Zum Tode Pina Bauschs Die zärtliche Revolutionärin

Sie krempelte das Tanztheater um und wurde zu einer international enorm einflussreichen Vertreterin deutscher Gegenwartskultur: Voller Wärme und skurrilem Humor brachte die große Choreografin Pina Bausch Besessene auf die Bühne - Figuren, die anrennen gegen eine feindliche Welt.

Von Joachim Kronsbein


Ihre Tanzabende kann man nicht vergessen. Und sei es nur eine einzige Szene daraus, die sich unauslöschlich in die Erinnerung eingegraben hat. Eine Frau etwa, die mit geschlossenen Augen über Tische und Stühle rennt, immer wieder und ungeachtet aller Schmerzen.

Das sind Geschöpfe Pina Bauschs, die an diesem Dienstag gestorben ist: Menschen, die laufen und nicht von der Stelle kommen. Wiederholungstäter mit unzerstörbarer Hoffnung auf Erlösung. Besessene des Wahns. Moderne Menschen eben.

Die Figuren in den Tanz-Stücken von Pina Bausch, der großen Choreografin, sind Getriebene, Leidende - aber sie sind auch Kämpfer. Sie rennen - meist buchstäblich - an gegen eine unfreundliche, feindliche Welt.

Das hat dennoch einen skurrilen Humor, manchmal beißende Ironie, aber am Ende ist es aus wärmender Zärtlichkeit entstanden, die nur aus einem tiefen Verständnis für Unzulänglichkeiten kommen kann - Verständnis für die Zerbrechlichkeit der Menschen.

Pina Bausch, die jetzt im Alter von 68 Jahren gestorben ist, hinterlässt ein großes Werk. Sie hat das Tanztheater umgekrempelt. Ob sie ein Erbe hinterlässt, muss sich erst noch zeigen.

Ihre Ästhetik und ihr Anspruch, gesellschaftlich relevante Stücke zu zeigen, schienen zuletzt nicht mehr in eine Zeit zu passen, in der sich hemmungsloser Narzissmus als kompromissloser Individualismus tarnt.

Bausch, die Gastwirtstochter aus Solingen, die seit 1973 das Tanztheater Wuppertal leitete, wollte aber erzählen. Sie wollte mit ihren berühmten Stücken wie "Café Müller", "Nelken" oder "Kontakthof" erzählen vom zerbrechlichen Glück zwischen Männern und Frauen, vom Eingeengtsein in Normen, von der unerfüllbaren Sehnsucht nach Freiheit und Selbstaufgabe.

Exportartikel für die deutsche Gegenwartskultur

Und sie entwickelte dafür eine ganz eigene Sprache. Ihre Tänzer waren immer auch Schauspieler und Sänger, sie sprachen mit dem Publikum, gingen durch die Reihen, sangen Lieder. Das hatte bislang noch niemand von seiner Truppe verlangt. Und dem Publikum war das anfangs auch zu viel: Pina Bausch bekam Drohbriefe und erlebte harsche Ablehnung.

Die Geschichte ihres Erfolges ist auch eine Geschichte der Beharrlichkeit. Und der Treue. Zur eigenen Überzeugung und zu Wuppertal, dieser Provinzstadt in Nordrhein-Westfalen, die für immer mit dem Namen von Pina Bausch verbunden sein wird und deren Ehrenbürgerin sie war.

In den letzten Jahren hatte sich ein besonderer Arbeitsstil ergeben. Die Truppe fuhr mit der Chefin in ein fremdes Land, erarbeitete mit dortigen Künstlern ein Stück und zeigte es dann auf Tourneen und in Wuppertal. Am glückhaftesten war da wohl die Begegnung mit Indien.

Den Widerspruch zwischen ihrer Treue zu Wuppertal und den Gastspielen formulierte Pina Bausch einmal so: "Reisen, vor allem Fliegen, mag ich nicht. Aber ich bin sehr gern woanders."

Sie wurde so eine der erfolgreichsten und beständigsten Exportartikel für die deutsche Gegenwartskultur, geehrt und verehrt und im Laufe der Jahre auch ein wenig zum Denkmal erstarrt.

Tanz war vor allem Theater

Aber das Tanztheater lässt sich, und das ist wahrlich keine Übertreibung, in eine Zeit vor und in eine Zeit nach Pina Bausch einteilen. In eine Zeit vor und nach der großen Revolution.

Pina Bausch hat den Tanz grundlegend verändert, in dem sie ihm die letzten Reste seiner höfischen, repräsentativen Herkunft ausgetrieben hat. Keine nur schönen Bewegungen, keine bloße kraftmeierische Artistik, kein Versuch, die Schwerkraft auszuhebeln. Bei ihr war Tanz vor allem Theater.

Das klassische Ballett wollte zerstreuen. Pina Bausch wollte irritieren, verunsichern, provozieren.

Ihre Arbeiten entstanden aus dem Bedürfnis nach künstlerischer Wahrhaftigkeit. Und ihre Tänzerinnen und Tänzer wurden daran beteiligt.

Was empfindet ihr, wenn ihr zärtlich seid, zornig oder traurig, fragte sie immer wieder. Und wie bewegt ihr euch dann? Und gemeinsam schufen sie dann da in Wuppertal Aufführungen, die nie vergisst, wer das Glück hatte, sie zu sehen.



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