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Zum Tode Malcolm McLarens: Mastermind des Punk

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Anarchisch, schrill, provokant - und dabei doch ironisch: Mit den Sex Pistols erfand Malcolm McLaren nicht nur eine Band, sondern eine ganze Haltung - und wurde so zum Mastermind der jüngeren Popgeschichte. Jetzt ist der Allround-Künstler im Alter von 64 Jahren gestorben.

Nicht ganz unbescheiden, aber treffend: " Marcel Duchamp nahm ein Urinal, ich nahm Johnny Rotten", beschrieb Malcolm McLaren einmal den zentralen Moment seines Werks. So, wie der Dadaist Duchamp die Kunst des 20. Jahrhunderts nachhaltiger revolutionierte als jeder andere, indem er 1917 ein schlichtes, handelsübliches Pissbecken zum Kunstwerk erklärte, revolutionierte Malcolm McLaren knapp sechzig Jahre später die Popkultur und prägt sie damit bis heute.

Mit seiner damaligen Frau Vivienne Westwood betrieb McLaren in der Londoner Kings Road einen kleinen Laden für Außenseiterklamotten. Der hatte seinen Namen schon häufiger gewechselt, hieß mal Let It Rock, mal einfach Sex. Als dort immer mal wieder ein schmaler Junge hereinschaute, der über den Schriftzug seines Band-T-Shirts von Pink Floyd die Worte "I hate" gekrakelt hatte, schwärmte Westwood ihrem Mann von dessen geradezu magischer Aura vor.

McLaren, der sich Mitte der Siebziger bereits in Manhattan als Manager der Punk-Vorväter New York Dolls versucht hatte, ahnte, was aus diesem Jungen werden könnte. Er verschaffte ihm seinen Künstlernamen (aus John Lydon wurde Johnny Rotten); dazu eine Band aus drei untalentierten Jungs. Die waren zuvor in McLarens Laden herumgehangen: "Sie konnten kaum Instrumente spielen, machten nichts als Lärm. Aber das interessierte mich nicht. Diese Jungs könnten meine Kunst promoten, dachte ich, sie könnten den Soundtrack liefern zu meiner Mission: anarchisch, schrill, ekelerregend."

Gut zu sein, ist langweilig

McLaren gab dieser Band ihren schlagkräftigem Namen: The Sex Pistols - den hatte er angeblich in einem alten Pornoheft gefunden. Wo sonst? Am 26. November 1976 erschien die Debütsingle "Anarchy In The U.K." - sie gilt heute als Geburtsstunde des britischen Punk, als ein Moment von kulturhistorischen Ausmaßen. Allein die Songzeilen "I am an antichrist, I am an anarchist" hätten genügt, einen Skandal auszulösen. War die Unterhaltungsbranche doch Mitte der Siebziger allen mittlerweile kursierenden Mythen zum Trotz unendlich viel gesitteter als heute. Dazu kam die abgerissene Kleidung der Band, ihr rotziger Tonfall, ihr ganzes Auftreten: Alles so provokant wie nur möglich - der von Goethe in "Faust" einst beschriebene "Geist, der stets verneint", hier hatte er endlich seinen prägnanten Ausdruck in der Popkultur gefunden.

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Malcolm McLaren: Punk-Mastermind
Natürlich hat Malcolm McLaren Punk nicht erfunden - aber er hatte ihn auf den Punkt gebracht. Die musikalischen Vorläufer waren die amerikanischen Garagenbands der Sechziger, die plakative Patchwork-Ästhetik war den Popart-Künstlern abgeschaut. McLaren selbst hatte Andy Warhol 1972 in Manhattan kennengelernt und mit ihm den Auftritt eines Transvestiten bestaunt - jetzt erwies er sich als sein gelehrigster Schüler: als der Warhol des Punk.

Jahrelang hatte McLaren, Jahrgang 1946, erfolglos an britischen Kunstschulen studiert - doch dort hat er, wie er später bekannte, nur eines gelernt: die Kunst des Scheiterns. In einem Interview beschrieb er den Einfluss, den seine Großmutter auf ihn hatte: "Sie sagte: 'Schlecht zu sein, ist gut. Gut zu sein, ist langweilig.'"

Man könnte es als die Kernaussage des Punk bezeichnen - und würde doch völlig falsch liegen. Denn so wuterfüllt und negativ sich die Punkbewegung auch vordergründig gab, sie war der letzte große, idealistische Aufbruch der Popkultur.

Spielerisch und ironisch

Die mittleren Siebziger waren eine Zeit der Lähmung und der enttäuschten Hoffnungen. Der große Aufbruch von 1968 war verebbt. Wer noch Träume hatte, radikalisierte sich: In der Bundesrepublik versuchte die RAF den gesellschaftlichen Aufbruch mit Maschinenpistolen herbeizuballern. Die Punks waren weniger schießwütig, in ihrer Verachtung für die alte Gesellschaft aber nicht weniger radikal: "God save the Queen, a fascist regime" hieß 1977 der Hit der Sex Pistols zum 25-jährigen Regierungsjubiläum der englischen Königin. Ein so kalkulierter wie erfolgreicher Tabubruch. Heute ist die dazugehörige Cover-Collage der Königin mit überklebter Mund- und Augenpartie ein Klassiker.

Doch McLarens Punk war nicht stumpf, wie es das Auftreten der Fußgängerzonenpunks seit Jahren ist, McLarens Punk war auch spielerisch und ironisch - es war genau dieses Unernste, das den Punk-Mastermind Malcolm McLaren auch persönlich von seinen Kreaturen, den Sex Pistols und deren zahllosen Epigonen, unterschied.

Schon 1978 löste die Band sich auf. Malcolm McLaren wandte sich schnell neuen Projekten zu. Er managte Bow Wow Wow, einen New-Wave-Hype samt minderjähriger Sängerin, entdeckte den kostümierten New-Romantic-Star Adam Ant, hatte Mitte der Achtziger unter eigenem Namen vom frühen HipHop beeinflusste Hits wie "Buffalo Gals" und "Double Dutch".

Universeller Sound- und Ästhetik-Baustein

Und auch, wenn er sein größtes Kunstwerk, die Sex Pistols, längst geschaffen hatte, versuchte er sich in seinen letzten Jahren ganz konventionell als Künstler. Das unterschied sich vom Schaffen anderer alternder Rockveteranen, sei es Udo Lindenberg, sei es Ron Wood, dann allerhöchstens noch in der etwas moderneren Form der Ausführung. Er machte Videokunst, keine Likörelle.

Sein Stellenwert war McLaren dabei immer bewusst: "Nachdem Punkrock sich im musikalischen Mainstream aufgelöst hat, ging Punk in die Kunst und hat sie viel stärker geprägt, als jedes Bild von Pablo Picasso. Kein britischer Künstler der Achtziger und Neunziger wäre ohne Punk vorstellbar."

Das ist nicht ganz falsch - und doch ging der Einfluss der Bewegung viel weiter: Punk steht heute genauso als Chiffre für eine grundsätzliche, sich den Konventionen verweigernde und dabei doch smarte Haltung, wie für einen Sound- und Ästhetik-Baustein, der sich vom FC St. Pauli bis hin zur US-Army, die mit einem Punksong Fernsehwerbung betrieben hat, beinahe universell gewinnbringend einsetzen lässt. Wie jede große Idee hat sich Punk verselbständig, geistert herum, wo und wie er will. McLaren selbst ortete den Untoten schließlich im Internet: "Dort lebt der Geist der Bewegung weiter."

Womöglich gilt das nun auch für Malcolm McLaren selbst. Auf seiner Homepage stand noch nach seinem Tod der Satz: "Malcolm will return shortly" - vielleicht Zufall, vielleicht aber auch ein letzter, großer Witz von Malcolm McLaren.

Am Donnerstag ist er im Alter von 64 Jahren in der Schweiz an Krebs gestorben.

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