Zum Tode Sigmar Polkes Der Scherzempfindliche

Der Elitismus der Kunst war für ihn ein Witz. Deshalb bewegten sich eine Arbeiten oft am Rande zum Schabernack. Einordnen ließ sich Sigmar Polke nicht, dafür hielt er den Betrieb ordentlich auf Trab: mit raffinierten Ideen und einem feinen Gespür für die Krisen der Zeit.

Maler Sigmar Polke: "Ich bin auch ein Punkt"
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Maler Sigmar Polke: "Ich bin auch ein Punkt"

Von Eva Rose Rüthli


Auch wer Kunst für eine hochseriöse Angelegenheit hält, muss bei diesem Bild grinsen. Nur eine Kante ist dunkel ausgemalt, der Rest bleibt weiß, bis auf eine dürre, auf Schreibmaschine getippte Erklärung: "Höhere Mächte befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen." Selbst die Schrift hüpft vergnügt auf und nieder. Längst ist das Bild zum postmodernen Ironieposter geronnen. Es gibt Kritiker, die behaupten, dass Sigmar Polkes Kunst seit nun bald 50 Jahren eine Reihe von sehr ernsthaften Scherzen ist.

Vielleicht ist das aber auch das Fazit des Resignierten, denn Polke hat es den professionellen Einordnern immer schwer gemacht. Eigentlich wird er als Maler gehandelt, doch er arbeitete auch an Installationen, Zeichnungen, Grafiken, Collagen und Fotografien.

Er malte Reklamemotive aus der Bäckerblume ab, aber auch Drohnen, amerikanische Aufklärungsflugzeuge, auf der Jagd nach al-Qaida. Seine Leinwand überschüttete er mit Lacken, Säuren, Salzen, befreite sie von Figuration und überließ sie der chemischen Reaktion. So entstanden Bilder, die je nach Temperatur, Beleuchtung oder Raumfeuchtigkeit anders schimmerten, sich stets änderten. Als Bildträger taugten auch Stoffe oder Tapeten.

Interviews gab er keine, und als Polke 1986 bei der Biennale in Venedig den deutschen Pavillon bespielte - dafür gab es den Goldenen Löwen -, begegnete er den Fotografen mit einer eigenen Kamera vorm Gesicht. Er selbst liebte vor allem Punkte. "Mit vielen Punkten bin ich verheiratet", schrieb er in einem Katalogtext. Ich möchte, dass alle Punkte glücklich sind. Die Punkte sind meine Brüder. Ich bin auch ein Punkt. Früher haben wir immer zusammen gespielt, heute geht jeder seine eigenen Wege."

Chamäleon, Alchimist und Scherzkeks, das sind die Labels, die dann immer noch haften bleiben, dabei feierte man ihn einst als deutsche Antwort auf die Pop Art und deren Vertreter Rauschenberg, Lichtenstein und Warhol.

Ironie, die sich auszahlte

Die Währungen, die im Kunstsystem für Renommee und Bedeutung stehen, sind Ausstellungen und Auktionspreise, Biennalen und die Teilnahme an der Documenta - und wer will, kann auch auf den "Kunstkompass" des "Manager Magazins" schauen: Sigmar Polke stand immer oben, gleich neben Gerhard Richter, dem anderen deutschen Malerforscher, mit dem er schon als Student Anfang der sechziger Jahre in Düsseldorf den "Kapitalistischen Realismus" gründet, ein ironischer Gruß an den Sozialistischen Realismus.

Schabernack trieb er auch mit Ausstellungstiteln und Bildnamen. "wir kleinbürger - zeitgenossen und zeitgenossinnen", so hieß eine Schau 1976 in Bern - und als Hommage 2009 auch die dreiteilige Exposition in der Hamburger Kunsthalle. Bei allen Scherzen ging es Polke aber immer auch um die Rolle der Kunst, die Rolle des Künstlers. In diese elitäre, hermetische Sphäre hat er "das große Triviale" hereingelassen, wie Benjamin H. D. Buchloh einmal einen Essay über Polke betitelte.

Geboren wurde Polke 1941 im heutigen Olesnicka, mit seiner Familie floh er 1945 nach Thüringen und siedelte 1953 erst nach West-Berlin, dann nach Düsseldorf um und begann dort eine Lehre als Glasmaler. Zu diesem alten Kunsthandwerk kehrte er in den letzten Jahren zurück, als er für das Zürcher Großmünster zwölf Fenster gestaltet. Im Oktober 2009 wurden sie der Öffentlichkeit gezeigt, es gab dafür viel Beifall und den hochdotierten Roswitha-Haftmann-Preis.

In der Nacht zum Freitag ist der Künstler mit 69 Jahren nach langem Krebsleiden in seiner Kölner Wohnung gestorben.



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