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Zum Tode Thomas Harlans: Ich, der Nazi-Spross

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Ewiger Sohn, ewiger Grenzgänger: Wie kein zweiter deutscher Künstler arbeitete sich Thomas Harlan an seinem Vater Veit ab, der mit "Jud Süß" den perfidesten Hetzfilm des Dritten Reiches gedreht hatte. Jetzt erlag Harlan Junior mit 81 Jahren einem langjährigen Lungenleiden.

Thomas Harlan: Im ewigen Kampf mit dem Vater Fotos
ddp images

Die Lungen pfiffen schon, aber die Luft schien ihm noch lange nicht auszugehen. Beim letzten seiner vielen Auftritte im deutschen Fernsehen war der Filmemacher, Romancier und Holocaust-Rechercheur Thomas Harlan schon von seinem Lungenleiden schwer gezeichnet - die Vehemenz jedoch, mit der er von den Verbrechen seines Vaters erzählte, war dieselbe wie eh und je.

In der Dokumentation "Harlan - im Schatten von Jüd Süß", die letzten Monat im WDR ihre TV-Premiere feierte, bezog er ein letztes Mal Stellung gegen seinen Vater Veit, der in seiner Funktion als Regisseur dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels seinen wirkungsvollsten Hetzfilm geschenkt hatte: "Sein Film", so Sohn Thomas, "ist ein Mordinstrument geworden, so einer hätte nicht arbeiten dürfen."

Tatsächlich lag der Schatten von "Jud Süß", der einst SS-Schergen an der Ostfront gezeigt wurde, um sie für die Arbeit in den Vernichtungslagern von Auschwitz oder Treblinka einzustimmen, über dem gesamten Schaffen von Thomas Harlan. Es mutet tatsächlich so an, als ob er keine Zeile geschrieben und keine Sequenz gedreht habe, ohne dabei das Menschheitsverbrechen zu reflektieren, als dessen mentalen Vorbereiter er den eigenen Erzeuger sah.

Die Radikalisierung von Thomas Harlan begann über ein Jahrzehnt, bevor sie andere deutsche Nazi-Söhne und -Töchter erfasste. Deutschland war noch Heimatfilmprovinz, da betrieb er in den fünfziger Jahren von Paris aus Studien und Selbstversuche in Philosophie und Revolution. Er lebte unter anderem mit dem Philosophen Gilles Deleuze zusammen, bereiste mit Klaus Kinski den frisch gegründeten Staat Israel und lernte später den italienischen Verleger und Revolutionsfinanzier Giangiacomo Feltrinelli kennen.

Der Verleger von "Doktor Schiwago" unterstützte mit seinem Geld nicht nur linksradikale Gruppen, sondern auch die Planungsarbeiten zu Thomas Harlans Dokumentation "Das Vierte Reich" - die der internationalistisch umtriebige Künstler dann allerdings doch nie realisierte. Statt dessen drehte er Filme über die portugiesische Nelkenrevolution ("Torre Bela", 1975) oder über die Wiederkehr des ermordeten Kaisers Jakob I. von Haiti ("Souvenance", 1991).

Ein Nazi-Scherge inmitten von KZ-Überlebenden

Hierzulande sorgte er vor allem für Aufsehen mit seinem zwischen 1978 und 1984 entstandenen "Wundkanal", eine Art Sozialexperiment, für das er den einstigen SS-Mann Alfred Filbert vor die Kamera holte und mit seinen Opfern konfrontierte. Wegen Mordes 1962 zu lebenslanger Haft verurteilt, wurde der ehemalige SS-Obersturmbannführer 1975 wegen gesundheitlicher Gründe aus dem Gefängnis entlassen. Begleitet wurden die Dreharbeiten von dem US-Regisseur Robert Kramer, der seine Beobachtungen schließlich zeitgleich mit "Wundkanal" unter dem Titel "Notre Nazi" auf der Berlinale 1985 präsentierte. Darin zu sehen: ein aufgebrachter Regisseur Harlan, der seinen unvorbereiteten "Hauptdarsteller" Filbert in die Mitte von KZ-Überlebenden treibt, die ihm Klamotten und Toupet vom offensichtlich gesundheitlich voll intakten Körper reißen.

Diese wohlgemerkt auf Einladung von Thomas Harlan entstandene Dokumentation einer Dokumentation demonstriert vielleicht am deutlichsten die Strategie des ewigen Sohnes und ewigen Grenzgängers: In dem berechtigten Hass auf die Väter war er zu keiner Revision bereit, er behandelt diesen Hass aber stets mit an Selbstzerfleischung grenzender Selbsthinterfragung: Ich, der Nazi-Spross.

Noch bis vor kurzem hat er an seinem letzten Projekt gearbeitet - einem Buch über seinen Vater, das nächstes Jahr unter dem Titel "Veit" bei Rowohlt erscheinen soll. Die letzten Korrekturen führte der eigentlich in Frankreich lebende Künstler dann in einem deutschen Sanatorium aus.

Dass er wegen seines Lungenleidens ausgerechnet nach Berchtesgaden ging, jener Region, wo sich während des Dritten Reiches die Nazi-Oberen vom Mühsal ihres Vernichtungskrieges erholten, ist wohl als letzte große Selbstzerfleischung des Radikalgeschichtsaufarbeiters Thomas Harlan zu deuten. Wie sein Verleger am Montag bestätigte, erlag er dort am Sonnabend im Alter von 81 Jahren seinem Leiden.

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