Zum Tode Leo Brawands SPIEGEL-Macher mit Mutterwitz

Er war der letzte Vertreter der SPIEGEL-Gründergeneration, die gemeinsam mit Rudolf Augstein 1946 das deutsche Nachrichtenmagazin aufbaute. Jetzt ist Leo Brawand, der als langjähriger Chefredakteur des manager magazin auch die deutsche Wirtschaftspresse prägte, gestorben.


Niemand außer Rudolf Augstein selbst war so sehr mit dem SPIEGEL verbunden, ja verwoben wie Leo Brawand. 41 Jahre lang, von 1946 bis 1987, stand er als Redakteur an der Seite des SPIEGEL-Gründers, als Ladeschütze des von Augstein befehligten "Sturmgeschützes der Demokratie".

Als einer der allerersten hatte der 1924 geborene Brawand 1946 beim SPIEGEL-Vorläufer "Diese Woche" angeheuert, aus dem dann im Januar 1947 Augsteins neuartiges Nachrichtenmagazin hervorging.

Als SPIEGEL-Redakteur, als Leiter des Wirtschaftsressorts und ab 1972 als Chefredakteur des vom SPIEGEL-Verlag herausgegebenen manager magazin hat Brawand "Pressegeschichte geschrieben", wie die "Süddeutsche Zeitung" zu Recht feststellte. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann (FDP) würdigte Brawand 1988 bei der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes als "Nestor der deutschen Wirtschaftsmagazine".

Pressegeschichte schrieb Brawand während der SPIEGEL-Affäre 1962. Als die Polizei zur Razzia in der Redaktion im Hamburger Pressehaus anrückte, kletterte Brawand kurzerhand in einen Schrank. Dem entstieg er nach der Razzia unbemerkt und warnte Augstein telefonisch vor der drohenden Verhaftung - und ermöglichte ihm damit, sich freiwillig zu stellen.

Als die Führung des SPIEGEL angesichts des verhafteten Herausgebers und der versiegelten Redaktionsräume in Agonie zu fallen drohte, blieb Brawand kämpferisch - Augstein machte ihn aus der Haft heraus zum kommissarischen Chefredakteur. Das blieb er, bis Augstein nach 103 Tagen Haft wieder aus dem Gefängnis freikam; als Sieger im Kampf mit der Staatsmacht, auch dank Brawand.

SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo würdigt diesen legendären Einsatz entsprechend: "Mit Leo Brawand geht einer der Großen, einer dessen Geschichte hier im SPIEGEL jeder kennt: Der Mann, der sich im Schrank versteckte, als die Staatsmacht 1962 anrückte und die SPIEGEL-Affäre auslöste. Und der als kommissarischer Chefredakteur das Blatt machte, als Rudolf Augstein im Gefängnis saß. Nach ihm gibt es jetzt niemanden mehr, der von Anfang an dabei war. Wir werden Leo Brawand vermissen."

Brawands Optimismus war legendär. "Ich bin kein Kind von Traurigkeit" war ein Lieblingsspruch des jovialen Schnauzbartträgers mit dem stets nach hinten gegelten Haar. Als Chefredakteur des manager magazin, dem er ein unverwechselbares Profil gab, war Brawand allerdings auch gerissen genug, seinen alten Weggefährten Augstein möglichst im Unklaren über die finanzielle Lage des lange defizitären SPIEGEL-Ablegers zu lassen.

Eher nebenbei wurde Brawand in den Siebzigern dann auch zu einer Fernsehpersönlichkeit der Bonner Republik. Mit Eloquenz und Mutterwitz verteidigte er in damals vielgesehenen TV-Sendungen wie "Pro & Contra" oder dem "Internationalen Frühschoppen" die soziale Marktwirtschaft.

Die turbulente Frühgeschichte des SPIEGEL, die er selbst miterlebt und mitgestaltet hatte, machte der gelernte Englischlehrer Brawand zum Thema eines Buches, das er 2006, längst im Ruhestand, veröffentlichte. Für "DER SPIEGEL - ein Besatzungskind. Wie die Pressefreiheit nach Deutschland kam" befragte er noch einmal John Seymour Chaloner, den kurz darauf verstorbenen britischen Besatzungs-Offizier, der damals im zerstörten Hannover den SPIEGEL erfunden hatte.

Am liebsten spielte er Tennis und Golf, reiste, schrieb. Noch kurz vor seinem Tod beendete er das Manuskript für ein neues Buch. Am 8. Juni ist Leo Brawand, der letzte der SPIEGEL-Gründergeneration von 1946, in Hamburg einem Krebsleiden erlegen.

hmk/egl



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