Von Christian Buß
In seinem Trenchcoat wirkte er immer wie imprägniert gegen sämtliche schädliche Umwelteinflüsse. Ob er nun im ausgestellten Wohlstand einer Grünwalder Villa ermittelte oder im schummrigen Licht eines Pornokinos im Bahnhofsviertel – Eitelkeit und Aufstiegswillen, Gier und Trieb schienen an ihm abzuperlen. Der Mann war gekommen, um zu registrieren und zu kombinieren. Ausgerechnet im schönen und reichen München musste Derrick, dieser Phlegmatiker der Verbrechensbekämpfung, dieser Buchhalter mit Polizeimarke, seinen Job verrichten.
Als ewigen Fremdkörper hat der Schauspieler Horst Tappert, der nun im Alter von 85 Jahren in München gestorben ist, den Ermittler Stephan Derrick gespielt. Doch wie heimisch dieser Fremdkörper im deutschen Fernsehen geworden ist! Von 1974 bis 1998 verkörperte der sonderbar alterslose Tappert den Ermittler, ganze 281 Folgen absolvierte er mit seinem einmaligen Gleichmut. Am Ende, da war er schon Mitte siebzig, bat er die Verantwortlichen inständig darum, endlich seinen Dienst quittieren zu dürfen.
Horst Tappert hat mit seinem Vierteljahrhundert Fernsehpolizeiarbeit eine Art Vertrautheit geschaffen, wie sie nur aus der Wiederholung erwachsen konnte. Es gab ja kaum etwas über diesen Derrick zu sagen, er verrichtete eben seine Arbeit, sein Privatleben war mehr oder minder tabu. Irgendwie machte man sich aber auch gar keine Hoffnungen, dass nach Dienstschluss etwas Aufregendes im Leben dieses Ermittlers passieren könnte.
Es war wohl dieses perfekt zur Aufführung gebrachte Versprechen auf Verlässlichkeit, das Tapperts Ruhm begründete. Von der Ölkrise über den Nato-Doppelbeschluss bis zum Mauerfall – die Welt stand gerne mal Kopf, aber Derrick verrichtete geradlinig wie immer seinen Dienst. Allzu verwirrende oder beängstigende Ereignisse des Zeitgeschehens fanden kaum Widerhall im Münchner Verbrechensbiotop. Das überließ das ZDF gerne der Konkurrenz vom ARD-"Tatort".
Nicht mal Ehrgeiz hatte der Kerl!
Vielleicht liegt in dieser Universalität, in dieser rigorosen Zeitlosigkeit, auch das Geheimnis des internationalen Erfolges von "Derrick". In 102 Länder wurde die Serie verkauft – unter anderem nach Italien, wo man den Ermittler zärtlich "Derrickee" ruft, und nach China, wo "Delike" im Staatsfernsehen von zeitweise 400 Millionen Menschen gesehen wurde.
Horst Tappert hatte nie etwas dagegen, auf seinen Reisen ins Ausland stets mit der Rolle gleichgesetzt zu werden. Das tat er schließlich selbst immer wieder: Er nannte seinen Derrick im Fernsehen gerne einen Spießer und wies freimütig darauf hin, sein eigener Charakter und der von Derrick seien ziemlich deckungsgleich. Kein Geheimnis, nirgendwo. Nicht mal Ehrgeiz hatte der Kerl! Trotz all der brillant gelösten Fälle blieb Derrick auf ewig im Rang des Oberinspektors verhaftet; sein Darsteller Tappert, der vielleicht einzige deutsche TV-Schauspieler, der in aller Welt bekannt ist, nahm es demutsvoll hin.
In das Bild des akkuraten Leisetreters passt es natürlich, dass Horst Tappert seinen beruflichen Werdegang als Buchhalter begann. An einem sächsischen Theater kümmerte er sich kurz nach dem Krieg um die Abrechnungen, bevor er eher zufällig auf die Bühne geriet. Es folgten Stationen an kleinen Häusern, bevor sich der markante Schlacks in seinen elf Jahren an den Münchner Kammerspielen einen überregionalen Ruf erspielen konnte. Mit Straßenfegern wie "Das Halstuch" (1962) oder "Die Gentlemen bitten zur Kasse" (1966) avancierte er schließlich zum bekannten Fernsehgesicht, und die unvermeidlichen Edgar-Wallace-Verfilmungen sorgten für weitere Bekanntheit.
Dass man Horst Tappert trotz all dem auf ewig mit der Rolle des Derrick assoziieren wird, hat einen einfachen Grund: In dem ganzen Vierteljahrhundert seiner Fernsehdienstzeit spielte er fast in keinem anderen Fernsehfilm mit. Dabei juckte es ihn nach eigenen Aussagen immer wieder in den Fingern, mal etwas Lustiges zu spielen. Aber das hätte eben die Glaubhaftigkeit dieses Inspektor Makellos getrübt, und das war mit einem Serienwertarbeiter wie Tappert nicht zu machen.
Nur einmal ließ er sich zu einem Späßchen hinreißen. 2004, da hatte er bereits angekündigt, nie wieder einen Film zu drehen, lieh er seine Stimme der Zeichentrickpersiflage "Derrick – Die Pflicht ruft", die auf ziemlich erbärmliche Weise Kapital aus dem Kultfaktor "Derrick" zu schlagen versuchte, aber im Kino zu Recht unter der 100.000-Zuschauer-Marke blieb.
Da wehte auf einmal ein Hauch von Tragik und eine Ahnung von Fehlbarkeit um diesen einzigartigen Asketen des deutschen Fernsehens, der sonst so tadellos seinen Unterhaltungsauftrag ausübte wie sein Alter Ego Derrick die Verbrechensbekämpfung.
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