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Zum Tode Christoph Schlingensiefs: Rebell der Republik

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Er wollte ein Aufklärer sein, ein Bußprediger und Mahner. Die größte Wirkung aber hatte Christoph Schlingensief, wenn er mit genialem Blödsinn die Republik aufwühlte. Jetzt hat er den Kampf gegen den Krebs verloren - und das Land einen Künstler, der die Verhältnisse zum Wirbeln bringen konnte.

Gekämpft und doch verloren: Christoph Schlingensief ist tot Fotos
ddp

Am Ende hatte Deutschland einen Kultur-Superstar in ihm gefunden. Einen, den fast alle ganz doll lieb hatten. Aus dem Schund-Filmemacher und Provokationstheaterkünstler, dem umstrittenen Opernregisseur und abseitigen Kunstaktionisten Christoph Schlingensief war plötzlich eine Art Heiligenfigur zu Lebzeiten geworden. Ein Mann, der sich selber wunderte, wie massiv ihm durch sein öffentliches Sterben die Sympathien und die Anerkennung der Menschen plötzlich zuflogen.

"Ich freue mich über die Wärme, die ich zu spüren bekomme", hat Christoph Schlingensief in so einem Moment zugegeben - nur werde ihn das nicht hindern, "den Leuten zu sagen, in was für einer verlogenen Scheiße wir alle leben".

Er wollte ein Aufklärer sein und ein Rebell, ein Bußprediger und Mahner, das war eine seiner Rollen. Und als er im Mai und im Juni zum letzten Mal auf der Bühne stand, in Brüssel und Hamburg und Wien unter anderem, da verkündete er in einem Stück namens "Via Intolleranza II" noch einmal mit allen äußeren Anzeichen des Zorns, dass er selber und die Menschheit zum Scheitern verdammt seien. Die Erdbewohner könnten einander nicht mal helfen, der Liebende nicht seinem Geliebten und der Europäer nicht dem Afrikaner. Wer das erkenne, der müsse einsehen: "Die innere Sintflut bricht los."

Schlingensiefs Abschied
Sieben Wochen vor seinem Tod musste Christoph Schlingensief die Produktion "S.M.A.S.H." für die Ruhrtriennale absagen. In einem Brief an Team und Festivalleitung bedauerte er die Entscheidung - SPIEGEL ONLINE dokumentiert Auszüge:
"Ich vermisse Euch schon jetzt! Euer Christoph"
Es gibt jetzt leider ein paar harte Neuigkeiten, denen sofort nachgegangen werden muss! Meine Ängste während unserer letzten Produktion Via Intolleranza II haben sich leider bestätigt, und schon diese Arbeit war ein harter Kampf, den ich nur mit Eurer Hilfe bewältigen konnte.

Bitte versteht mich, wenn ich jetzt Zeit brauche und eben nicht darüber phantasieren möchte, ob ich in dieser Situation nicht die Möglichkeiten mich künstlerisch auszudrücken, gerade nutzen sollte. Die Zeit verlangt aber gerade den reinen Realismus, und der Ausdruck kommt so oder so. Ob durch mich oder andere, die darüber ihre eigenen Existenzfragen beantworten wollen. Vielleicht kann S.M.A.S.H. sogar später noch stattfinden. Die Erfahrungen gehen doch weiter, und die damit verbundenen Gedanken werden sowieso einfließen ... Aber bitte lasst (meiner Frau) Aino, meinen Freunden und mir jetzt diese Zeit, und Willy Decker und Ulrich Khuon haben das auch sofort verstanden.

Es ist für uns alle sehr bitter ... aber ich sehe nach sehr gründlichen und traurigen Überlegungen: diese Arbeit zu diesem Zeitpunkt würde keine Kraftspende, sondern nur ein höchstriskantes "Spielchen" werden, das nur den einen Zweck hätte, nämlich so zu tun, als wäre die beste Therapie: Augen zu und durch. Und das darf jetzt auf keinen Fall passieren.

Aino und ich haben uns unglaublich auf diese Arbeit gefreut. Wieder bei der Ruhrtriennale arbeiten zu können, die mir schon vor zwei Jahren zu Beginn dieser nicht enden wollenden Krise sehr geholfen hat, wäre für mich eine große Ehre gewesen! Aber nun heißt es, schnell auf die neuen Befunde reagieren, und dann erst sehen wir weiter. Ich danke Euch allen und vermisse Euch schon jetzt! Ich hoffe sehr, dass wir die jetzt entstandene Situation bewältigen werden.

Euer Christoph!
Die größte Wirkung auf Deutschlands Kulturwelt aber hatten möglicherweise nicht Schlingensiefs Weltverzweiflungsarien und nicht seine heute schon verklärte Aufmöbelung der Bayreuther Opernwelt mit dem "Parsifal" von 2004; die nachhaltigsten Folgen hatten auch nicht seine oft blutrünstigen Katastrophenfilme und seine vogelwilden Theaterinszenierungen - die größte Wirkung hatte vielleicht doch eher der geniale Blödsinn, mit dem dieser Künstler den gepflegten deutschen Kulturschrebergarten aufwühlte.

Da war zum Beispiel Schlingensiefs legendärer Aufruf zur Bundestagswahl 1998. Mithilfe der Anhänger seiner eigens gegründeten Partei "Chance 2000" und sämtlicher deutscher Arbeitsloser wollte er das Urlaubshaus des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl fluten - durch gleichzeitiges Baden im Wolfgangsee in Österreich. Und da war die Ankündigung, für die Aktion "Rettet den Kapitalismus" 10.000 Zehn-Mark-Geldscheine vom Berliner Reichstagsgebäude fliegen zu lassen. Slogan: "Schmeißen Sie das Geld weg und retten Sie die Marktwirtschaft!"

Schlingensief, der Apothekersohn aus Oberhausen, hat durch solche in der Umsetzung oft kläglich verläpperten Einfälle einen heiteren Irrsinn offenbart. Er hat die Verhältnisse zum Wirbeln gebracht, wie das vor ihm im Nachkriegsdeutschland vielleicht nur Joseph Beuys gelang.

Als Leidender, als heiliger Narr wurde Schlingensief berühmt

Schlingensiefs stets (und öfter ohne erkennbares Ziel) rasende Phantasie machte ihn für Freunde und Feinde undurchschaubar. Als er 1997 auf einem Plakat zur Tötung des Bundeskanzlers aufrufen ließ, wurde er auf der Kasseler Documenta verhaftet und von den Feuilletonisten als billiger Provokateur geschmäht. Wenn er in der Berliner Volksbühne mit einem Megafon ins Publikum brüllte und sich das Hemd vom Leib riss, um zu zeigen, wie ihm die deutsche Politik gefährliche Allergiepusteln auf die Haut brennt, dann johlten die Zuschauer und ächzten die Rezensenten.

Als Leidender, als heiliger Narr, der die Übel der Welt persönlich nimmt, wurde Schlingensief berühmt. Für Filmprojekte wie das Pubertätswerk "Rex, der Mörder von London" und den späteren Klassiker "Das deutsche Kettensägenmassaker" ließ er üppig (und notfalls auch eigenes) Blut fließen.

Für Theaterabende wie "Rocky Dutschke" in der Berliner Volksbühne sprang er mit eitrigen Blasen auf der nackten Brust durchs Publikum. Der Gedanke, dass seine Kunst eine einzige üble Krankheit sei, ist keine üble Verleumdung seiner Verächter - sondern eine alte Grundüberzeugung des Entertainers und Selbstinszenierungskünstlers Christoph Schlingensief.

Schon als Teenager empfand der Autodidakt Schlingensief einen Hang zum Trash, so hat er selbst behauptet. Er drehte Schmalfilme, die zum Beispiel Titel trugen wie "Wer tötet, kommt ins Kittchen". Dann lernte er den Experimentalfilmer Werner Nekes kennen, der ihm das Kino zu einer noch schrägeren und brutaleren Kunst hindeutete. In München arbeitete der Student Schlingensief dann unter anderem als Assistent beim Kinoroutinier Franz Seitz - fürs Mainstreamkino aber war er da schon verloren.

Der Außenseiter Schlingensief hat es mit einem seiner schraddeligen, kunterbunt durcheinander erzählenden Autorenfilme namens "United Trash" dann sogar mal bis ins Programm der Filmfestspiele in Cannes geschafft. Trotzdem empfand er es selbst als erlösenden "Glücksfall", als er 1993 an die Berliner Volksbühne gerufen wurde - später erinnerte er sich: "Ich hatte ein paar Filmchen gedreht, hing sonst aber nur rum."

Als ähnliche Form der Rettung empfand er zehn Jahre später den Ruf zur Oper und zur Bildenden Kunst. Nirgends hielt er es lange aus, ständig schwirrte sein Schädel von neuen Projekten und Einfällen. "Passion impossible" hieß eine seiner Theaterarbeiten.

So aggressiv und abstoßend aber die Szenen und Geschichten manchmal wirken mochten, die in seinem Kopf entstanden, der Künstler Schlingensief selbst verstrahlte von Anfang an eine irritierende Liebenswürdigkeit und Liebesbedürftigkeit. Gut möglich, dass sich aus diesem scheinbaren Widerspruch auch die Kraft seiner Kunst nährte.

"So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!"

Ganz sicher aber schlug Schlingensiefs poetische Herzlichkeit die Zeugen seines öffentlichen Sterbens in Bann. Anfang 2008 erfuhr er, dass er an einer besonders aggressiven Krebsart erkrankt war. Er ließ sich bestrahlen und mit Tabletten behandeln. "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein!" hieß sein Krebstagebuch. In Interviews sagte er selbstzerknirschte Sätze wie: "Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte, weil ich nie wusste, wie man glücklich wird." Und im Sommer 2008 zeigte er beim Festival Ruhrtriennale das Spektakel "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir". Eine grandiose Feier seiner sehr vorläufigen Errettung. Mit flackernden Kerzen und Chorgesang, Kindheitsfotos und Filmbildern aus der Klinik, die ihn auf einem Bett liegend zeigen, wie er elend schluchzt: "Bitte nicht berühren!"

"Aus mir bricht eine große Wut, eine große Bösartigkeit aus", hat Schlingensief damals behauptet. In Wahrheit waren seine Auftritte und Theaterarbeiten der letzten Monate, sein Trommeln für die Gründung eines so genannten Operndorfs im Burkina Faso bei allem Furor weniger von Zorn als von einer hinreißenden Genauigkeit und emotionalen Hitzigkeit geprägt.

Aller finale Versöhnungskitsch blieb ihm fremd. "Ich stolpere durch ein Horrorgebiet", schrieb Christoph Schlingensief im April in einer E-Mail über seine Angst vor dem Tod, aber noch habe er "sozusagen Spielzeitverlängerung."

Das Spiel, das nun, ein paar Wochen vor Schlingensiefs 50. Geburtstag, zu Ende ist, hat sich durch einen Spaß und eine Leidenschaft ausgezeichnet, für die wir dankbar sein sollten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 205 Beiträge
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1. die Daxenbergers und jetzt der Schlingensief
Kampfbuckler, 21.08.2010
Verfechter eines alternativen grünen Lebensstils. In Verantwortung vor deren Kindern sollten mal die Ursachen medizinisch tabulos, das heißt wissenschaftlich korrekt, erforscht werden.
2. traurig
zynik 21.08.2010
Zitat von sysopEr wollte ein Aufklärer sein, ein Bußprediger und Mahner.*Die größte Wirkung aber hatte Christoph Schlingensief, wenn er mit genialem Blödsinn*die Republik*aufwühlte. Jetzt hat er den Kampf gegen den Krebs verloren - und das Land einen Künstler, der die Verhältnisse zum Wirbeln bringen konnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,713102,00.html
Traurig, dass die Guten immer so früh gehen müssen. Machs gut, Christoph. Du hinterlässt eine große Lücke.
3. Welch ein Verlust eines grandiosen Künstlers!
fear_less 21.08.2010
Ich bin bestürzt über diese traurige Nachricht, die ich seit geraumer Zeit zwar befürchtet, aber doch irgendwie durch immer wieder aufflammende Hoffnung verdrängt bzw. weg gewünscht habe. Möge sein wunderbares Projekt, das Operndorf in Burkina Faso, in seinem Sinne und in seinem Gedenken vollendet werden. RIP, Christoph Schlingensief! Ein toller Typ! A real mensch!!
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
El Ackabar, 21.08.2010
Zitat von sysopEr wollte ein Aufklärer sein, ein Bußprediger und Mahner.*Die größte Wirkung aber hatte Christoph Schlingensief, wenn er mit genialem Blödsinn*die Republik*aufwühlte. Jetzt hat er den Kampf gegen den Krebs verloren - und das Land einen Künstler, der die Verhältnisse zum Wirbeln bringen konnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,713102,00.html
Wenn Claudia Roth wie immer so unheimlich betroffen ist, fällt's einem immer schwer, auch betroffen zu sein. Schlingensief hat viel dämlichen Unsinn gemacht, der nur deshalb zu Kenntnis genommen wurde, weil er eben von Schlingensief kam und man mit "Kunst" prinzipiell alles rechtfertigen kann. Und manchmal erbärmlich feige, wenn es (juristisch) ernst wurde. Beispiele: Als bei seinem Aufruf "Fäkieren Sie auf die Deutschland-Fahne!" sich unvermeidlich ein Konservativer nicht entblödete, ihn wegen Flagenverunglimpfung anzuzeigen, versuchte er sich damit herauszureden, das "fäkieren" ja doch kein richtiges Wort sei (das wäre: "defäkieren"). Oder als Meir Mendelssohn auf einer seiner Veranstaltungen das Publikum aufforderte, laut im Chor "Judensau!" zu rufen, wollte Schlingensief auf einmal nichts zu tun gehabt haben (Quelle: http://www.trend.infopartisan.net/trd1299/t201299.html) - kann man allerdings außer als Feigheit mit Milde auch als Satire auf Nachkriegsgeisteshaltungen deuten. Von den peinlich "Tötet Helmut Kohl"- und "Kohl fickt kleine Kinder"-Ausbrüchen, um allzu offensichtlich - und oberflächlich - aufrechte CDU-Anhänger tüchtig zu provozieren, mal ganz abgesehen. Da konnte man sich als Progressiver kräftig selbst auf die Schulter klopfen, es "Birne" mal so richtig gezeigt zu haben, aber dabei blieb es dann. Schade, dass die wirklichen Aktionen mit Schneid, etwa der Asylbewerber-Big-Brother-Container, dadurch viel von ihrer Schlagkraft verloren haben.
5. Er wird mir fehlen
Emil Peisker 21.08.2010
Zitat von sysopEr wollte ein Aufklärer sein, ein Bußprediger und Mahner.*Die größte Wirkung aber hatte Christoph Schlingensief, wenn er mit genialem Blödsinn*die Republik*aufwühlte. Jetzt hat er den Kampf gegen den Krebs verloren - und das Land einen Künstler, der die Verhältnisse zum Wirbeln bringen konnte. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,713102,00.html
Er war erfrischend offen und hatte keine Furcht vor großen Namen. Er hatte ein sehr persönliches Verhältnis zu seinem Gott, dass sich nicht an orthodoxe Richtlinien nageln ließ. Seine Kunst war niemals abgehoben, Kunst war für ihn die Projektion des trivialen Alltäglichen auf die Bühnenwelt. Er wird mir fehlen.
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