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14. Mai 2008, 10:10 Uhr

Zum Tode Robert Rauschenbergs

Alles ist Kunst - Kunst ist alles

Von , New York

Ausgestopfte Tiere, ausradierte Bilder, blutbefleckte Laken: Der Allround-Künstler Robert Rauschenberg sprengte fröhlich alle Stilgrenzen und wurde so zum Unikum. "Amerikas Picasso" verstarb im Alter von 82 Jahren - und lässt die Welt um ein Ausnahmetalent ärmer zurück.

New York - Robert Rauschenbergs erstes großes, bis heute kontroverses Werk wäre fast nicht zustande gekommen - aus Angst. 1953 war das, und Rauschenberg, ein 27-jähriger Jung-Künstler in New York, hatte eine verrückte Idee. Sein Idol war Willem de Kooning, der ältere Star der abstrakten Expressionisten. Wie wäre es, dachte sich Rauschenberg, wenn er de Kooning fragte, ob er eines seiner Bilder ausradieren dürfe - eine Art Kunst aus Kunst?

Rauschenberg, der sich durch seine frechen, rein weißen "Gemälde" einen ersten Namen gemacht hatte, kaufte eine Flasche Jack Daniel's, begab sich zu de Koonings Studio und klopfte bang an die Tür. "Die ganze Zeit hoffte ich, das er nicht da sein würde", erinnerte er sich später. "Doch er war da."

Nach "ein paar ungemütlichen Minuten" rückte der Altmeister schließlich ein Bild heraus: "Eines, das wirklich schwer auszuradieren ist." Das Gemälde bestand aus Kohlestift, Bleistift, Öl und Zeichenkreide. Rauschenberg brauchte einen Monat und zahllose Radiergummis, um all das wieder von der Leinwand zu rubbeln.

Das Ergebnis, ein Skandal: "Vandalismus", riefen die einen, "Protest", fanden andere. Rauschenberg selbst schmunzelte nur, er war über Nacht berühmt, und "Erased de Kooning Drawing" hängt heute, unschätzbar wertvoll, im Museum of Modern Art von San Francisco.

Was ist Kunst? Rauschenberg, der fraglos bekannteste Allround-Modernist der USA, stellte sich diese Ur-Frage seinerzeit genauso, wie es heute all jene tun, die immer noch ratlos vor seinen Stücken stehen: einfarbige Flächen, skurrile Collagen aus Alltagsobjekten, ein ausgestopfter Adler, der mit ausgebreiteten Schwingen aus der Leinwand zu stürzen scheint ("Canyon", 1959). "Amerikas Picasso", schrieb der Kunstkritiker Jerry Saltz 2005 über eine Rauschenberg-Retrospektive im New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Es war Rauschenbergs letzte große Rückschau. Der Pionier der Pop-Art hatte sich da längst nach Captiva zurückgezogen, ein Inselidyll vor Florida, mit seinem 27 Jahre jüngeren Kollaborateur und Lebensgefährten Darryl Pottorf. Rauschenbergs dortigen Werke - enorme Ob- und Projekte, entstanden in einem nicht minder enormen Atelier - kamen an seinen früheren Aberwitz allerdings kaum mehr heran.

"Titan der amerikanischen Kunst"

Doch da war sein Lebenswerk bereits Legende - und das wiederum für ihn bis zuletzt eine Quelle privater Verblüffung und Amüsements. Er war viel zu bescheiden, um sich selbst allzu ernst zu nehmen, und hätte sicher gelächelt über all die bombastischen Würdigungen, die jetzt erklingen, nach seinem Herztod am Montag. Etwa die der "New York Times", die den im Alter von 82 Jahren verstorbenen Rauschenberg als den letzten "Titan der amerikanischen Kunst" betrauert.

Ein Titan, sicher allein von Ausstoß und Vielfalt her: Rauschenberg war Maler, Bildhauer, Drucker, Fotograf, Performance-Künstler, Choreograf, Bühnenbildner, Komponist. Er scherte sich nicht um Metiergrenzen, verquirlte das ganze Leben zu einer neckischen Melange der Sinne: Alles ist Kunst, Kunst ist alles - und die wahre Kunst ist es dabei, das zu erkennen.

Er war der erste, der dieses heute fast selbstverständlich-platte Paradigma pflegte. "Leute, die Sachen wie Seifenschalen und Spiegel und Coke-Flaschen hässlich finden, tun mir wirklich leid", sagte er einmal. "Sie sind den ganzen Tag von diesen Dingen umgeben, und es muss ihnen das Leben vermiesen."

Rauschenberg zog es vor, das Spaß- und Absurditätspotential des Alltags hervorzukitzeln - und damit die Geduld des Betrachters. Damit setzte er zugleich bewusste Kontrapunkte gegen die gequälte Düsternis der abstrakten Expressionisten, die damals en vogue waren.

Er kombinierte eine ausgestopfte Angoraziege, die er für 35 Dollar auf New Yorks Eighth Avenue erstanden hatte, mit einem Autoreifen, einer Polizeiabsperrung, einer Schuhsohle und einem Tennisball ("Monogram"). Er betröpfelte Zeitungsausrisse und alte Fotos ("Factum"). Er bespritzte ein fahles Quilt, ein Laken und ein abgewetztes Kissen mit blutiger Farbe ("Bed").

Ikonen eines neuen Kunstbegriffs

"Combines" nannte er diese frühen Einfälle - Vereinigungen: Anfangs verlacht, setzten sich seine absurden Sammelsurien bald im Bewusstsein der Amerikaner fest, als "instant classics", Ikonen eines neuen Kunstbegriffs, die die Brücke schlugen zur späteren Pop-Art.

De Koonings hatte seine Wischgesichter, Jackson Pollock seine Tropfbilder, Jasper Johns seine Sternenbanner und Andy Warhol seine Tomatensuppendosen: Rauschenberg persiflierte alle Trendsetter seiner Zeit - und transzendierte sie dabei lässig, indem er sich von deren starren Stilkorsetts befreite.

Bei seiner ersten Retrospektive 1963 traf er eine Besucherin, die über die ausgestopfte Ziege in "Monogram" die Nase rümpfte. Dies mache keinen Sinn, habe ihn die Dame gerügt - ergo sei es hässlich. Das Gleiche, erwiderte Rauschenberg, könne man aber auch über ihre Kluft sagen: Federn im Haar, Emaillebrosche, ein "totes Tier" um den Hals. "Zuerst war sie etwas beleidigt, glaube ich, aber dann kam sie zurück und sagte, sie beginne zu verstehen."

Kubismus, Dadaismus, Surrealismus: Die wichtigtuerischen Schlagworte der Kunstszene waren Rauschenberg sowieso immer schon fremd. Enkel eines Immigranten aus Berlin, Sohn fundamentaler Christen: Milton Ernst Rauschenberg (er nannte sich später um) wuchs im texanischen Port Arthur auf, an der schwülen Grenze zu Louisiana und fernab intellektueller Finesse. Zum Sparen schneiderte die Mutter Kleider aus Lumpen; die Natur des Sachensuchers lag ihm also in der Wiege. Für "Bed" verwandte er die eigenen Nachtlaken, weil er kein Geld für eine Leinwand hatte.

Eigentlich wollte Rauschenberg ja erst Prediger werden. Oder Apotheker. Und obwohl er dann am Kansas City Art Institute, an der Académie Julian in Paris und bei der deutschen Bauhaus-Legende Josef Albers studierte, beeindruckten ihn auch diese Erlebnisse wenig. Gerade Albers trieb ihn mit seiner Formstrenge genau zum Gegenteil. (Der pedantisch-asketische Albers verabscheute seinen Ex-Eleven so sehr, dass er ihn, als der berühmt wurde, verleugnete.)

Laut, lustig, trinkfest

Rauschenberg war laut, lustig, trinkfest. Seine Kreativität blühte in Partnerschaft mit anderen Avantgardisten auf, die etablierte Stilvorgaben abschüttelten. Etwa mit dem Choreograf Merce Cunningham oder dem Komponisten John Cage, dessen tonlose Stücke ihn zu seinen weißen, schwarzen und roten Bildern inspirierten - satirische Affronts der fünfziger Jahre, jenes biederen Jahrzehnts, das Revolte und Rebellion ja geradezu herausforderte.

Mit seinem fünf Jahre jüngeren Protégé Jasper Johns, der ebenso auf der Suche nach einer künstlerischen Identität war, verband ihn eine unbändige Kreativität. "Jasper und ich haben Ideen buchstäblich ausgetauscht", sagte Rauschenberg seinem Biografen Calvin Thomas.

Es war mehr als künstlerische Symbiose: Der von der Malerin Susan Weil geschiedene Rauschenberg und Johns waren acht Jahre lang liiert. Bis ihre Beziehung in einer dramatischen Trennung zerbrach, die beide aus New York in die Provinz hinaus verschlug.

Rauschenberg verlor dabei das Interesse an Gemälden und "Combines". Er verlegte sich auf Skulpturen, Installationen, Performance-Art, bei der er selbst meist mit auftrat. 1984 gewann er einen Grammy - für das Design des Talking-Heads-Albums "Speaking in Tongues".

In eine Sparte einordnen konnte ihn immer noch keiner. Er war weder Expressionist noch Pop-Artist, und "Neodadaist", wie ihn einige nannten, klang auch gezwungen.

In einem aber waren sich alle einig: Rauschenberg war ein "Genie, das Amerika zeigte, dass das ganze Leben für die Kunst offen sein kann", schrieb Robert Hughes in "Time", und der Londoner "Sunday Telegraph" nannte ihn schon 1965 "den wichtigsten amerikanischen Künstler seit Jackson Pollock".

Er wurde reich, doch spendete viel an andere - Millionen für gute Zwecke und linksliberale Politiker. "Ich will nie von hier gehen", sagte er dem Magazin "Harper's Bazaar" 1997 über den Tod. "Ich habe Angst, dass etwas Interessantes passiert und ich es verpasse."

Etwas, das er nun verpasst, ist die traditionelle Frühjahrsauktion moderner Kunst, die heute Abend bei Sotheby's in New York stattfindet. Drei Rauschenbergs stehen im Katalog, darunter "Overdrive", ein Siebdruck-Ölgemälde von 1963. Das Mindestgebot lag bisher bei 10 bis 15 Millionen Dollar, allein das ist ein Rekord für einen Rauschenberg. Der Enderlös dürfte nun wesentlich höher liegen.

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