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Zum Tode Hanns Dieter Hüschs: "Moralist reinster Prägung"

Zahlreiche Kabarett-Kollegen und Politiker haben sich bestürzt über den Tod des Humoristen Hanns Dieter Hüsch gezeigt. Dieter Hildebrandt bescheinigte dem gestern Abend Verstorbenen eine "geniale Begabung", Kurt Beck (SPD) nannte Hüsch einen "Meister der Sprache".

Mainz - Der Poet und Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch war in der Nacht zum Dienstag nach langer Krankheit im Alter von 80 Jahren gestorben. Seine Geburtsstadt Moers am Niederrhein bereitet nach Angaben einer Sprecherin ein "Ehrenbegräbnis für den Ehrenbürger" vor, will aber noch die Zustimmung der Familie abwarten.

Kabarettist Hüsch: "Der Mann mit der Orgel ist tot"
DDP

Kabarettist Hüsch: "Der Mann mit der Orgel ist tot"

Als einen "Moralisten reinster Prägung" bezeichnete der Kabarettist Dieter Hildebrandt seinen Kollegen. Hüsch habe eine nahezu geniale Begabung gehabt, sagte Hildebrandt im WDR-Rundfunk. Über den Stil Hüschs sagte er: "Es war Hüsch-Kabarett, etwas ganz eigenes." Bruno Jonas nannte Hüsch einen seiner größten Kollegen: "Wir sind alle sehr traurig. Der Mann an der Orgel ist tot. Mit seinen sehr einfachen Akkorden konnte er sehr unterhaltsam große philosophische Weltgebäude bauen."

Der Mitbegründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, Hans Jürgen Diedrich, sagte: "Er war kein Kabarettist, er war mehr ein skurriler Philosoph. Er war ein sehr gebildeter Mensch, seine Auftritte waren sehr fein, sehr gut überlegt." Der Chef des traditionsreichen Düsseldorfer Kabaretts Kom(m)ödchen, Kay S. Lorentz, nannte es beeindruckend, wie Hüsch "jenseits eines schnellen Erfolges als Person mit großer Integrität" sein künstlerisches Ziel verfolgt habe.

Dieter Nuhr, Kabarettist und Wegbegleiter Hüschs, würdigte seinen verstorbenen Kollegen als einen frei denkenden Menschen, der ihn in den neunziger Jahren überhaupt erst dazu gebracht habe, selbst aufzutreten. Im Deutschlandradio Kultur sagte Nuhr: "Er hat zur linken Bewegung irgendwie dazu gehört, aber irgendwie auch nicht, weil er nicht jeden Unsinn, der da verzapft wurde, gleich mitgesprochen hat."

Der Kabarettist Dieter Hallervorden würdigte Hüsch als einen "einzigartigen und ungewöhnlichen Kollegen", der als engagierter Christ in der Kabarett-Zunft eine Sonderrolle eingenommen habe. "Er hat seinen Glauben auch gelebt", sagte der 70-Jährige der dpa. Hüsch gastierte Jahrzehnte lang bei Hallervordens "Wühlmäusen" in Berlin, wo sich die Kollegen auch privat schätzen lernten. "Das Besondere an ihm war auch, dass er sich nie einem Zeitgeist angehängt hat, auch nicht 1968, als viele auch seiner Kollegen meinten, die Weltrevolution steht vor der Tür. Er hatte vor allem poetische Gaben."

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ehrte den Kabarettisten als einen "philosophischen Schelm". "Das schwarze Schaf vom Niederrhein (...) war eigentlich ein "bunter Hund", bekannt in ganz Deutschland und darüber hinaus", sagte Lammert. ZDF-Intendant Markus Schächter nannte Hüsch einen "ungewöhnlichen und enorm vielseitigen Kabarettisten". WDR-Intendant Fritz Pleitgen bezeichnete Hüsch als "unbeirrbaren Humanisten". Der WDR plant anlässlich des Todes von Hüsch mehrere Sondersendungen in Hörfunk und Fernsehen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) beklagte den Tod Hüschs als einen "schmerzlichen Verlust" für die "große Kleinkunst in Deutschland". Mit Hanns Dieter Hüsch habe Deutschland einen Mahner verloren, der alle immer wieder daran erinnert habe, das Menschliche nicht aus dem Blick zu verlieren, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) würdigte Hüsch als großen Künstler und Menschenfreund. "Mit seiner Kunst hat er für mehr Toleranz, Demokratie und Gerechtigkeit gekämpft", sagte Beck. "Hanns Dieter Hüsch war der wortmächtige Dichter des deutschen Kabaretts, ein Meister der Sprache und der leisen und lauteren Töne." Der "poetische und philosophische Unterhaltungskünstler" habe sich nicht nur auf Kleinkunstbühnen, sondern auch auf politischen Bühnen engagiert, "bei Kirchentagen wie bei Demonstrationen".

Beck erinnerte auch daran, dass Hüsch die Hälfte seines Lebens in Mainz verbracht und dort auch seine künstlerischen Anfänge erlebt habe. Als junger Mann habe er nach dem Krieg zudem an der Mainzer Gutenberg-Universität studiert. Der Ministerpräsident drückte Hüschs Witwe Christiane Rasche-Hüsch und der Tochter Anne Hüsch sein Beileid aus. "Im Deutschen Kabarett-Archiv in Mainz steht Hanns Dieter Hüschs alte Orgel und weht sein Geist", sagte Beck: "Hier wird er präsent bleiben und unvergessen für sein treues Publikum."

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