so bereitwilllig bekannte er in Interviews, dass er nicht zögern würde, Diebe und Eindringlinge zu erschießen, wenn seine Familie in Gefahr geriete. Dem demokratischen US-Präsidenten Bill Clinton hielt Heston in seiner Amtseinführung als NRA-Vorsitzender entgegen: "Mr. Clinton, Sir, Amerika vertraut Ihnen nicht das Gesundheitssystem an, Amerika vertraut Ihnen nicht seine 21-jährigen Töchter an, und wir, Herr im Himmel, vertrauen Ihnen ganz sicher nicht unsere Waffen an."

Doch Charlton Heston war nicht immer das konservative Raubein und der eisenharte Bewahrer der ureigensten amerikanischen Werte. Anfang der Sechziger marschierte er als einer der wenigen weißen Hollywood-Stars mit dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King. Erst 1964, nach der Ermordung Kennedys, schloss er sich dem erzkonservativen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater an und wechselte die Seiten. "Ich habe meine Politik nicht geändert, es war die Demokratische Partei, die sich verändert hat", sagte er einmal.

Ein Querkopf, ein gnadenloser Individualist - und ein großer Star, der mit seinem glühenden Blick und seinen zum strahlenden Lächeln oder zehrendem Schmerz entblößten Zähnen Massen bewegen konnte. Der große Monumental-Regisseur Cecil B. De Mille war einer der ersten, der das Potential Hestons erkannte.

Nach einem zufälligen Zusammentreffen engagierte der Hollywood-Mogul den damals vielbeschäftigten, aber noch nicht weltberühmten Schauspieler für die Rolle des Moses in seiner dreistündigen Bibel-Verfilmung "Die zehn Gebote", die 1955 in die Kinos kam. Heston als bärtiger Mose, das rote Meer teilend, die Gebotstafeln über den Kopf erhoben, das sind Bilder, die in die Filmgeschichte eingingen und Heston als perfekten Darsteller für mythische Historien-Figuren auf den Plan rief. Ein US-Kritiker, beseelt von der intensiven, inbrünstigen Spiel des jungen Mannes, erkannte in Hestons Darstellung des gottgesandten Israeliten-Führers auch ein Abbild des klassischen amerikanischen "Frontiersman", der sein ungewisses Schicksal in den Weiten des Wilden Westens sucht.

Heston, 1924 als John Charles Carter in der Keinstadt Evanston, Illinois, geboren, nahm diese Rolle in zahlreichen Western an, zuletzt, und wohl am beherztesten, als alternder, vereinsamter und desillusionierter Cowboy Will Penny in dem gleichnamigen Spätwestern von 1968. Doch nach dem Erfolg der "Zehn Gebote" glänzte Heston zunächst in zahlreichen historischen Rollen: Ob als Michelangelo, als US-Präsident Andrew Jackson, als Johannes der Täufer in einer weiteren Bibel-Verfilmung oder als spanischer Freiheitskämpfer El Cid – Hestons edles, von Kanten-Kinn und Adlernase geprägtes Profil sorgte für Pathos und große Gesten im boomenden Genre des Monumentalfilms.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 06.04.2008
1. Wann geboren?
Kann mal jemand seriös recherchieren, wie alt der Mann nun wirklich war? Manche geben als Geburtstag 04.10.1923 an, manche 04.10.1924. Manche behaupten sogar, er wäre Oktober 1924 geboren und trotzdem 84 Jahre alt. Wenn solche banalen Sachen schon schlampig recherchiert werden, worauf kann man sich dann eigentlich verlassen?
DJ Doena 06.04.2008
2. Und ich sags noch!
Zitat von DJ DoenaKann mal jemand seriös recherchieren, wie alt der Mann nun wirklich war? Manche geben als Geburtstag 04.10.1923 an, manche 04.10.1924. Manche behaupten sogar, er wäre Oktober 1924 geboren und trotzdem 84 Jahre alt. Wenn solche banalen Sachen schon schlampig recherchiert werden, worauf kann man sich dann eigentlich verlassen?
LOL: und da hatte ich den Artikel noch nicht mal gelesen_
Vancouverona, 06.04.2008
3. Ein Filmhinweis fehlt noch
Detective Thorn in "Soylent Green", dem letzten Film von Edward G. Robinson.
Born to Boogie, 06.04.2008
4. by the way
Ähh, jetzt wo Er seine Waffe nicht mehr braucht . . . kann ich sie evtl. bekommen ? Aus seinen kalten, toten Händen natürlich.
imagine, 06.04.2008
5. Knoten in die Knarre
Na dann kann man die NRA doch endlich auflösen. Aber plötzlich, bevor der nächste Krieger den Vorsitz übernimmt.
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