Zum Tode Horst-Eberhard Richters Reflexion und Aktion

Runter von der Couch: Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter war einer, der mit seinen Erkenntnissen und Fähigkeiten hinausging in die Welt, um sie zu verbessern. Sein Kollege Christian Schneider erinnert sich an einen Tatmenschen, dessen Schaffen für zwei Leben gereicht hätte.

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Seine Lebenserinnerungen schrieb Horst Eberhard Richter noch bevor er das Pensionsalter erreicht hatte, sie erschienen 1986 unter dem Titel "Die Chance des Gewissens". Wieder einmal war er schneller gewesen als alle anderen. Zu dem Zeitpunkt galt er, der Inhaber des Gießener Lehrstuhls für Psychosomatik und Direktor des Zentrums für Psychosomatische Medizin, längst als Deutschlands bekanntester Psychoanalytiker, hinter ihm lag ein schriftstellerisches, therapeutisches und organisatorisches Werk, das spielend für zwei Leben gereicht hätte.

Nur er selber wäre seinerzeit nicht über die Prognose erstaunt gewesen, dass er in der ihm verbleibenden Zeit noch einmal ein solches "Lebenswerk" vorlegen würde. 1992 übernahm er fast 70-jährig die Leitung des damals kriselnden Sigmund Freud-Instituts (SFI) in Frankfurt am Main: "kommissarisch", wie es hieß. Er wolle für den Übergang sorgen - und gab sich maximal fünf Jahre Zeit dafür. Ich, damals jüngster Mitarbeiter des SFI, wettete dagegen. Als sein sechstes Direktioriatsjahr anbrach, händigte er mir unaufgefordert und lächelnd den Wetteinsatz aus: drei Champagnerflaschen.

Das Institut verließ er nach zehn Jahren, in denen er es gründlich umgekrempelt hatte. Aus dem analytischen Elfenbeinturm war eine Forschungseinrichtung geworden, die wieder die ursprünglichen Intentionen ihres Gründers, Alexander Mitscherlich, aufgenommen hatte: Die Psychoanalyse nicht nur als "klinische Spezialität" zu vertreten, sondern ihre gesellschaftsdiagnostische und -kritische Kompetenz öffentlich zu demonstrieren. Psychoanalyse war für Richter neben ihrer therapeutischen Bestimmung immer "Kulturtheorie". Die sozialpsychologische Dimension des psychoanalytischen Denkens hatte er mit Werken wie "Patient Familie", "Die Gruppe" oder "Der Gotteskomplex", um nur einige seiner bekanntesten Bücher aus den siebziger Jahren zu nennen, nachdrücklich entfaltet und sich mit ihnen in die aufnahmebereite Öffentlichkeit des sozialdemokratischen Jahrzehnts hineingeschrieben.

Zum "Hintercouchler" taugte er nicht

Seine Bücher wurden Bestseller. Weil sie Orientierung gaben - und weil sie verständlich, ohne den üblichen analytischen Jargon geschrieben waren. Richter hasste den Gestus des theoretischen Snobs; der, verliebt in die "Zuhältersprache" (W. Benjamin) seines Metiers, mit Unverständlichkeit glänzte. Die sogenannte "reine Theorie" war sein Fall nicht, dafür war sein Ethos zu stark ärztlich geprägt, sein Temperament zu zupackend. Aber wer jemals mit ihm über Schopenhauer oder Scheler diskutiert hat, weiß um seine umfangreiche philosophische Bildung.

Richter, der Philosophie, Psychologie und Medizin studiert hatte, ist es sein Leben lang darum gegangen, nicht in der Einseitigkeit eines Fachs zu versinken. Als das akademische Mantra der Interdisziplinarität aufkam, hatte er sie längst in vielfältigen Kontexten praktiziert, in seinem Institut, aber auch bei der Supervision von Kinderläden oder Sozialprojekten mit Gießener Obdachlosen. Richter war immer ein "öffentlicher Analytiker", einer, der mit seinen Erkenntnissen und Fähigkeiten hinaus in die Welt, der sie verändern, verbessern wollte.

Zum konsequenten "Hintercouchler" taugte er nicht, obwohl er zu jener kleinen Schar gehörte, die nach 1945 die unterm Nationalsozialismus verpönte Freudsche Psychoanalyse mühsam wieder in Deutschland etablierte. Von 1952 bis 1962 leitete er eine Beratungsstelle für seelisch gestörte Kinder und Jugendliche, gleichzeitig ließ er sich zum Psychoanalytiker und Facharzt für Psychiatrie ausbilden. Aus dieser Verschränkung von Theorie und Praxis entstand sein theoretisch wohl immer noch wertvollstes Buch "Eltern, Kind und Neurose". Man darf es als konsequente Selbstreflexion eines Therapeuten lesen, der sich nicht auf die vermeintlich überlegene Rolle fixiert, sondern in seinem Handeln immer wieder die eigenen Kind-Anteile, die vermeintlich längst abgelebten Familienkonflikte erlebt und therapeutisch aktiviert.

Stärke, aus Schwäche geboren

Horst-Eberhard Richter hat sich lebenslänglich mit seiner von ihm selbst als "angstneurotisch" porträtierten Herkunftsfamilie und seiner Rolle in ihr beschäftigt. Sie war ebenso prekär wie seine ganze Kindheit und Jugend während des Nationalsozialismus. Er, der schon körperlich so gar nicht dem Ideal des Herrenmenschen entsprach, musste lernen, sich mit seiner eigenen "Abweichung" zu beschäftigen und sich gegen Stärkere durchzusetzen. Die Folge war eine lebenslängliche Identifikation mit Schwächeren - einschließlich der Infragestellung überkommener "männlicher" Ideale von Stärke. Das hat ihn seit den sechziger Jahren zu einem gefragten Ansprechpartner der Alternativkultur gemacht.

Sein politisches Engagement erreichte einen Höhepunkt in den achtziger Jahren, zu Zeiten der Friedensbewegung. Pazifismus war für ihn die natürliche Konsequenz aus der Erfahrung des Weltkriegs, den er als Soldat an der Ostfront erlebte. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft mußte er erfahren, dass seine Eltern von russischen Soldaten ermordet worden waren. Diese doppelte Gewalterfahrung hat ihn zutiefst geprägt.

In der Friedensbewegung fand er mit seinen Publikationen und seinem persönlichen Einsatz breite Resonanz; typisch für Richter: nicht nur bei den vermeintlich Ohnmächtigen. Richter war als Politikberater gefragt. Er hat auch in dieser Rolle stets versucht, eine Balance zwischen Stärke und Schwäche zu finden; den Schwachen seine Einflussmöglichkeiten, zum Beispiel als Mitbegründer der Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs zukommen zu lassen und den Mächtigen das Bewusstsein für die Verführbarkeit durch ihre Stellung zu schärfen.

Dabei konnte er eine wesentliche selbstreflexive Erfahrung als Psychoanalytiker auf das Feld der Politik übertragen. "Je glatter Psychoanalytiker aus einer geschützten bürgerlichen Kindheit in die privilegierte Therapeutenkultur hineingewachsen sind und je ausschließlicher sich ihr soziales Leben auf das Therapiezimmer beschränkt, um so eher sind sie nach meinem Eindruck in Gefahr, ihre Ängste durch autoritäre Machtansprüche und Größenideen abzuwehren."



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Ylex 21.12.2011
1. Sprachrohr einer friedensbewegten Generation
Wie man hier sieht, interessiert Horst-Eberhard Richter nicht mehr. Doch angesichts der Todesmeldung und einer knapp angemessenen Eloge schmerzt der Anblick des leeren Forums – eine solche Ignoranz hat der wohl profilierteste deutsche Gutmensch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht verdient, also aus einer Zeit als der Begriff Gutmensch noch gar nicht existierte. Richter war das Sprachrohr einer friedensbewegten Generation, so engagiert wie sie in diesem Land so leicht nicht wieder entstehen wird, es sei denn aus Gründen, die sich niemand wünscht. Der hoch anerkannte Psychoanalytiker, Arzt und Psychiater dachte sowohl in psychologischen als auch in soziologischen Kategorien, er dachte pragmatisch, aber mit einem weiten Blick voraus, es ging ihm um Umsetzung, er schrieb und wurde zunehmend politisch, setzte sich an die Spitze der Friedensbewegung, wurde ihr intellektuelles Aushängeschild – dann wurde er langsam vergessen. Horst-Eberhard Richter hätte es nicht gefallen, dass er am Ende seines Lebens auch mit dem Niedergang einer gesellschaftlichen Hochphase verbunden wird, doch er wird es mit Blick auf die deutsche Gegenwart geahnt haben. Zwei Mal erlebte ich Horst-Eberhard Richter live, lange her, in Göttingen bei Podiumsdiskussionen – er blieb als damals schon dekorierter Akademiker immer auf dem Teppich, er bemühte sich um eine einfache und verständliche Sprache, was Teile der Zuhörerschaft sichtlich irritierte, besonders diejenigen, die noch in dem penetranten Polit-Kauderwelsch à la Rudi Dutschke steckengeblieben waren. Richter war ein freundlicher Mensch, alles Prätentiöse schien ihm zuwider zu sein, er führte Gespräche auf eine entwaffnend natürliche Art und verströmte dabei ein sanftes, doch nachhaltiges Charisma. Persönlichkeiten seines Ranges sind nicht leider nachgewachsen, er fehlt, obwohl es still geworden war um diesen praktischen Idealisten.
panzerknacker51, 21.12.2011
2. So ist es!
Zitat von YlexWie man hier sieht, interessiert Horst-Eberhard Richter nicht mehr. Doch angesichts der Todesmeldung und einer knapp angemessenen Eloge schmerzt der Anblick des leeren Forums – eine solche Ignoranz hat der wohl profilierteste deutsche Gutmensch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nicht verdient, also aus einer Zeit als der Begriff Gutmensch noch gar nicht existierte. Richter war das Sprachrohr einer friedensbewegten Generation, so engagiert wie sie in diesem Land so leicht nicht wieder entstehen wird, es sei denn aus Gründen, die sich niemand wünscht. Der hoch anerkannte Psychoanalytiker, Arzt und Psychiater dachte sowohl in psychologischen als auch in soziologischen Kategorien, er dachte pragmatisch, aber mit einem weiten Blick voraus, es ging ihm um Umsetzung, er schrieb und wurde zunehmend politisch, setzte sich an die Spitze der Friedensbewegung, wurde ihr intellektuelles Aushängeschild – dann wurde er langsam vergessen. Horst-Eberhard Richter hätte es nicht gefallen, dass er am Ende seines Lebens auch mit dem Niedergang einer gesellschaftlichen Hochphase verbunden wird, doch er wird es mit Blick auf die deutsche Gegenwart geahnt haben. Zwei Mal erlebte ich Horst-Eberhard Richter live, lange her, in Göttingen bei Podiumsdiskussionen – er blieb als damals schon dekorierter Akademiker immer auf dem Teppich, er bemühte sich um eine einfache und verständliche Sprache, was Teile der Zuhörerschaft sichtlich irritierte, besonders diejenigen, die noch in dem penetranten Polit-Kauderwelsch à la Rudi Dutschke steckengeblieben waren. Richter war ein freundlicher Mensch, alles Prätentiöse schien ihm zuwider zu sein, er führte Gespräche auf eine entwaffnend natürliche Art und verströmte dabei ein sanftes, doch nachhaltiges Charisma. Persönlichkeiten seines Ranges sind nicht leider nachgewachsen, er fehlt, obwohl es still geworden war um diesen praktischen Idealisten.
Zu jedem Dorftrottel-Nachruf fällt Foristen auch noch irgendetwas ein. Vermutlich ist Richter den meisten hier gänzlich unbekannt. Ich muß gestehen, in meinem Kopf ist der Mann in den letzten Jahren auch gänzlich verschwunden. Der total abgedroschene Begriff "Gutmensch" würde mir im Zusammenhang mit diesem wahrhaft aufrechten Charakter allerdings nicht einfallen; das würde ihn in die Nähe all der heute zu Hauf herumlaufenden Lichterketten-Idealisten rücken, die diesem Vorzeige-Intellektuellen nicht das Wasser reichen können.
alexbln 21.12.2011
3. .
in gedenken an einen menschenfreund und humanisten. mein tiefempfundes beileid seiner familie und freunden.
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