Zum Tode Dennis Hoppers: Böse Fratze eines schönen Traums
War Dennis Hopper ein Rebell? Nicht wirklich, denn der "Easy Rider"-Regisseur und "Blue Velvet"-Bösewicht stellte den Filmbetrieb mit geradezu puritanischer Pflichtversessenheit auf den Kopf. Die vielen Drogen waren da nur ein Mittel zum Zweck - Nachruf auf einen Radikal-Charakter.
80-mal musste er die Szene wiederholen. Am Ende spielte Dennis Hopper sie schließlich doch noch so, wie es von ihm verlangt wurde. 1958 war das, am Set für den längst vergessenen Western "From Hell To Texas". Danach sagte ihm der mächtige Regisseur Henry Hathaway, dass seine noch nicht wirklich voll entfaltete Hollywood-Karriere mit sofortiger Wirkung beendet sei.
Als Hopper gut zwei Jahrzehnte später - über aufreibende Umwege hatte er es doch zu einer Art etwas anderem Filmstar geschafft - in "Apocalypse Now" einen Kriegsfotografen verkörperte, stieß auch Francis Ford Coppola bei ihm an seine Grenzen: Hopper spielte den durchgeknallten Knipser an allen Drehbuchvorgaben vorbei. Ob unabsichtlich oder mutwillig, war nicht ganz klar - der Künstler war in jenen Tagen eigentlich durchgehend stoned.
Zwischen "From Hell To Texas" und "Apocalypse Now" liegen immerhin 20 Jahre, in denen Hopper so ziemlich jede modische und jede abseitige Droge ausprobiert hat. Das Austicken, das Wegbeamen, das Über-Grenzen-Gehen verstand er als Pflichtprogramm. "Ich war damals schrecklich naiv", sagte er einmal in einem späten Interview. "Ich dachte, je verrückter ich mich verhielt, desto besserer würde ich als Künstler sein. Und es gab eine Zeit, da hatte ich eine Menge Energie, um dieses Verrücktsein auszuspielen."
Das im Zusammenhang mit Hopper immer wieder benutzte Wort "Rebell" passt deshalb nur bedingt - seine Unkontrollierbarkeit betrieb er ja mit geradezu puritanischer Beflissenheit. Im Grunde waren viele seiner berüchtigten Auftritte als Schauspieler, aber auch als Regisseur, einfach nur riskante Versuchsanordnungen. In den sechziger und siebziger Jahren war der keiner Chemikalie oder Naturdroge gegenüber abgeneigte Allround-Artist gleichsam für die Gegenbewegung ein Testlabor auf zwei Beinen. Und manchmal - Berufsrisiko des Künstlers würde er das wohl genannt haben - flog ihm eben der ganze Laden um die Ohren.
Aufbruch und Apokalypse lagen bei Dennis Hopper also immer ganz dicht beisammen. Am deutlichsten wird das bei dem 1969 unter seiner Regie fertiggestellten und in Kooperation mit seinem Kumpel Peter Fonda ersponnenen Roadmovie "Easy Rider", der Amerikas Filmwelt verändert hat wie kein zweiter Film dieser Epoche. Der on location gedrehte Motorrad-Trip durch Amerikas Südwesten schuf ganz neue Arbeitsstrukturen in Hollywood und lieferte den Nährboden für eine Generation von Filmemachern, die dem damals schon maroden, schwerfälligen Prunk des klassischen Studiosystems ein schlankes und aufsässiges Erzählen entgegensetzte. New Hollywood war geboren, und Hopper war die Hebamme, die mit blutigen Händen der Welt dieses hässliche schreiende Balg entgegenhielt.
Zwiespältige Haltung zur Gegenbewegung
Auch wenn "Easy Rider" immer wieder im Rückblick zur Hippie-Hymne verklärt wurde - die darin beschriebene Suche nach dem wahren Amerika offenbarte eine durchaus zwiespältige Haltung zur Gegenkultur. Der auf Choppern und zeittypischen Drogen angestrebten Entgrenzung folgte ein kalter Kokskater. Tatsächlich machte der Film - ein echter Kassenhit, der zudem zu einigen Oscar-Nominierungen führte - das weiße Pulver zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Die kolumbianische Mafia dürfte Hoppers Meisterwerk gefeiert haben; das gigantische Anwachsen der Kokain-Industrie Anfang der Siebziger ist wohl auch dieser Low-Budget-Produktion geschuldet.
Hopper selbst nahm danach vom Universal-Studio nur zu gerne eine Million Dollar an, um mit einer Truppe Langhaariger in den Anden von Peru "The Last Movie" zu drehen, ein psychedelisches Bildgewitter, das von den Dreharbeiten eines Filmes erzählt. Wie im Wahn schnitt der Regisseur später in seiner Villa an dem Material herum - und ließ derweil schwer bewaffnete Wächter ums Anwesen patrouillieren. Die koksbedingte Paranoia hatte ihn voll im Griff. Das 1971 veröffentlichte Resultat war ein grandios irrer Film; leider aber hatte man die Droge, mit deren Hilfe man ihn vielleicht hätte verstehen können, noch nicht erfunden. "The Last Movie" fiel komplett durch - und wäre auch beinahe Hoppers letzter Film gewesen.
So verbrachte er die siebziger Jahre in für ihn ungewohnt unproduktiver Weise - drehte allerdings in Australien in beängstigend zauseliger Aufmachung den großartigen Buschmannfilm "Mad Dog" und in Deutschland mit Wim Wenders "Der amerikanische Freund". Fans in Frankreich versorgten ihn zudem durch kleinere Produktionen mit Finanzspritzen.
Richtig durchstarten konnte er aber erst wieder, als er in den Achtzigern den harten Drogen abschwor. Umso mehr allerdings spielte er das Image aus, das er sich zuvor als Hollywoods berühmtester Junkie erworben hatte. Wie viel echter Hopper wohl in all den Psychopathen steckte, die er mit aufgerissenen Augen verkörpert hat? Das war die Frage, die noch den letzten Aufguss seiner angestammten Rolle in einer stumpfen B-Produktion zur schillernden Performance machte. Hopper nahm in den letzten Jahrzehnten fast jedes Angebot an, schon weil er wegen aufwendiger Scheidungs- und Sorgerechtsschlachten ständig Geld brauchte.
Menschwerdung des Bösen
Da übersieht man leicht, wie hoch reflektiert er seine Menschwerdungen des Bösen anlegte. Am besten kann man das an David Lynchs Gewaltschocker "Blue Velvet" studieren, für den er 1986 einen asthmatischen Frauenschänder spielt: Durch den Mund zieht dieser Charakter gierig per Maske Sauerstoff ein und durch die Nase Poppers, jene damals noch fast unbekannte Droge, die vor allem in der Schwulen- und SM-Szene zur Instant-Enthemmung eingenommen wird.
In diesem Zusammenhang ist auch die Deutung des Lynch-Filmes interessant, die der slowenische Psychoanalytiker und Kulturkritiker Slavoj Žižek in seinen berühmten Forschungen zum "Kino des Perversen" angestellt hat: Was, wenn die grausamen Erniedrigungen in "Blue Velvet" nur Teil eines sadomasochistischen Rollenspieles sind, in dem Bösewicht Hopper auf denkbar konsequenteste Weise den abverlangten Part spielt?
Auf jeden Fall bietet das ein stimmiges Bild für die Rolle, die er immer wieder mit offensichtlich niemals versiegender Lust auf sich genommen hat: die böse Fratze dieses schönen Traums namens Film.
Seiner Wirkungsmacht war sich Hopper dabei immer bewusst. Auch arbeitete er nie so instinktiv, wie es viele seiner betont rohen Auftritte vermuten lassen. Der Haudrauf wusste durchaus, wie man behutsam Bilder setzte. Es soll James Dean (neben dem er in einer ersten kleineren Kinorolle in "Denn sie wissen nicht, was sie tun" 1955 zu sehen war) gewesen sein, der ihn ermutigt hatte, zu fotografieren. Es entstanden im Laufe der Jahre etliche Fotobücher, für die Hopper Zeitgenossen in ungewöhnlichen Zusammenhängen zeigte.
Einen seiner letzten Filmauftritte hatte Dennis Hopper, bei dem schon vor zehn Jahren Prostatakrebs diagnostiziert worden war, in Wim Wenders Todesspiel "Palermo Shooting" 2008. Da spielte er, glatzköpfig und ohne Augenbrauen, den Tod, der Zwiesprache mit einem dekadenten Modefotografen hält: Während er in der Rolle gegen digitale Bildbearbeitung und unauthentisches Dasein wettert, spricht dieser Mister Death: "Die Angst vor dem Leben ist die Angst vor dem Tod!"
Beide Ängste sind dem Radikal-Schauspieler und Hollywood-Erneuerer offensichtlich fremd gewesen. Am Sonnabend erlag Dennis Hopper im Alter von 74 Jahren in seinem Haus in Venice, Los Angeles seinem Krebsleiden.
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