Zum Tode von Alfred Neven DuMont Der Gutsherr

Alfred Neven DuMont war einer der wichtigen Zeitungsverleger des Landes - und eine Persönlichkeit, die polarisierte. Inhaltlich meisterte er den Spagat zwischen Hochkultur und Boulevard.

Alfred Neven DuMont
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In den Spätneunzigern erzählte einmal ein Kollege vom Kölner "Express" in gemütlicher Runde folgende Geschichte: Wenige Tage zuvor habe er in der Redaktion gesessen und den Arbeitstag eigentlich schon fast hinter sich gehabt. Da sei "der Alte" hereingestürmt, der Verleger, wutschnaubend, und habe alles umgeworfen: Alles neu, habe er verlangt, und einen Artikel über den "Baustellen-Wahnsinn" in der Kölner Innenstadt eingefordert. Einen Aufmacher!

Hektik, Umbau, schnell Fotos heranschaffen!
In Windeseile habe die Seite neu gestanden und mächtig Stimmung gemacht: So nicht, so sei das eine Zumutung, damit müsse endlich Schluss sein, informierte und agitierte der "Express" seine Leser.

"Was ist denn passiert?", habe der Kollege ganz leise gefragt.
"Der stand im Stau!" antwortete ein Informierter.

Die Runde lachte brüllend.
Unfassbar, sagte einer, dass es sowas noch gibt!
"Verlag nach Gutsherrenart!", prustete ein anderer.

Und trotzdem war Alfred Neven DuMont an diesem Abend unser Held. Wir lachten über die Szene, aber nicht wirklich über ihn. Mit seinem Schlagzeilen produzierenden Wutausbruch erinnerte er uns daran, wie das Mediengeschäft vielleicht einst einmal gewesen war. Irgendwie, fühlten wir, war er einer der letzten seiner Art.

Publizist und Business-Mann

Alfred Neven DuMont hatte die deutsche Zeitungsszene ab 1953 mitgeprägt. Er war nicht nur Verwalter eines Verlagserbes, das er von seinem Vater Kurt Neven DuMont übernommen hatte, sondern Gestalter einer wachsenden Mediengruppe, die er von regionaler zu bundesweiter Bedeutung führte. Seine erste eigene Zeitung gründete er 1964 - eben den "Express".

30.09.2014: Noch einmal spricht Alfred Neven DuMont auf dem Zeitungskongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in Berlin. Von 1980 bis 1984 war er Präsident der einflussreichen Organisation.
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30.09.2014: Noch einmal spricht Alfred Neven DuMont auf dem Zeitungskongress des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) in Berlin. Von 1980 bis 1984 war er Präsident der einflussreichen Organisation.

Wenn man so will, war Alfred Neven DuMont tatsächlich ein Gutsherr im deutschen Mediengeschäft. Ein Verleger alter Schule, der sich einmischte, Richtungen vorgab, souverän Entscheidungen fällte. Ob er für die immer Applaus bekam, steht auf einem anderen Blatt, aber auch das ist ja typisch: DuMont leistete sich bis zuletzt Entscheidungen, die in börsennotierten Medienkonzernen, in Unternehmen mit tief gestaffelten Hierarchien und verteilten Autoritäten so nicht unbedingt fallen würden.

Dass er sich dabei stets zwischen extremen Polen zu bewegen schien, war in seiner Person angelegt. DuMont stiftete Kunstpreise und ließ sich - als junger Mann - als "Alfred I." zum Karnevalsprinz krönen. Er war Vorsitzender des Verlegerverbandes, aber auch acht Jahre lang Präsident der IHK Köln. Er war studierter Philosoph, feingeistiger Kunstsammler und -Mäzen, aber eben auch Boulevard-affiner Verleger und knallharter Geschäftsmann.

Dabei folgte er Leidenschaften, beendete seine Engagements aber auch konsequent, wenn es nötig wurde: Die Mehrheit an der "Frankfurter Rundschau" kaufte er, weil er bis zuletzt an das Modell Zeitung glaubte. Doch das hinderte ihn nicht, mit dem eisernen Besen durch die Strukturen neu erworbener Objekte zu fegen, Stellen zu streichen, Redaktionen zusammenzulegen, Unternehmen auf Effizienz zu trimmen. Neven DuMont war definitiv kein Nostalgiker - und von vielen so gefürchtet wie von anderen bewundert. Er polarisierte.

Alfred Neven DuMont mit Ehefrau Hedwig (l) und Tochter Isabella: Ein Leben zwischen Familie, Kultur und Geschäft.
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Alfred Neven DuMont mit Ehefrau Hedwig (l) und Tochter Isabella: Ein Leben zwischen Familie, Kultur und Geschäft.

Kaum etwas zeigte seine Konsequenz so deutlich wie der Konflikt mit seinem Sohn Konstantin, einst als Kronprinz des Unternehmens gehandelt. Konstantin Neven DuMont setzte auf Digitalisierung, doch da wollte der Vater, der selbst zu den Pionieren digitaler Zeitungsprojekte in Deutschland zählt, nur in Maßen mit. Der Streit schaukelte sich zum Eklat auf, bis der Senior die Sache beendete: Er enthob den Sohn seiner Funktionen und schmiss ihn im November 2010 regelrecht raus. Ein Gutsherr lässt sich von den Erben nicht sagen, was er zu tun oder lassen hat: Das Wohl der Firma steht an erster Stelle. Das ist das Erbe.

Und doch wurde der Streit als Vorzeichen des Endes einer Ära gelesen. Alfred Neven DuMont, der erst im März 88 Jahre alt geworden war, wusste natürlich, dass seine Zeit zu Ende ging. Im Januar gab er seine leitenden Funktionen an Christian DuMont Schütte ab, mütterlicherseits ein Spross der zweiten Linie der Familie, die einst an der Gründung des Unternehmens beteiligt war.

"Mit Alfred Neven DuMont", ließ DuMont Schütte am Sonntag per Pressemitteilung wissen, "ist eine herausragende Persönlichkeit von uns gegangen, die das Unternehmen mehr als ein halbes Jahrhundert lang entscheidend geprägt hat."

So etwas sagt und schreibt man, wenn ein Großer geht. Manchmal ist es auch wahr: Alfred Neven DuMont war eine Verlegerpersönlichkeit von Format. Umstritten, mitunter gefürchtet, aber auch bewundert und respektiert. Ein Name, der für etwas stand. Es gibt nicht mehr viele davon.



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